— 864 —
ungereifte Ansehen — z. B. durch Schimpfen auf die Majorität — zu erhalten. Ja, ja: „Eigentlich hätten die Demokraten ihren Jrr- thum einsehen und Herrn Pfaff wählen müssen." Alter Jehovah, deine Welt ist doch nicht so übel!
** Kassel, 27. Aug. — In geheimer Sitzung sind zu Ausschußmitgliedern zur Prüfung des Rechenschaftsberichts deS permanenten Ausschusses gewählt: Theobald, Wippermann, Kellner, Cöster und Kompe. Für den geheimen Ständeausschuß sind der Regierung vorgeschlagen: Schwarzenberg, Gräfe, v. Schenk, Wippermann und Nebelthau. — Zur Verstärkung des permanenten Ausschusses auf den Fall von Vorschlägen zum Oberappellationögericht sind gewählt: Eber- hard, v. Schenk, Wolf, Theobald, Möller, Kompe, Winzingerode, Loth, Förster und Krug. Ersatzmänner: Nebelthau, Wippermann, Bar und Lind.
O Vacha, 2t. Aug. — Sie werden mit mir übereinstimmen, daß ohne eine freie Gemeindeverfassung, ohne regeS Gemeindeleben, ohne Theilnahme der Bürger an städtischen Angelegenheiten daü Volk uiemalâ auS seinem JndifferentiSmuS gerissen wird — und daß in der Gemeinde der Altar ist, auf dem wir der Freiheit stets uud ständig ein loderndes Feuer erhalten (?) können, mitten im Belagerungszustand und Standrecht. Diese allgemeine Betrachtung muß ich vor- ausschicken, um zu rechtfertigen, daß ich von meiner kleinen Heimatstadt ans die Nachricht für Sie für nicht zu unwichtig halte, daß auch hier endlich die Diktatur der Regierung durch einen Stadtpascha (den jedesmaligen Justizbeamten) aufgehört hat. Der letzte Pascha oder Stadtschultheiâ , der unser vktroyirter Bürgermeister war und nach dessen Pfeife die ganze Brut zopfiger Stadträthe rc. tanzen mußte, hieß Stapf. Im März 1848 nahm er Reißaus hinter Weimars schützende Mauern; als der Sturm vorbei war, kehrte er baldigst zurück und schreitet wiederum stolz und keck umher. Der jetzige Gemeinde- rath besteht auâ tüchtigen, unabhängigen Männern, an ihrer Spitze der Bürgermeister Heisen. Möge überall die Volkspartei mit allem Fleiß und mit aller Hingabe und Aufopferung sich des HauShaltâ und der Wohlfahrt der Gemeinden annehmen, damit an ihr der Bibelspruch in Erfüllung gehe , der da heißet: „ Ei Du lieber und getreuer Die- uer, ich hatte Dich über Weniges gesetzt, ich will Dich über Vicleâ setzen..."
D Berlin, 25. August.— Nicht Mecklenburg, wie ich Ihnen schrieb, sondern Oldenburg soll von Preußen zum Schiedsrichter in der Mainzer Angelegenheit ernannt worden sein. Es schwankte die Wahl zwischen Ko-, Mecklen- und Oldenburg, endlich hat man diejenige Burg gewählt, die am wenigsten Sicherheit für die „Wahrung der preußischen Ehre" darbietet — und so ist eâ ja schon recht! — Von Unious - und dergleichen Geplärre habe ich Ihnen heute glücklicherweise nichts zu melden. ES bleibt beim Alten, d. h. beim Provisorium ; die Vorträge deS Hrn. v. Radowitz haben im Ministerrathe die entschiedenste Anerkennung gefunden, die „Uebereinstimmung" scheint also fortzudauern. Nicht ganz ist sie wieder bergestellt in der ehr- samen Körperschaft unserer Stadtverordneten. Es soll noch Rache genommen werden an der Linken, die den Saal verlassen. Die König- liche Regierung und Hr. Naunyn verlangen eS so, und wie gewöhnlich sinden sich einige Paragraphen in der Städteordnung, auf die man sich stützt und nach denen jeder einzelne Stadtverordnete wegen „Störung der Ruhe und Ordnung" und „Wegbleiben" wie ein Schuljunge bestraft werden kann. Es kommt nur darauf an, daß die Rechte beschlußfähig ist, dann werden die 24 linkischen Stadtverordneten auf die faule Bank gesetzt und mit Ruthen gestrichen, exempli causa! — Kirchmann, der sich jetzt mit seiner Familie in Karlsbad befindet, soll nun auch bald vor die Geschwornen kommen. Man hat sich ungeheure Mühe gegeben, aufzufinden, ob er sich nicht etwa blos bei dem politischen Reichenbach'schen Prozeß dem Beschlusse deS Obertri- bunalS widersetzt und bei anderen nichtpolitischen Fällen sich gefügt habe. ES soll aber nichts gegen ihn aufgefunden sein, trotz der Spitz- findigkeit unserer Juristen. Kirchmann wird seine Vertheidigung wahrscheinlich selbst führen. — WaS doch die Gothaer nicht Alleâ wissen! Jetzt haben Sie wieder erfahren, daß die Berliner Demokraten keinen Groschen mehr für Schleswig-Holstein geben wollen, weil die Londoner Republikaner zurückgewiesen sind. Allerdings wäre das ganz vernünf- tig, da es keinem Menschen zu verdenken ist, wenn er keinen Heller mehr für die konstitutionelle Wirthschaft der Herren Beseler, Gagern und Konsorten geben wollte, denn daS Geld dient doch blos dazu, daß die konstitutionelle Herrschaft um so herrlicher werde. NichtS destoweniger ist jene konstitutionelle Nachricht rein auâ der Luft gegriffen; die Demokraten geben leider immer noch. Man braucht ja nur die bei der „Urwähler- und Nationalzeitung" erngelaufenen Beiträge mit denen der übrigen zu vergleichen; beide haben über 6000 Thlr. zusammengebracht, und doch geht viel eher ein gutmüthiger Demokrat mit seinem Beitrage zu einem konstitutionellen Sammler, als
ein Gothaer zu einem Demokraten. Die Herren thuen schon recht, wenn sie die Demokraten zurückweisen, dann blamiren sie sich allein. Und ob sie sich blamiren, um daS zu wissen, braucht man nur nach Rendsburg zu sehen. Sie unterhandeln schon wieder!! Preußen soll Hoffnungen gemacht haben!! — Zum Schluß eine Anekdote. Sie werden sich zur Zeit nicht sehr über die Freilassung Ohm 'â gewundert haben, denn Sie waren darauf vorbereitet; aber Sie wurden vielleicht durch die plötzliche Art und Weise, mit der sie vorgenommen wurde, überrascht. Ich habe jetzt Näheres darüber erfahren. Der König hat eine Art von Geheimsekretär, einen Hrn. von Niebuhr, so einen kleinen Radowitz. Dieser junge Hr. von Niebuhr ist, wie natürlich, Pietist und auch Jrvingianer, d. h. er gehört zu jener Sekte, die den Messias für unsere heruntergekommene Welt erzeugen will; vielleicht gehört er gar zu den zwölf stereotypen Aposteln dieser Sekte. Ob Wagener, der be—rühmte Redaktenr der „Neuen Preußischen", auch Jrvingianer ist, weiß ich nicht, ist aber sebr wahrscheinlich. Doch Wagener ist ein guter Freund von Niebuhr, und Wagener und Gödsche sind natürlich ein Herz und eine Seele, Wagener ist die Kirche für daS wahre Christenthum und Gödiche ist die Kapelle für den Teufel daneben — ächt mittelalterlich , wie die ganze interessante Zeitung. Besagtem Hrn. v. Niebuhr nun stellte Gödsche seine HerzenSqual um den gefangenen Freund und „Patrioten" vor, und Hr v. Niebuhr beschloß, ein „zufälliges" Zusammentreffen zwischen Gödsche und Sr. Majestät Friedrich Wilhelm IV. zu vermitteln, Im Schloßgarten zu ©andfouct stieß der König auf den kleinen dicken Gödsche. „Wie heißen Sie?" — Gödsche, Ew. Majestät allcr- unterthänigster Diener und treugehorsamster Patriot. — „Ab sieh'!" wandte sich der König zu seiner Gemahlin, „unser Zuschauer! Nun, WaS wünschen Sie?" — Gödsche trug nun sein VerSlein von dem gefangenen Märtyrer vor und wurde huldvoll mit der Versicherung entlassen, daß die Sache schleunigst beendigt werden solle. Am andern Tag verlangte der König ein Excerpt auâ den Untersuchungsakten, der Staatsanwalt reichte dasselbe mit dem Bemerken ein, daß allerdings gewissermaßen, wie man nicht in Abrede stellen könne, ein großer Verdacht vorliege, daß Olm vielleicht, ja sogar wahrschein- licherweise eine Fälschung von Briefen nicht nur versucht, sondern sogar mnthmaßlicherweise wirklich ausgeführt habe — allein besagter Ohm wisse so gescheidt auf alle Fragen zu repliziren, wie Don Juan dem Gerichtsdiener, und er werde darin so tüchtig von seinen Freunden bei der „Neuen Preußischen" unterstützt, daß eS nicht nur schwer, sondern beinahe unmöglich falle, den Beweis der Fälschung zu führen, noch viel weniger, eine Anklage darauf zu begründen, und daß man erst abwarten müsse, biâ die Schlauheit der königlick-preußischen Justiz besagten Ohm so in die Enge getrieben habe, daß derselbe weder vor- noch rückwärts könne und daâ Vergehen der Fälschung eingestehe. Auf dieses Mustcrexcerpt folgte nun summarisches Verfahren. Der König sprach mit dem Justizminister, der Justizminister dekretirte und Ohm ward freigelassen. Ob Gödsche sich bedankt, weiß ich nicht. Fiat Justitia.
OW Dresden, 24. Aug. — DaS ministerielle Dresdner Journal belehrt und über die zu machende Anleihe von 20 Millionen, daß dieselbe gar keine Anleihe sei, sondern daâ zum Abschluß gebrachte außerordentliche Budget. Unter den Ansätzen für die Eisenbahnen seien 4.135,156 Thlr. 20 Sgr. 9 Pf. enthalten, die dem Staate an Aktien und Vorschüssen bereits zugehörten, ingleichen 6,000,000 Thlr., welche durch die mit zu übernehmende Aktien - und Gesellschaftsschuld als gedeckt sich darstellten. Wie Schulden durch Uebernabme neuer Schulden gedeckt werden sollen, das ist ein finanzielles Kunststück, welches für einen gewöhnlichen Unterthanenvcrstanb schwer zu fassen ist. Indeß ist dies nicht wörtlich zu verstehen, diese halboffizielle Erklärung meint nur, daß zur Uebernahme dieser fellschaftSschuld eine besondere Anleihcmaßrcgel nicht weiter erforderlich sei und das nennt sie: Schulden decken. Der einfache Sinn dieser Erklärung ist die Gewißheit, daß die 20 Millionen sämmtlich nah zu den bisherigen Staatsschulden hinzukonimcn, daß die eine Hälfte davon durch eine Anleihe, also eine neue Schuld, gedeckt werden muß, während die andere einfach als Schuld eingetragen wird. DaS ^and muß die Eine so gut wie die Andere bezahlen. Die Anleihe zum Ankauf der Eisenbahnen kann man sich gefallen lassen, denn ic|l werden mit der Zeit sowohl die Zinsen decken, als auch a ouiße* nommene Kapital abtragen. Aber bei diesem Budget sind über 3 MM. fast nur für den außerordentlichen Militäraufwand emcS einzigen Iah" DaS Volk muß seine eigenen Kerkermeister, d,e Henker und Mörder seiner Brüder und Söhne mästen, mästen m.t dem sauern Verdienst seiner Arbeit und seines Schwe.ßcS! Dre. Millionen m einem e.nz.g n Jahre! Wie viel Tausende hätten damit glücklich gemacht«"^ können und wie viel Tausende sind dadurch elend und unglücklich g- worden und jetzt müssen sie ihr Elend noch mit 'hrem letzten Heller