fritier Jahrgang.
pedi'tion (obere Encengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 ptr.
' Erscheint täglich, Montags auègenom^ men. Vierteljährlicher Lbonnementèpreiè 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Ex-
o r it 11
Mr* 106
Kassel, Donnerstag den 22. August
1850
Herr von Nadowitz
hat seine Rolle zu Ende gespielt. Der treffliche Komödiant macht seine letzte Verbeugung, breitet seine Arme aus und empfiehlt sich lächelnd den oenaSführten Gothaern.
Preußen und Oesterreich stehen im besten Einvernehmen DaS ist die suichtbare Gewißheit, die endlich unter dem Schädel der „deut- schen Partei" aufsteigt. Endlich!
Preußen hat seine „Ehre" gerettet, Oesterreichs Noten klingen plötzlich lieblich und fein wie LicbcSwort, Preußen streicht nicht die Segel, sondern fällt weinend an den Busen deS nachgiebigen Freundes. Das war eS ja, waS Preußen einzig und allein wollte, eine Farce, eine Komödie, die der Welt glauben machen sollte, daß Preußen überhaupt noch eine selbstständige Macht sei, eine Macht, welche nöthigen- falls drohen, ja sogar dreinschlagen könnte.
Preußen und Oesterreich sind niemals uneinig gewesen. Nur ein Blinder, nur ein Gothaer sah und begriff nicht, daß die Mission der beiden Großmächte eine und dieselbe, von Rußland gegebene sei, daß aber die Wege natürlich verschieden, die Methode eine andere sein mußte. Wir haben tausendmal gesagt: das protestantische, revolutionäre , moderne Preußen mußte der Revolution anders in den Weg treten, als daS katholische, stabile, feudale Oesterreich.
Oesterreich Hal die Revolution offen verworfen, Preußen hat mit der Revolution gebuhlt. Es mußte damit buhlen. Es mußte Feind- schäft gegen Oesterreich, Treue an der „deutschen Nation", eS mußte seine Begeisterung für Schleswig - Holstein, seine Hingebung an die Erfurter Schwindelei, eâ mußte seinen Abscheu gegen d n deuljchen Bund heucheln, affektiren, lügen. Fürwahr, eine sehr komplizirte Aufgabe!
Die Rolle Preußens war die des rafsinirten JesuitiSmuS, der verschlagensten Niederträchtigkeit. Hr. von Radowitz war seiner Rolle gewachsen. Wie man einen Hund mit einem Stückchen Brod hinter sich her lockt, so hat der schlaue General Alles, was die ganze Revolution durchkreuzen konnte, alle jene halbrevolutionären Elemente, jenes liberale Staarmatzenvolk hinter sich her gelockt von einer Position zur andern, aus dem freien Felde in die Festung, auS der Fe- stung in das Grab.
Hr. v. Radowitz hat keine Mühe gescheut, seinen Sieg vollständig zu machen. WaS liegt einem Diplomaten, einem Jesuiten an ei- nein Manneowort, waS liegt in der höhcrn Politik an Treue, Ehr- lichkeit, Aufrichtigkeit? Der Zweck heiligt die Mittel. Der preußische General hat die Gothaer dahin gebracht, wohin er sie haben wollte. Er hat süße und böse Worte gemacht, geliebkost und gescholten, ge- lobt und getadelt. Hr. V. Radowitz hat die ihm anvertranlen Zöglinge von einem Fieber inü andere geworfen, aufgcmunleit und verzweifeln lassen, hat sie vor sich selbst und der ganzen Welt kompro- mittirt, ihre Ehre mit der feinigen verspielt, — — die „deutsche Partei" ist jetzt welk, abgelebt, todt.
Wie haben die Bcdauernüwerthen gejubelt, wenn der schlaue Mann die Versicherung gab, daß Preußen seiner Pflicht nachkommcn werde, wie haben sic seinen Phrasen von der Schirmherrschaft Preußens über die deutsche Union Beifall geklatscht, wie haben sie den preußischen Rüstungen zugejauchzt, wie haben sie den dänischen Frieden noch zu vertheidigen gewußt, — — die deutsche Union ist eine Phrase geblieben, der dänische Frieden ist der Todtschlag unserer deutschen Brüder geworden, die österreichischen Noten klingen lieblich und fein, Hr. v. Radowitz erklärt der „deutschen Partei", daß sie keine Schule habe, daß sie den Mund halten solle.
Hr. v. Radowitz athmet auf. Von jetzt an können die geschäftigen Herren der Contrcrcvvlulio» die Hände in den Schooß legen und einmal wieder die Ehrlichen spielen. Die „deutsche Partei" erklärt, laß sie nichts mehr mit der preußischen Politik zu thun haben wolle.
Endlich, endlich, ruft Hr. v. Radowitz. Eine zudringlichere Geliebte, als diese Partei ist, hat die Politik noch nicht gehabt. Endlich hat man ihr den Abschiedsbrief abgezwungen, die Scheidung geht ohne Eclat, ohne Scandal vorüber. Man scheidet eben.
Von nun an hat die Diplomatie wieder freie Hand, sie braucht keine Rücksicht mehr zu nehmen. Daö preußische Ministerium ist au6 der fatalen Lage befreit, immer und immer von Ministerkrisen reden zu lassen, Hr. v. Manteuffel ist nicht mehr verflucht, sich alâ Opponent deâ Hin. v. Radowitz, als Vertreter der ehrlichen Politik auâ- schreien zu lassen. DaS preußische Ministerium kann seiner Herzenâ- neigung folgen.
Die Zeit ist erfüllt. Ob die „deutsche Partei" auS dem Spiel, das man mit ihrer Liebe getrieben, etwas gelernt hat, steht dahin. Wir zweifeln. Wir zweifeln, obwohl die Geschichte vielleicht keine größere Mißhandlung einer vertrauenden, hingebenden, Leib und Seele opfernden Partei kennt, obwohl vielleicht nie einer Partei schlechter gelohnt , nie ein Mensch elender betrogen, schaamloser verhöhnt und verlacht worden ist, heißhungriger benutzt und gleichgültiger verworfen worden ist, alâ die Gothaer.
Die Demokratie aber wird sich die Schule der Gothaer zu Nutze machen. Sie hat das Räderwerk der Contrerevolution kennen gelernt, sie wird den Leib derselben fort und fort seciren, alle Nerven und Sehnen bloslegen, sie wird ein Studium daran machen, welches den Sieg der andern Revolution außer Zweifel setzt.
Die Demokratie ist Hr». v. Radowitz und der düpirtc» „deutschen Partei" Dank schuldig.
Schleswig-Holstein.
^ Altona, 20. August. — Der Verfasser der „Militärischen Briefe eines Verstorbenen" spricht eö in der „N. Z." (Beil. zu N. 226) offen auS, daß „die politischen Rücksichten, welche General Willisen auf die Herzogthümer und auf ihre anderweiten Schutzherren zu nehmen habe, ihm schwerlich gestatten werden, sich von Rendsburg und der Eider zu entfernen, um eine kräftige Offensive zu führen". Auch steckt derselbe Verfasser dem General folgendes beschränkte Ziel: „Gelingt eS dem General v. Willisen, sich an der Eider zu behaupten, den Dänen die vollständige Besetzung SüdschleâwigS streitig zu machen, den Zudrang demokratischer Elemente abzuwehren und die Bestrebungen der schon vorhandenen kräftig nicderzuhaltcn, dann hat er sich um die Herzogthümer und um Norddeutschland ein nicht geringes Verdienst erworben." In der That beschränken sich die Instruktionen, welche von Preußen im Hauptquartier einlaufen, jetzt nur noch darauf, dem General dieselben Aufgaben zu stellen, die der Mitarbeiter der „A. Z." andeutet. Nachdem Preußen mit Schimpf und Schande aud den Herzogtümern hat abziehen müssen, kann eS sich nicht enthalten, durch Intriguen und Zwischenträgereien bei unS die Hand im Spiele zu haben. Und dazu wird es nicht blos durch seine GroßmachtSgelüste, sondern auch durch geeinte Verträge getrieben, welche eS mit Dänemark eingegangen ist. Einer dieser geheimen Artikel setzt fest, daß eS der Statthalterschaft nicht gestattet sein solle, durch ein zu wert aud- gcdchntcö und zu wenig wählerisches Werbesystem die schlcSw. polst. Armee zu einem deutsch demokratischen Heere werden zu lassen. Ist doch mit einem solchen Artikel allen Parteien geholfen. Dänemark behält die Aussicht deS Triumphes, wenn ihm kein demokratischer Ernst cutgegtngcstellt wird; Preußen hat hier keine Volksbewegung zu ft-rchten, die auch in :cin System eine Lücke reißen würde; und drc -stattya - lerfchafl hat in ihrem biedermännischen Gew'ff-n emen Armand u demokratischen Anforderungen, deren Erfüllung unS ollem ' • könnte, Widerstand entgegenzusetzen. Einmal freilich erlaubte hreuß n, daß die Werbebcamten elwaö über ihre strenge Instruktion hrnau.^