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Dritter Jahrgang

peditioa (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

H o r n i s s e.

193* Kassel, Sonntag den 18. August 1850

Halbpart.

(Aus dem Brief eines alten Diplomaten an einen Demokraten.)

Mon Dieu ! Sie setzen mich in daS allergrößte Erstaunen! Sie sprechen der preußischen Diplomatie, dieser büreaukratischen Schlange, jede Schlauheit, jede Größe, jede Ebenbürtigkeit mit dem Ideal aller Diplomatie, mit der Metternichschen Shule ab? Verzeihen Sie gü­tigst, aber ich kann Sie nicht begreifen. Gewiegte Diplomaten sind hierin anderer Ansicht. Ich gebe zu, mein verehrter Herr, daß Sie als demokratischer Politiker, alS f. g. Aufrichtiger, daâ bezweifeln, ja bezweifeln müssen. Aber, mein Herr! Erlauben Sie mir den wohl­gemeinten Zuruf: Die Demokratie besitzt viel zu wenig Selbstoerläug- nung. Ich spreche ihren Führern Bildung und Scharfsinn durchaus nicht ab; aber ihr großer Fehler ist der, daß sie darauf stolz sind, daß sie damit überall hervortreten und groß thun, daß sie sich nicht zuweilen etwas robrr benehmen und etwas dümmer. Ich sage Ihnen, Lerehrtester, die Marke der Dummheit ist eines der größten staats­männischen Hülfsmittel. Nur durch sie ist Preußen zu der Größe gelangt, auf der wir jetzt erblicken, nur durch sie vermochte es vor allen Dingen Oesterreich so erstaunlich zu imponiren, und Feld auf Feld auf dem politischen Schachbrett zu erobern. Natürlich von Friedrich I I. sprechen wir nicht, ebensowenig von Maria Theresia und Joseph II. Das war die Zeit, wo beiden Höfe klar wurde, daß man sich mit dem Schwerte allzutiefe Wunden beibringe, ohne daß die angewendeten Mittel dem Erfolg entsprechen würden. ES bei gann sofort nach dem siebenjährigen Kriege der famose Kampf der Diplomatie zwischen den Häusern Habsburg und Hohenzollern.

Wie zwei Schachspieler stellten die Höfe von Berlin und Wien sich einander gegenüber. Beide spielten dabei ein ganz erstaunlich scharfsinniges Spiel im Spiele selbst. Beide stellten sich, alâ ob sie gar keinen Begriff von dem Spiel, von seinem Entzweck, seinen Re­geln, noch von ihrer eigenen Stellung hätten. In Berlin geschah dies mit köstlich nachgeahmten Manieren der rohesten Tölpelhaftigkeit und Niederträchtigkeit. In Wien mit der einfältigsten Miene eines Peter SimplicissimuS. In Berlin stellte man sich, als könne man jeden Augenblick Schach bieten, schrie man in jedem Momente: Matt der Kaiser! In W'cn that man, als könne man keine Dr^ zäh­len, um in tiefer Stille je nach Umständen zu avanciren oder rett« riren. Einige Beispiele werden Ihnen dieses Gleichniß deutlicher machen. Sie werden sein Treffendes anerkennen, wie ich mir schmeichle.

Erinnern Sie sich gefälligst dcö so verschrieenen Baseler Separat­friedens vom 5. April 1795, den Preußen mit Frankreich schloß. Welch' kopfloses, rohes Geschrei hat das damalige s. g. patriotische Deutschthum über dieses meisterhafte diplomatische Kunststück erhoben. Wie haben die Konst tulionellen und Demokraten in ihrer plebejischen Weise bitte um Vergebung! auch in neuester Zeit darüber ge­schmäht! Was woLte denn die preußische Diplomatie mit diesem Frieden? Etwa den Untergang Deutschlands, die Kaiserkrone oder dergleichen? Sie wollte nur, waS sie glücklich erreichte, und zwar im Jahr 1803 durch den ReichSdeputationshauptschluß zu Rastatt nämlich etwas Land und Leute. Die Maâke der unverschämten Dummheit, unter der sie nach dem Besitz von halb Deutschland ge­schrieen, half ihr glücklich zu einem neuen Gebiet mit 526,000 Ein­wohnern , wofür sie nur 137,000 in Kauf zu geben brauchte. Mit Unrecht hat man deshalb stets einen Haugwitz und Luchcsini verachtet. Ich sage Ihnen, eS waren die raffinirtesten Köpfe damaliger Zeit. Oesterreich stellt sich all' diesen Dingen gegenüber, wie ein Mann, den der Schlag gerührt hat, oder der epileptisch ist. Ausgezeichnete Verstellungskunst! Plötzlich hatte eS die Kaiserkrone erblich gemacht. Hier weiß ich wirklich nicht, ob Oesterreich oder Preußen den Preis

verdient in der höheren Maskerade, als sie dem faulen deutschen Reich die letzten Stöße versetzten.

Dagegen muß ich kecklich behaupten, daß Preußen ans dem Wie- ner Kongreß groß dasteht, ja einzig. Sofort ließ eS sich von den Russen ganz Sachsen überliefern mit einer so dumm-dreisten Miene, alâ ob eS sich von selbst verstehe, daß dieses Ländchen ihm von aller Welt und namentlich von Oesterreich zugedacht sei. Und Oesterreich wurde dadurch genöthigt, die preußischen Ansprüche auf die Hälfte an- zuerkenen, nur um sich selbst für spätere Zeiten die andere Hälfte zu reserviren. Also abermals unter der Maâke der Tölpelei 855,305 Unterthanen acquirirt. Ich denke, Sie werden nach diesen Beispielen nicht mehr anstehn, mit mir die Größe der preußischen Diplomatie zu bewundern.

Aber gehen wir zur neuesten Zeit über, zu größern und Herr- liieren Beweisen. WaS halten Sie von der Union? Sie sind leider ein Demokrat und antworten frischweg mit: Nichts. Halt mein Herr! Diese größte Dummheit Preußens ist seine größte Schlauheit. Als wüßte Hr. v. Radowitz nicht, daß diese ganze Union eine HaoSwurstiade ist. Aber er stellt sich noch dummer wie ein Gothaer, behauptet, daß in Erfurt die Mehrheit des deutschen Bun­des vertreten sei, weil alle Reuß Greize und Fitzli PutzliS da sind und daß deßhalb Preußen an die Spitze Deutschlands gestellt sei. Mit dieser kolossalen Unverschämtheit imponirt er dem Wiener Kabinet so enorm, daß dieses endlich froh ist, wenn die Sache mit einigen Medialisirungen zu Ende geht. Ja, eS ist so zuvorkommend, zu er- klären, baß diese kleinen Narren, die sich fangen ließen, mediatisirt «erden müßten. Also Preußen hat seinen Zweck erreicht. Wen« nun auch hier Preußen den Preis verdient, so kann ich doch nicht um- hin, Sie zugleich auf die feinen Züge deâ Wiener Kabinetâ auf­merksam zu machen. Bemerken Sie dieses scheinbare Entrüstetseiu, dieses Erstaunen über die preußischen Scheiutölpeleien, alâdann dieses enragirte Protestiren, dann wieder dies betroffene, an VerstandeSlosig- keit gränzende Abwarten, und damit Schritt für Schritt günstigere Positionen! Am Meisterhaftesten tritt dieâ in der badischen Frage hervor. Preußen stellt sich, als verstehe eS sich von jelbst, daß ganz Baden ihm zufallen werde, obgleich über seinen Besitz in die größten Verlegenheiten gerathen würde. ES würde ihm Millionen kosten ohne eine feste Position zu bieten. Oesterreich thut, als bemerke Nichts. Preußen beginnt nun die badischen Truppen auszuführen, nachdem Oesterreich bereits erklärt, daß ein Fürst sich durch Aufge- bung der Militärhoheit selbst entthrone. Preußen reibt sich die Hände über diese Erklärung, Oesterreich über daS Marschieren der Truppen. Aber als einige 1000 Mann ungehindert abgezogen, sind nimmt es plötzlich Notiz von dem Transport und droht mit Krieg und Kartätschen. Wie steht nun daS S,iel? Baden ist mediatisirt, Preußen hat eS besetzt und begründet daraus seine Ansprüche auf eine schöne Entschädigung, etwa die Rheinpfalz und einiges Thü- ringen. Oesterreich hat den totalen AuSmarsch verhindert und ver- langt deshalb den SeekreiS, das nördliche Baden muß Baiern zur Entschädigung für die Pfalz haben.

Hüten Sie sich also, mein Herr, in daâ tolle Geschrei der gro- ßen Menge einzustimme», die mit den Vorwürfen der Dummheit, Tölpelei und Verkehrtheit die preußische wie die österreichische Diplo- matie zu schmähen gedenkt. Im Gegentheil, erkennen Sie diese emiuea- ten Talente in Wien und Berlin an. Der protestantische und der ka- tholische JesuitiSmuS haben neuerdings unter der MaSke der Dummheit ihre größten Siege gefeiert. Warum, mein Herr? Weil die gauze W^t nicht gcscheidt ist. Weil die Welt ein Narrenhaus ist und getauscht werden will und zwar auf eine Weise, die für sie Darum so dumm wie möglich, sagt Radowitz. - Das größte Lob also, was Sie der preußischen Politik spenden können,