Dritter Jahrgang
Erscheint ü»lid>, Montaqs autgenom- men. Bierteljädrlicher Xtwnnrm<nt6p«i6 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er-
pedition (obere Smm»ass« Nr. 112) zu fi H!c Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petirzeile 8 Hlr.
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Kassel. Sonnabend den 17. August
1850
Der Familienzwist
Posse in 4 Auszügen.
Mit eincm tragischen Nachspiel.
Erster Akt. Die Vettern Liebde« werden plötzlich durch ihre ungezogenen Leibeigeoen in ihren Schlössern belagert und gezwungen, ihren alten Familienbund, genannt Bundestag, aufzulösen. Ihre Geheimenräthe und Hofrâthe sorgen jedoch dafür, daß die Leibeignen aus sllerunterthânigstem Respekt nicht die vom Famillenbund aufgege- bene Oberleitung deâ Familienvermögens selbst übernehmen, sonder» sie einem der Vetter L ebden fö-wlich auszwingen, nicht weil, so«, deru obgleich er ein Vetter ist.
Zweiter Akt. Sobald der Hr. Vetter Obgleich zum Ober- familienverweser ernannt worden ist, hat er nichtâ Eiligere- zu thun, als vermittelst der Allgewalt der Leibeignen diese selbst ihr eigueâ Tode-urtheil dekretiern zu machen, indem er sie doppelt so viel Schutzwachen für die Detter« Liebdeo verordnen läßt, unter dem Bor- wand, daß sie gegen die beuachbartrn Familienseinde verwendet werde» sollen. Raum ist da- geschehen, so schließt er mit dem Feind einen Malmöer Frieden und die berüchtigte Allgewalt ist zum Teufel. Die Leibeignen haben deßhalb nichts Eiligere- zu thun, als daâ durch die Wahl «iocâ «rblicheo Familieupormundâ zu dokumeuiire». Leider aber kann der Letter Obgleich mcht verhindern, daß die Mehrzahl dir Leibeigne« nicht ihm selbst oder seinem Bruder , sondern einem weitläufige« Ler- wandten, einem andern reichen "Lelt^ die Bormnavschafe andieteo.
Dritter Akt. Der entfernte Letter schlägt zum Entsetzen der Leibeignen die angebotene Vormundschaft auâ — und beginnt mit den andern Lettern zu unterhandeln, ob diese etwa geneigt sein wurden, freiwillig ihn alâ Obervormund anzuerkenne». Dabei setzt er Einigen d n Dolch auf di- Brust. Sie sinden sich also in zitternder Unter- lhämgkeit ein, während Einer nach dem Ändern bei erster, bester Gele- genheit unter irgend einem passenden Vorwand zur Hinterthür hinauS- schlüpfl. Die Leibeignen reißen sich vergebens auâ Verzweiflung die Haare auâ dem Kopf. Zuletzt, als nur ein halb Dutzend kleiner jam« uirrnder Vettern zurückgeblieben sind, wird dekretirt, daß alle Ander», die sich nicht sofort einfiellei?, der Ehre bevormundet za werden, verlustig sein sollen. Worauf ein schallende- Gelächtrr die Antwort ist und die Vormundschaft zum Teufel geht.
Vierter Akt. Der Vetter Obgleich ist tief entrüstet nach HauS geeilt — und er und seine nächste» Verwandten legen Protest ein gegen die angemaßte Obervormundschaft deâ entfernten Verwandten. Sie berufen ihrerseits die Vettern Liebde», um vo» ihnen als Obervormünder anerkannt zu werden, und bestimmen, daß alle diejenigen, welche sich nicht bis zu einem bestimmten Termin «in- finden, die eS Glück- verlustig gehen sollen. Ein schallendes Hohn- gelächter einzelner Lettern ist darauf die Antwort. - Nachdem mau so von beiden Seiten quitt geworden ist, beschließt man in aller Eintracht , zu dem früher» Familienbund zurückzukehren, und den ganze» Unsinn, den nur die elenden Leibeignen verursacht, als uageichehtu zu betrachten, waâ die reiche» Lettern betrifft; einige arme Letter» und die gottlosen Leibeigene» aber mit vereinigter zweiprozeotiger Schutzmacht, nicht einfach nach aller Weise, sondern doppelt und dreifach zu strafen. — Einige kleine Lettern geben darauf ohne Weiteres ihr Erspartes und ihre Leibeigenen gegen gute Leibrenten in die Haude der Reichen, worauf ihnen großmüthig verziehe» wird.
(Ende der Poffe.)
Das tragische Nuchspict der twisten Zukunft.
^r rrgeucrirt, Familienbund beschließt wie folgt:
Erster Beschluß. Alle Leibeigenen sind verdächtig h«c A«.
bellion und deâ Hochverrathâ , der Majestät-beleidigung und deS La«, deâverrathâ, — weshalb Zeder sich vor einer zu ernennenden Senna!« uutersuchungâkommission von diesem dringenden Verdacht zu reinigen hat, widrigenfalls er zu gewärtige» hat, Au-schlaß von bem R.chte, sich Steuer» aufzulegen, von dem Rechte, Civil liste* zu verwill>en, Bedienter zu werde« und eine Livree tragen zu dürfen, und aller« schließlichst von dem Rechte, auSwandern zu dürfen, weshalb man ihm einen Aufenthalt in irgend einer Familiea-Festung anmeifen wird. —- Alle Leibeigene», die vor der Centralkomwission einen Reiaigungs- beweis liefern, werden nur deS Versuchs zum Hoch- und LasdeS- derrath, wie der Mitwissenschaft und der unterlassenen Anzeige für schuldig erkannt, nach Ermessen mit leichter Haft bestraft oder nur unter polizeiliche Aufsicht gestellt. — Sine allgemeine Amnestie wird bewilligt für alle Uebrigen.
Zweiter Beschluß. Die Presse, das Dersammlungârecht und der Glauben ist frei für Alle, welche nicht von dem Beschluß 1 betroffen werden. Denjenigen, welche unter polizeilicher Aufsicht stehen, sind nur Friedenskongresse gestattet, wenn dieselben ein Jahr vorher sämmtlichen Gut-Herren aagezeigt worden. Beschlüsse in solchen S««- greffen zu fassen, ist bei Zuchthausstrafe von 3 bis 10 Jahren verböte«.
Dritter Beschluß. Es wird eine Belohnung anögefegt für den Erfinder eines Ceatralgalgrnâ und einer Centralprügelmaschin«. Heffenprügel ist beauftragt, über deren nothwendige Eigenschaften nähere Aufschlüsse zu geben.
Vierter Beschluß. Alle Prozesse mit benachbarten Gutsbesitzern werden durch Vergleich bergelegt, unter der Bedingung, daß etwa auSzulieferoSt streitige Leibeigene von den betreffende, fremben Gutsbesitzern nach Beschluß 1 behandelt und verurtheilt werde«.
Fünfter Beschluß. Es wird eine Assekuranz aller GutSbe- sitzer gegründet zur gegenseitigen Garantie vor Feuer und Hagelschäden, sowie vor den etwaigen böswilligen Beschädigungen ihrer betreffende» Leibeigene». Zu diesem Behuf sollen alle Gutsbesitzer aufgeforbert werden, auf ihren Domänen diese Beschlüsse zu Gesetzen zu erheben, flüchtige oder auSwandernde Leibeigene an ihr« Gut-Herren avSzulieferu, sowie eine gehörige Anzahl von leibeignen Schutzwachen in Bereitschaft zu halten, um diesen ihren Verpflichtungen mit gehöriger Kraft nach, komme» zu sönnen.
Wonach sich zu achten.'
Deutschland.
*# Kassel, 17. August. — Die Bewachung unseres schnurrbärtige« Landâmanneâ , deâ Henkerâ der Ungarn, dauert fort. Herr Henkel läßt sich die Mühe nicht verdrießen. Gestern Abend , wo der „Fremde" von Seinesgleichen abgefüttert wurde, waren wieder etliche Compagnien Bürgerwache auf den Beine«. Unbegreiflich, daß bic Bürgerwehr sich zu solchem Rachtwächterdienst hrrgibt, . da die AuS- Weisung Haynau'S jedenfalls vi«l bequemer ist. Aber Hr. Henkel weist bloß arme Dienstmädchen aus. Rede» Sie, Hr. Henkel. Wir wollen Ihnen antworten. Over sind sie harthörig?
O Berlin, 15. August. — Raum ist die Mimsterkrisis von unS genommen , so bricht die furchtbarst« Hitze über uns herein ouv die Cholera hält ihren todbringende» Einzug. Glücklich, W Berlin- Mauern hinter sich hat, denn di« Hitz«, die Cholera und — die ministerkrisetnden Artikek i» ben Zeitungen könnten auch *,n uüoftigsttn Menschen zum Wahasiun bringen. Erst brachten hie ter doch Thatsachen , ober erlogen sie wenigsten«; aber jetzt unvernünftigst« „Räso°r,«me»t" in dicken Strömen na*, * ® • Wie sie zur HundStagSzeit sich duftend >nr* t»e V wälzen. Wenn daâ so fortgeht, und ich alle Tag« k-rkanier
lesen muß, dann glaube ich zuletzt noch, daß Ra owitz