Dritter Jahrgang.
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K" ISS.
Kassel, Dienstag den 13. August
1S$O.
Vilmar der Antichrist.
„Jetzt gilt eS zu predigen!" — ruft der Antichrist, und wie ein brüllender Löwe streift er umher und sucht, die er verschlinge, d. h. mit eitlen Worten, denn deâ Löwen Kraft und Muth ist ferne von ihm; sein innerstes Herz erzittert in feigem Schrecken. „Jetzt gilt es predigen!" heult er in den Tempeln, die er mit seinem Unflath geschändet, — heult er an allen^ Ecken, wo er Drei beisammen findet, deren Verstand ihm leichtes wpiel macht. Er pre- digt; seine Zunge ist wie tönendes Erz, aber sie hat der Liebe nicht, — seine Worte sind voll Gift, wie sein schwarzgalliges Herz, voll heuchlerischem Trug, wie seine teuflische Seele, — voll Dünkel, Pfaffenhochmuth und Verdummung, — voll Lästerung aus die Wahr- heit, die Tugend, auf den heiligen Geist der Gottheit und auf alle christlichen Lehren. — Wie der Pharisäer des Evangeliums tritt er hin vor alles Volk in den Kirchen. „Ich danke Dir Gott, ruft er und schlägt voll heuchlerischer Demuth an seine stolzgeschwellte Brust, — ich danke Dir mein Gott, daß ich nicht bin wie Jene da, daß ich nicht bin wie Diese da, daß ich nicht bin wie Die, welche nicht beten an den Straßenecken, sondern im stillen Kämmerlein, daß ich nicht bin wie Die, welche nicht gehn mit gebeugtem Nacken, mit gesenktem Blick, mit himmlisch verzückten Mienen, mit gefalteten Handen, mit Seufzern auf ihren Lippen und mit Wehe! Wehe! in ihrem Munde. Ich danke Dir mein Gott, daß ich bin, was ich bin!" —
Wer bist du denn, Mann der Hoffarth, der lieblosen Verketzerung, Mann der blinden Sell stvergötlerung? — Wer bist du, der im Namen des lebendigen Gottes einherschreitet, das alte Kreuz in den Händen, mit dem hochmüthigen Ruf: „Thut Buße, thut Buße! — Werdet wie ich — das Himmelreich ist euch nahe!" — Wer er ist, dieser Prediger auS der Wüste, wer er ist, dieser Erlöser deS neunzehnten Jahrhunderts? Höret auf seine Predigt und ihr werdet ihn erkennen! — „ES muß anders werden, predigt er, auf Erden und in Kurhessen, und des Herrn Namen wieder zu rechten Ehren kommen. Darum schaart euch zusammen, die ihr am alten Worte haltet, zur christlichen Kirche, predigt den alten Glauben und satzet unS ein zu seinen Wächtern. — Was Wikleff, was Huß, was Calvin, was Zwingli und Luther gelehrt, es hat die Welt verderbt! — Zurück in die alte Zeit des alten heiligen Glaubens, zurück in die alte Wundcrwclt verzückter Seelen, zurück zum Papstthum des dunklen Mittelalters ! — Zurück zur blinden Dienertreue gegen eure Herren und Fürsten. Und wenn sie euch mit Ruthen streichen und mit Scor- pionen geißeln, cö sind eure Fürsten, die Gott euch gegeben! Thut Buße und bekehrt euch, denn das Himmelreich ist nahe!" —
Wer bist du, frecher Lästerer der ewigen Wahrheit, Lästerer aller Märtyrer, von dem verbrannten Huß bis auf Robert Blum und seine Mitstreiter, die der Gottesgeist der heiligen Erkenntniß in den bit- tern, den muthigen und chluligen Siegertod getrieben? — Wer bist du, Prediger der Knechtschaft im Namen Gottes, Prediger der Schande und der Ehrlosigkeit im Namen des Himmels, Prediger der Unvernunft, der Dummheit, Prediger der schmachvollen Unterwürfigkeit unter daS Hcnkerschwert unserer Tyrannen und unter den Lügrngcist der heuchlerischen Pfaffcnseclen? — Wer bist du, Diener des Mammon, Diener deS privilegirten Mordes und Raubes, Diener der Unnatur und des Lasters? — Du, ein Sohn Gottes, du, ein ein Kind der Wahrheit, du, ein Prophet des Lichts, du, ein Nach- folßcr Christi res Erlösers? — Vèiiiiar der Antichrist bist du, der Gesandte der Lüge, der Sohn der Holle, der Prediger der Finsterniß und der ewigen Vcrdammniß.
Sind das Lästerungen, hochmüthiger Pfaffe? „Es wird euch
gemessen werden mit dem Maaße, mit dem ihr selbst messet." Die Demokratie gegen die ihr im Namen des Gotteâ streitet, den ihr täglich tausendfach verrathet und lästert, — die Demokratie, die ihr in eurem Selbstbetrug für das Kind der Hölle anseht, weil sie euer unerbittlicher Feind ist, — die Demokratie wird euch schlagen mit den blendenden Waffen deâ Lichtes, wird euch zu Schanden machen mit dem Schwerte der Wahrheit vor allem Volk, daö ihr so lange verführt, belogen und betrogen. Im Namen Gottes, der ewigen Wahrheit und Gerechtigkeit, im Namen Christi, der ewigen Liebe, wird die Demokratie gegen euch den furchtbaren, den fanatischen Kampf erheben, selig im Märtyrerthum zu fallen vor der brutalen Gewalt, über die ihr gebietet, — selig, ihr Blut zu lassen, alâ Zeugniß ihrer heiligen Lehren, — der Lehren Christi, der Lehren der Bruderliebe, die sie aus dem Himmel auf die schmerzcnverzehrte Erde verpflanzen wird. — Im Namen dieser neuen Religion, im Namen der thatkräftigen Liebe — im Namen des fleischgewordenen Christenthums wird die De» motratic den unaufhörlichen Kampf gegen den Drachen der Lüge deâ Aberglaubens, gegen den Sohn der Hölle fortsetzen, bis sein giftiger Schlangenleib sich in seinem schwarzen Blute wälzt und seine Seele hinabfährt zur Hölle, von dannen er gekommen, zu verführen die Schwachen uud irrezuleiten die Kurzsichtigen. Der Tag wird kommen, ehe ihr sein erwartet.
L ch l c' ö w i g - H o l st e i N.
^ Aktorra, 9. August. — Willisen hatte wirklich den Plan, vom Westen auâ die Stellungen der Dänen anzugreifen, die Dänen aber haben diesen Plan errathen. Unser General beträgt sich überhaupt wie ein Schachspieler, der sich etwa einbildet, allein über sein und des Gegnerâ Figuren zu verfügen zu haben, der demnach die famosesten Berechnungen anstellt und der eS endlich erleben muß, daß ein vielleicht ganz regelwidriger Zug des Gegenspielers alle seine Dis- Positionen über den Haufen wirft. So macht auch Willisen ganz gute Pläne, aber er ist zu säumig. Die Dänen haben vorgestern mit zwei Bataillonen Infanterie, einer starken Caoallerieabtheilung und sechs Geschützen Friedrichsstadt angegriffen, nachdem sie auch die Stadt Husum an der Westküste, dem Nordstrand gegenüber in Besitz genommen hatten. Husum nämlich war zwar von ihnen in Belagerungszustand erklärt worden, aber noch hatte sich kein dänischer Soldat in dieser Stadt blicken lassen. Hundertund sechzig von unserrn Jägern, welche in Friedrich-stadt stationirt waren, leisteten dem Anfall der Dänen einen kräftig andauernden Widerstand; die Landstraße, welche auf allen Seiten um Friedrichsstadt einem Damm entlang läuft, mußte forciert werden und besonders die dänische Cavallerie wurde hart mitgenommen. Endlich waren unsere Jäger gezwungen, sich, der Ucbermacht weichend, über die Eider in6 Holstein'sche zurückzuziehcn; eine Verstärkung, welche vorgestern von Rendsburg auâ nach Friedrichsstadt abging, ist somit zu spät gekommen. Willisen kann übrigens immerhin zufrieden sein, daß dänische Kräfte sich nach dem Westen ziehen, denn gerade dort ist es, wo er mit Vortheil eine Schlacht liefern kann. Ob die Dänen das vorgestrige Ereigniß in Rendsburg benutzen, oder ob sie der Friedr,chöstädter Affaire Nachdruck geben wollten - genug sie haben gestern eine NecognoScirung auf Rendsburg unternommen; bei isorg- brück an der Treene, nordwestlich von Rendsburg und bei Sebestedt östlich am Kanal südlich des Wiltensce gelegen, wurden wir m-t bedeutende« Kräften angegriffen, wir stellten ebenso bebrütens Kraft entgegen, es entspann sich daher auf zwei Punkten unserer ^me Treffen, bei welchem jedoch vor Allem die Artillerie und Pvar s weite Distanzen thätig war. Gegen Mittag schm-eg der D Geschütze, nachgcschobcnc Bataillone, welche von Rendsburg। au g rückt waren, zogen Nachmittags zwei Uhr dort wieder ein, un