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Dritter Jahrgang.

Erscheint täglid), Montags ausgenom­men Vierteljährlicher Abonrementspreis 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er-

pedition (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 Hlr Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

Der Weltkrieg.

DaS jämmerliche Volk läßt sich's nicht aus dem Kopfe reden: Aus der schleSwi -holstein'schen Sache muß ein- für allemal etwas Großes, Ungeheueres werden. Nicht etwa, als dächten die Leute daran, die Nation werde endlich das Maaß für voll und die Verrä- ther an ihrer Ehre und Treue für vogelfrei erklären, bewahre! die Nation selbst will nichts thun, sie will keine Revolution, keine neue Unruhe, keine schlaflosen Nächte, keine neue Anstrengung. Daâ Alles sind brotlose Künste. Das Volk will die Sache wohlfeiler ha- den, es hat sich's einmal vorgenommen und bleibt dabei, daß die Fürsten sich des klaren Rechtes der Herzogthümer annehmen würden.

ES sind nicht blos die konstitutionellen Tröpfe, cS sind auch die mondsüchtigen, amb.-aduftenden Halbdemokraten, die an jener Mono­manie leiden. DieseHelden im Zusehen" können es platterdings nicht begreifen, warum nicht endlich ein du chlauchtiger Herr den gün­stigen Moment wahrnimmt, sich an die Spitze der Bewegung stellt und die Liebe des deutschen Volkes scheffelweise einsammelt. Daß den durchlauchtigen Herren an der Liebe des Volkes gerade soviel gelegen ist, als einem Unteroffizier an der deutschen Poesie, das ist den Leuten absolut undenkbar. Ebenso undenkbar ist es ihnen, daß unsere Landcöväier eS für bei weitem lohnender halten, sich gegenseitig auf guten Fuß zu setzen, alö sich von den Wogen derBewegung" tragen zu lassen.

Die Fürsten müssen endlich zu Verstand kommen." Ja wohl, es ist nur die Frage, ob sie zu eurem Verstand kommen wollen. Preußen hat kalhegorisch erklärt: nein! Alle Fürsten geben dieselbe Erklärung ab. Die konstitutionellen Tröpfe und hysterischen Demokraten schütteln lächelnd den Kopf, als wollten sie sagen, daß sie das besser wüßten, sie beharren bei ihrer Manie:Die Fürsten werden doch noch zu unserm Verstand kommen."

Der 2. Juli ist vorüber. Preußen hat sich deutlich genug auâ- gedrückt. Es will mit dem Volke und seinenSchwindeleien" nichtâ mehr zu thun haben, eS ist ihm fatal genug, sich einmal mit ihm gemein gemacht zu haben. Alâ die Kunde dieser preußischen Bekehrung inS Volk gelangte, schäumten vor Allen die Halbdemokeaten wie be- sessen auf und sagten sich nunmehr auf alle Ewigkeit von der königlich preußischen Politik loS. Auf den 2. Juli folgte aber ein 2. August. Am 2. August ist England der russischen Politik hin­sichtlich Sch lc öw ig-H o lste in S bei getreten.

DaS war ein harter Schlag. England, daS freie England, daâ konstitutionelle England, der sehr ehrenwerthe Lord Palmerston und der russischen Politik beigetreten. Wenn alle Stricke rissen, wenn sich die deutschen Fürsten von ihrer Dummheit gar nicht über­zeugen ließen, dann war England, das freie England die letzte Zuflucht unsererHelden im Zusehen", dann sollte Lord Palmerston herhalten und die deutschen Fürsten zur Raison bringen.

Am 2 August hat Lord Palmerston ebenfalls ein kathegorischeS Nein! gesprochen. WaS geschieht nun? Die steifleinenen Helden sind der Meinung, der 2. August habe den 2. Juli, England habe Preußen übertroffen. Preußen steigt also wieder im Preise, der König von Preußen ist noch der schlechteste nicht.

Der König von Preußen ist ein sehr ehrenwerther Mann. Unsere deutschen Helden vergessen also schleunigst den 2. Juli und machen eine Prozession nach Sanssouci, um seine Majestät zu belehren, daß jetzt wieder ein günstiger Moment da sei, um sich die Liebe deS Volkes zu erwerben und sich an die Spitze Europas zu poussircn. Sie fordern Preußen auf, den Krieg mit der ganzen Welt zu beginnen!

Gerechter Gott! Ein ehrloseres Lumpengesindel, als sich unter

dem deutschen Volk umhertreibt, ist auf der Welt nicht mehr zu finden. kommt gar nicht mehr darauf an, daß man überhaupt mit Fuß­tritten behandelt worden ist, die Frage ist nur, welcher Ehrenmann den mindest fühlbaren Fußtritt gegeben hat. Mit diesem Ehrenmanne wird man Frieden und Freundschaft schließen. In Frieden und Freund­schaft wird man sich einen noch tüchtigeren Fußtritt gefallen lassen, um nach Empfang eines abermals tüchtigeren Trittes Frieden und Freund­schaft zu erneuern.

Kein Wort mehr davon. DaS deutsche Volk mag sich mit dieser Erniedrigung abfinden.

Wissen die erstaunten Herren nicht, daß Lord Palmerston seinem Sturze nahe ist, daß in England eine dynastische Partei erinn , die auf die innigste Verbindung mt Rußland hinarbeitet? Wissen die Herren nicht, daß England seine jüngferlichen Tage überschritten hat, daß seine Konstitution am Brechen ist, daß eS auch in England he ßt: Hie Welf, hie Waiblinger, hier der Absolutismus und hier die De­mokratie? Wissen die Herren denn, ob nicht Lord Palmerll^» der letzte Minister ist, der den bürgerlichen Trotz vertheidigen durfte? Wissen die Herren das?

Aber abgesehen davon: In der preußischen Affaire war eS eine ziemlich unschuldige Renommage, den Umtrieben Rußlands in den Weg zu treten, bei Schleswig-Holstein stehen die Sachen anders. Bei Schleswig-Hnlstein handelt ès sich in allem Ernste um einen Welt­krieg.

Lord Palmerston versteht die möglichen Folgen eines Weltkriegs besser zu übersehen als unsere erstaunten Herren. Ein Weltkrieg ist kein siebenjähriger patriarchalischer Krieg, der Weltkrieg ist entweder der Sieg der europäischen Demokratie oder der russischen Knute. Ein Mittelding ist unmöglich. Unmöglich ist, daß die nächste un- geheuere Erschütterung deS Kontinents eine bloö nationale, oder gar eine naive dynastische Bedeutung behalten könnte. Ueber diese Tage sind wir hinaus.

Lord Palmerston darf weder einen russischen noch einen demokra­tischen Kontinent haben wollen. kommt also darauf an, eine jede Katastrophe zu vermeiden. Oder soll der edle Lord auch einmal Ge- fühlSpolitik treiben, soll er va banque spielen, soll er eS darauf ankommcn lassen, ob sich die Bewegung nachher doch noch in Zaum halten läßt?

Der englische Minister operirt gegen den russischen Einfluß auf eine ganz verständige Weise. Während er in Griechenland mit ein paar Schiffen demonstrirte, reagirt er im Norden durch die Diplo­matie. Er geht auf die Wünsche Rußlands ein, um die russischen Pläne zu vereiteln, er gibt Rußland nach, um ihm keine Gelegenheit zum offenen Bruche zu geben.

Ist daS nicht sehr verständig, sehr klug von einem englischen Minister? WaS liegt an Schleswig-Holstein, an der deutschen Frei- heil, der deutschen Einheit, wenn nur die nächste Gefahr vor Ruß- land beseitigt ist!

Durch den Beitritt Englands zur russischen Politik ist die nächste Gefahr vor Rußland beseitigt. SchleâwigHolstein wird freilich ein* sam verbluten, der Czaar hat freilich einen moralischen Vorsprung gewonnen, aber der Czaar muß doch erst weitere Kniffe erdenken, um den moralischen Vorsprung in einen materiellen umzuwandeln.

Kaiser Nikolaus wird mit weiteren Provokationen nicht auf sich warten lassen. Bis aber die Sündfluth hereinbricht, wird Lord Pal­merston feinen Sitz einem andern Minister überlassen haben, wir England sich offen an der Contrerevolution betheiligen.

Die Zeit wlrd'ö lehren: Die anti-russiiche Diplomatie noch von der Hand zum Munde, sie treibt Defensiv- >oilr>r-