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Dritter Jahrgang.

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Kassel, Sonnabend den 10 August

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Wozu der Lärm?

Nichts ist jämmerlicher und erbaulicher zugleich, als daS unab­lässige Geschrei unserer konstitutionellen Herren über daS fortwährende Provisorium in den deutschen Zuständen. Es ist daS eins von jenen moralischen" Manövern, mit denen die Fürsten an der Ambition ge­faßt und auf die konstitutionelle Bahn forcirt werden sollen.

Das Geschrei der Herren verhallt im Winde. Die Fürsten haben gar so keine Eile, regiert sich in den Provisorien und Ausnahme­zuständen sehr gut, eS zeigt sich, daß das heilige römische Reich gar nicht mehr zusammengehalten zu werden braucht, wenn bloß dar­auf ankommt, CiviÜisten zu erheben.

Für die Abstraktion einerdeutschen Union", für diese schulmei­sterlicheSchwärmerei" haben die deutschen Fürsten bei ihremprak? tischen" Verstände bekanntlich niemals große Sympathie gehabt. Ma« war froh, als man anno 1806 den Kaiser los war, als man annd 1815 den polnischen Reichstag unter dem Namen Bundestag in Deutsch­land entführen konnte.

Ein Deutscher, der für Deutschland schwärmte, war ein Ne- bell, die deutschen Farben waren verpönt, daS Lied vom deutschen Naterland führte direkt in die deutschen Gefängnisse.

WaS gewesen ist, wird wiederkehren. Nachdem die fürstlichen Ratten und Mäuse die phantastischedeutsche Union" unserer 48er Professoren zerfi essen haben, wird man schließlich zu dem alten guten Grundsätze zurückkehren, wornachDeutschland" nur ein kurzer Aus­druck für die Gesammtheit gewisser nicht deutschen Staaten ist.

Wozu also der Lärm? Wozu also das Geschrei, daß die Fürsten ebenso unfähig zur Organisation wären, als sie dem Volke vorwerfen? Kann eine größere Befangenheit, eine fixere Idee geben? Die Fürsten wollen gar nicht orgamsiren, sie wollen umstürzen, daS deutsche Reich auf ewig ruiniren.

Das Definilivum, waö die Fürsten zu schaffen gedenken, ist nicht etwa der alte Bundestag in seiner gemüthlichen Form, nicht etwa ein Münchner Großdeutschland, daS Dcfinitivum, daS uns bevorsteht, ist die definitive Auflösung Deutschlands, ist die Trennung des Bundes.

Anno 1848 war es ein Leichtes, ein definitives Deutschland zu schaffen, die Professoren haben neun Monate lang daran gearbeitet, sie haben wirklich ihre Unfähigkeit bewiesen. Eine Idee, die sich mit solchen Mittiln in der Hand nicht realisiren laßt, ist überhaupt nicht lebeuâfähig, hat vor den Augen der Diplomatie wenigstens keine Be­rechtigung.

Die deutschen Professoren haben aber auch die erste Hand an die deutsche Nation gelegt, sie haben feige und gleichgültig Oesterreich auS Deutschland schciccn lassen. Nicht die schulmeisterliche Idee deS ein g n Deutschlands, sondern die schulmeisterliche Idee deS uneinigen, des aufgelösten Deutschlands schien also Berechtigung zu haben. Die Di­plomaten setzen die Politik der Gagern und Wassermänner fort.

So leicht ein definitives Deutschland zu konstruiren war, so schwer ist die Konstiuktion eines definitiven Nicht-Deutschlands. ES Han- bett sich hier nicht um eine privatrechtliche ThcilungSllage, um die actio communi dividnndo , sondern um eine staatsrechtliche, vor allen Dingen um eine politische Theilung. Die Auflösung Deutsch­lands muß so vor sich gehen, daß weiter kein Schaden geschieht, daß man für die Zukunft gesichert ist.

ES ist eine ungemein schwierige Frage, ob man Deutschland in zwei Theile zertheilen, d. h. in ein Preußen und ein Oesterreich auflösen will, oder in 4, 5, 6, 7 Theile, ob man den Königreichen einen An­theil an den Trümmern des heiligen römischen Reiches zugestehen will oder nicht. Die Professoren deS JahrcS 48 konnten ihr Deutschland im Feuer deS Enthusiasmus, unter den Wallungen der heißesten Ge­

fühle des deutschen Volkes erschaffen, Preußen und Oesterreich können ihr Nicht-Deutschland nur unter dem Leitstern der ordinärsten Be­rechnung, deS schmutzigsten Eigennutzes konstruiren.

Verkennt ihr diesen Unterschied? Wozu also, fragen wir noch- malS, der Lärm über die fürstliche Impotenz, über die Ewigkeit der Provisorien, über daS Ausbleiben eines Definitivums? DaS Geschäft in der Eschenheimer Gasse ist ein ganz anderes, viel verwickeltereâ Geschäft als daS in der Paulskirche. Welche Zeit nahm z. B. schon der Rückzug über Gotha und Erfurt nach Berlin in Anspruch, dieser von Radowitz ersonnene Rückzug in daâ uneinige Deutschland? Welche andere Zeit bedurfte der Rückzug von Friedericis bis zum 2. Juki, welche Zeit bedarf der endliche Rückzug von Willisen bis zum andern 2. Juki?

Die Vernichtung Deutschlands ist nicht daS Werk eines Jahr«, sondern eines Jahrzehnts. Erst jetzt, nachdem die Demokraten ge- schlagen, die Gothaer vollständig dupirt find, erst jetzt kann man an ^-ÈkwMie a n g der rechtsgültigen Auflösung denken.

Die rechtsgültige Auflösung wird erfolgen. Oder glaubt ihr, die Fürsten respektirten eure thörichte Drohung mit einer Revolution, mit einer Revolution, die nicht vor den Thronen stehen bleiben werde? Diese Revolution wird kommen, sie wäre im einigen Deutschland ge­kommen, wie sie im uneinigen kommen wird, eure Revolution wird aber nicht kommen, eure Revolution ist ein Anachronismus.

Glaubt ihr, die Fürsten wüßten daS nicht, glaubt ihr, sie wußte» nicht, daß sie euer einziger Trost, euer Hort und Schirm sind, daß ihr ohne sie nicht leben, sondern nur sterben könnt? Meint ihr, die Fürsten glaubten eurer Lüge, daß ihr im Jahre 1848 eS lediglich noch einmal mit ihnen hättet probiren wollen, um für den Fall deS Getäuscht- werdenS Krone und Scepter in Stücke zu schlagen?

Die Fürsten wissen daß ihr pariren müßt, mögen sie ein einiges oder ein uneiniges Deutschland schaffen, mögen sie Deutschland stärken oder vernichten, sie wissen, daß ihr, wenn schon mit dem Todesschweiße auf dem Gesicht, ihnen Schritt für Schritt folgen müßt, wohin ftr euch auch führen mögen.

Oder habt ihr vergessen, daß es eine Demokratie, ein Proleta- riat gibt? Erinnert euch daran, daâ Proletariat ist bei der nächsten Revolution kein Statist, sondern Acteur. Oder habt ihr euch zu Opfern, zu Entsagungen, zu Sessionen entschlossen? Wollt ihr dem Proletariate die Hand reichen, wollt ihr Demokraten sein?

Ihr wollt nicht. Woblan, so fragen wir euch zum dritten Malr Wozu der Lärm?" Die Fürsten wissen, daß ihr zu feige und eigen­nützig seid, um eine Rebellion zu wagen, sie wissen. daß Worte keine Schwerter sind, daß Drohen nicht wehe thut. Die Fürsten werden sich also die Zeit nehmen, sie werden ihr Arrangement in aller Ruhe vollenden.

Aufopferungsfähigkeit und Begeisterung ist nirgends mehr im deutschen Laude zu finden; was ihr so nennt, ist eitel Eigennutz unb Strohfeuer.

Die deutschen Fürsten sind nicht besser und nicht schlechter als daâ deutsche Volk.

Mit dem Dcfinitivum hat's keine Eile.

* DaS bereits erwähnte Londoner Protokoll enthält in seiner Nr. f die Erklärung, daß dem österreichisch, n und preußischen Hof die Unter- Zeichnung offen gelassen werden solle. In Nr. 2 heißt ec : Die Monarchen von Oesterreich, Dänemark, Enaland, Rußland, Preußen und Schweden und der Präsident von Frankreich hab.«:

In Erwägung , daß die Eraaltuna der ^

Verbindung mit den allgemeinen Interessen des europailchen GluchgewMito von i her Wichtigkeit für die Erhaltung des Aden« ist, auf das Gesuch S. M. des Lomgs