Dritter Jahrgang
Erich eint täglich, Montag« aurgenom- men Vierteljährlicher Lbonnemenl-preit 24 Sgr. Einzelne Nummern in der 6p
peditisn (obere Sntenga5r Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter fC bezi-ben. Inserate die dreispaltige Petitzebe 8 Hlr.
Kassel, Mittwoch den 31. Juli 1850.
Die unterzeichneten Bürger sind mit Zustimmung des Komites des demokratisch -sozialen Vereins zu einer Kommission zur Unterstützung der Verwundeten und Kranken der schleswig-holsteinischen Armee zusammengetreten, und erklären sich hiernach zu diesem Zweck zur Empfangnahme von Geldbeiträgen, Leinen, Charpie u. s. w. bereit.
Kassel, am 30. Juli 1850.
Deinersdorff. Erdmann. A. £ Naabe. /. A. Hinter. I. Schönfeld. Trautmann.
Wie ist Schleswig-Holstein zu retten?
Glaubt ihr noch immer, dieses verrathene Land sei zu retten? — Deutschland ließet ihr zu Grunde gehen, als ihr die deutsche Nation abermals vor ihren Fürsten in den Staub erniedrigtet; Deutschland habt ihr nicht gerettet, — und ihr wollt dieses Stück vom deutschen Lande den Krallen unserer Würger entreißen? Daâ ganze deutsche Volk habt ihr geopfert, und ihr hofft noch immer einen Theil dieses Volkes von dem allgemeinen Elend, dem al lgemeinen Untergang erretten zu können? Woher soll diese Kraft kommen? Woher dieser Muth? Von euch, Armselige? Ihr, die ihr euch selbst nicht helfen konntet, die ihr eure eigne Freiheit nicht habt retten können, die ihr mit eurer Märzrevolution die ganze Zukunft verloren habt, die ihr feig das Schlachtfeld verlassen vor dem Kampfe, — ihr wollt euch von Neuem in die Schlacht stürzen, in die Schlacht für dasselbe Vaterland, daS ihr verrathen, für dasselbe Volk, daS ihr dem Erbfeinde Aller überliefert, dem verbündeten Despotismus Europas. Wißt ihr, waS daS heißt? Wißt ihr, was ihr wollt? Revolution wollt ihr! Neue, furchtbare Revolution!
O täuscht euch nicht über die Lage der Dinge, über euch selbst und über die Kraft dieses Volkes! Wie eü mit Baden geworden, wird es mit Schleswig-Holstein werden. Nordalbingien ist daS Baden deS Nordens. An Baden ging der Muth der Spießbürger für die Reichs- Verfassung, für die Volkshoheit zu Grund, an Schleswig-Holstein geht der Muth derselben Genossen für die Integrität des Vaterlandes zu Grund. Gerade so wie Baden und die Volkshoheit nur durch eine allgemeine vollkommene Revolution zu retten war, ebenso ist Schleswig-Holstein und die Ehre des deutschen NamenS nur durch die entschiedene allgemeine Revolution zu retten, oder gar nicht. Gerade so wie Baden unterging an der philisterhaften Unentschiedenheit eines Brentano, geht Holstein zu Grunde an der Gothaer Lumpigkeit der Herren Beseler und Genossen. Auch für Baden hatten die Wohlhabenden, die Konstitutionellen, die Gothaer selbst wohl Geld zu opfern. Die Demokraten schickten ihm Freischaaren. Allein Baden brauchte mehr als Geld und Freischaaren. Baden brauchte diâziplinirte HeercSmaffen, eâ brauchte Soldaten, um den Soldaten des Despotismus gegenüber siegen zu können. Um damit zu helfen, um unsere Heere ihm zu- zusenden, hätten wir unsere Fürsten ebenso beseitigen müssen, wie die Badenser ihren Leopold; wir hätten revolutiöniren müssen wie die Badenser. Wir konnten eS nicht und Baden ging verloren, ging verloren durch uns selbst, durch unsere eignen Truppen. So schlugen wir durch eigne Feigheit unsere kaum errungene Volksfreiheit mit Keulenschlägen nieder. —
Und gerade so wird eS mit Schleswig-Holstein. Auch dafür habt ihr Geld, mehr Geld wie für Baden, wie für die Freiheit. Denn selbst gegen jenen Brentano in seiner verräterischen Halbheit ist euer Beseler ein friedliches Lamm , ein gutgearteter RcchtS- bodenmensch. Unb in Schleswig-Holstein gibt es bis jetzt weder einen Hecker noch einen Struve. Und dennoch ist eâ dasselbe Spiel wie in Baden, und dennoch wird es dieselbe Entwickelung und dasselbe gräß^ uche Ende. Schleswig-Holstein braucht mehr als Geld! Schlei
wig-Holstein braucht Heere, eS braucht sie auf der Stelle! — Könnt ihr ihm diese verschaffen? Ja, wenn ihr Revolution macht, wenn ihr eure Fürsten dazu zwingt.
Oder glaubt ihr, die deutschen Fürsten betrachteten die Schleswig- Holsteiner von einem andern Standpunkt wie die Badenser? — Glaubt ihr, die Beseler und Genossen wären in den Augen der Despoten bessere Unterthanen wie die Brentano, Hecker, Blind und Struve. Oder gilt unseren Durchlauchtigsten Se. Majestät von Dänemark weniger als Fürst, denn der Bürger Leopold von Zähringen, ja nur weniger als ein deutscher Fürst, denn besagter Leopold? — Unverbesserliche Gutmüthige , die ihr daS glaubt! — ES gibt nur ein Umstand, der deutsche Fürsten bewege« kann, sich nicht gegen die SchleS- wig-Holsteiner zu erklären, das ist die Eifersucht gegen Preußen. Preußen hat sie dem Feinde direkt überliefert. Um Preußen herab- zusetzen und sich selbst in den Augen deâ Volks zu erhöhen, mißbilligen die kleinen Fürsten, mißbilligt Hannover, Baiern und Würtem- berg den unseligen Friedensschluß. Diese Mißbilligung wird sie durchaus nicht verhindern, im allgemeinen Fürstenkongreffe den Frieden zu rati- siziren, wird sie niemals dazu bestimmen, gegen den Willen Preußens und der heiligen Großmächte, gegen die Uebereinkunft in London ihre Truppen marschiren zu laffen. Wollt ihr sie dazu zwingen? — So beruft die Volksversammlungen, so erklärt den deutschen Ministerien, wie im Mai deS vorigen Jahreâ, daß unsere Trupps» marschiren müssen, so ruft unsere Truppe» auf zum Kampf für daS Vaterland. Könnt ihr daS? Es ist die Revolution! —
Schleswig-Holstein war verloren, wie Baden mit dem Verrath der Freiheit, der BolkShohcit. An denselben Wunden, an denen im Jahre 1849 die Republikaner am Rhein verbluteten, verbluten jetzt die konstitutionellen Vaterlandsstreiter an der Ostsee. Preußen hat Baden vernichtet, Preußen vernichtet Schleswig-Holstein. Dort hat eâ unS direkt daS Schwert in die Brust gestoßen, hier durchbohrt eâ uns heimtückisch, feig den Rücken. Hier stieß eS offen die Revolution nieder, weil sie die Fahne der Republik in ihren Reihen trug, dort mordet sie den letzten Rest unserer Freiheitsbewegungen unter mitleidigem Achselzucken, unter höflichen Bücklingen, weil die Revolution. unter der Fahne der Nationalität sich versteckt hält.
Wohlan! Revolution, wenn ihr eS könnt l — Oder wollt ihr nur Volksversammlungen berufen, wie in Hannover, um Nichts zu thun , um keine andere Hülfe für eure sterbenden Brüder aufzubringen als - Charpie und Geld. Wollt ihr durchaus zum Un- glück der sterbenden Helden noch den Hohn, zur eignen Ohnmacht noch die Schande fügen? —
Schleswig-Holstein wird, wie Bade», in daS blutige Oro^ sinken. Und nur der Donnrrschall einer neuen Revolution wird ihre Leichen zur neuen Schlacht und zu neuen Heldenthaten erwecken. Kei« Geld, keine Charpie, keine Thränen, nur die Revolution ist im Stand, Schleswig-Holstein zu retten. Ihr seid also im furchtbarsten Irrthum, wenn ihr die Sache Schleswig-Holsteins für keine Parteifache haltet. Sie ist ebenso die Sache der revolutionären Volksparte,, wie dies die Revolution selbst ist. — Aber diese wie jene eine Frage der Zukunft!