Erscheint täglich, Montags ausgenommen Vierteljährlicher Lbonnemenlspreiè
24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er-
Dritter Jahrgang.
pedition (obere Entmqasse Nr. lS2> zu 6 £lr. Durch alle Postämter ^- beziche». Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 HW
Kr- 1«L. Kassel, Dienstag den 16. Juli Ig^O
Die Monarchisten.
Hie gut kurfürstlich allweg!
Lieben Brüder in Stadt und Land! — Es gab einmal eine Zeit, wo man nicht glaubte, ohne einen Monarchen, d. h. ohne einen unbeschränkten Fürsten fertig werden zu können. Diese Zeit ist schon längst vorbei. Damals, meine Freunde, hatte man seine guten Gründe, das zu glauben. Die Bürger, wie die Bauern hatten einen starken Schutz nöthig gegen die Anmaßungen und die Gewaltthaten der geistlichen und weltlichen Herren, Grafen, Ritter, Vischöffe und Aebte. Ein jeder dieser Raubritter hatte seine reisigen Knechte, mit denen er Land und Stadt mit stetem Kriege überzog, mit denen er raubte und plünderte, mit denen er befehdete, wen er wollte, mit denen er die Schwachen seiner Willkür unterwarf, den Frieden aller Orten unmöglich niachte und Ackerbau, Gewerbe und Handel vernichtete. Die Bauern auf dem flachen Lande waren am schlimmsten daran. Jeder kleine Herr ihrer Nachbarschaft machte sie zu seinen Leibeigenen und ihre Aecker und Wiesen zu seinem Obereigenthum oder Lehen. Aber auch die Bürger blieben nicht verschont. Den Kaufleuten, die zu fremden Messen und Märkten zogen, lauerten die ritterlichen Buschklepper in Wäldern und Feldern auf, brandschatzten und plünderten sie. Jede Burg, jedes Schloß war eine Zollschranke, wo die ritterlichen Räuber wegelagerten und dem gewcrbtreibcndcn Fleiße daS Schwert auf die Brust setzten, um ihm Gut und Blut für daS Schlemmen und Schlampampen der hochgeborenen Nichtsthuer und Tagediebe abzuzapfen. Darum beschützten die Bürger ihre Städte, darum übten sie sich in den Waffen, schlossen große Städtebündnisse, und zogen wohlgewappnct und in reisigem Zug einher, stürzten und brachen manches Felsennest und manche Raubburg ihrer Feinde. Diese aber verbündeten sich ebenfalls unter einander, und waren und blieben die Gewaltigen im Lande. Es war der offene, der gewaltsame Krieg Aller gegen Alle. Um diesem Elend zu entrinnen, wendeten sich die freien Bürger und Bauern an den Mächtigsten und Stärksten der Raubritter in der Nachbarschaft. Um dem Teufel zu entkommen, wendeten sie sich an den Satan selbst um Schutz und Hülfe. Sie sagten zu diesem Mächtigsten, siehe, deine Brüder bringen unö um, deine Brüder plündern uns bis aus'S Blut, befreie uns von ihnen und wir wollen dir helfen, daß sie dir Unterthan werden. Der Mächtige entgegnete, wenn ihr mir den Zoll freiwillig bezahlt, den euch die Andern nehmen, wenn ihr mir die Steuern freiwillig gebt, die euch die Andern abpressen, alâ da ist Vesthaupt, Zins und Rauchhuhn, Bede, Fruchtzehnten, Blutzehntcn, Salzstcucr, Fleischheller u. s. W., so will ich euch helfen. Aber eure Söhne müssen meine Knechte werden, sie müssen mir dienen alö Troßbuben, sie müssen mir dienen als Söldlinge, damit ich alle andern Ritter bezwingen kann. Und Bürger und Bauer mußten den Löwenvertrag eingehen, mußten sich der unbedingten Knechtschaft unterwerfen, nur um ihr elendes Leben zu etten. ,
DaS ist der Ursprung der Monarchie bei uns zu Lande, daâ ist der Anfang dcâ f. g. GotteSgnadenfürstenthums. Die Ritterburgen wurden nun allerdings zerbrochen, und anstatt hundert Herren hatte man nur einen Einzigen, der sich LandeSvatcr nannte, und vorgab, für das Beste feiner Kinder sorgen zu wollen. Dafür mußten sie ihn für ein n Sohn GotteS erklären und anbeten, wie die Heiden vor AlteiS in Indien, in Persien und in Rom ihre Fürsten als Götzen anbeten mußten. DaS nannte man die geheiligte Majestät des Mo- narchcn. Diese heidnische Abgötterei sollte christlich sein, und eS gab tchaani- und gesinnungslose Schmarotz r, Augendiener und bedientea- hafte JMe^er geistlichen und weltlichen Standes genug, welche für baare Bezahlung und Ehrenzeichen diese schändliche Erfindung der Ge-
walt zu einer förmlichen Lehre, zu einem förmlichen Kultus oder Götzendienst ausbildeten. Diese Lehre nannten sie die Lehre vom christlich-germanischen Staate. Ihre Anhänger sind die Monarchisten, die Fürstenanbeter, die Königlichen, die Kurfürstlichen, die Gerlachs und Stahls in Berlin, die Montalemberts in Frankreich und jene kleinen Lichter, die Vilmarianer in Kurhessen. Sie wollen ein starkes Regiment, sagen sie, damit cs Ruhe und Frieden werde im Lande und Ordnung. Was ist ihr starkes Regiment? waâ heißt ihre Ordnung und Ruhe, und ihr Frieden?
Ihr starkes Regiment heißt die Säbelhcrrschaft, ihre Ruhe heißt Kirchhofsruhe, ihr Frieden heißt der geistige Tod, und ihre Anbetung heißt die Fürstenanbetung. Warum wollen sie daS Alles? Weil eS ihrem Geldbeutel und ihrer Herrschbegierde wohl bekommen soll. Der Fürst muß Millionen haben, damit seine Knechte ihre Tasche spicken können, der Fürst muß unumschränkt regieren, damit die Herren Vilmar und Konsorten die Mitregenten spielen können.
Denn daS wissen diese heuchlerischen Burschen sehr wohl, daß ein Fürst heut zu Tage allein auS sich eigentlich Nichts kann, daß eine unumschränkte Staatsgewalt eine Unmöglichkeit ist. — Als unsere Vorfahren sich damals an die gewaltigsten Raubritter verkauften vor vielen hundert Jahren, um nur dem leiblichen oder dem nackten Hungertod zu entrinnen, da war cs spottleicht, Fürst zu sein. Jetzt ist câ verteufelt schwer. Damals brauchte ein solcher Herr nichts als ein tapferer Haudegen zu sein, der tüchtig hineinschlug. Das war die ganze RegierungSkuust. Als aber erst der „allgemeine Landfrieden" eingeführt war, da wurde die Sache etwas schwieriger. Die s. g. Unterthanen fühlten bald, daß sie um nichts Besseres daran waren wie früher, daß unter der Knute von keiner Wohlfahrt die Rede sein konnte; sie schrieen nach Abstellung der drückenden Lasten, nach Unterstützung für Handel, Gewerbe und Ackerbau, sie schrieen gegen d-e Millionen, die ihnen für die fürstlichen Lüste, für die Trabanten deS Hofes und das stehende Heer abgepreßt wurden. Die Staatöverhält- nisse wurden immer verwickelter. Die Wissenschaft machte ungeheure Fortschritte, warf Aberglauben nach Aberglauben, Vorurtbeil nach Vorurthell über den Haufen und rüttelte zuletzt mit der unbesiegbaren Gewalt der Vernunft an der fürstlichen Schandwirthschaft selbst. Und die Fürsten? WaS war inzwischen auö ihnen geworden? — DaS waren nicht mehr die Söhne jener tapfern und schlagfertigen Raub- rittcr, ihrer Väter. DaS Waffenhandwerk war zu einer läppischen Spielerei bei ihnen geworden. Die Kriegöwissenschaft hatte ihnen die Führung der Heere entrissen. Damit waren sie verloren. Sie überließen sich auö GeistcSarmuth und Langeweile nun dem ganzen SinneS- taumcl, den ihnen ihre Millionen möglich machten, sie überließen sich allen Lastern, allen Lüsten, allen Schandthaten, die das menschliche Geschlecht nur befleckt haben. Die geheime Geschichte der Höfe ist die Quintessenz der Verbrechen. Und so sehen wir denn nach Jahrhunderten dieses entartete Geschlecht, diese herabgekommenen Enkel starker Väzcr, diese jammervollen Gestalten, denen jede geistige und physische Kraft längst entschwunden ist, und die nur dcn alten Hoch- ninth, die alte Brutalität, die alte Tücke von ihren Ahne« ererbt haben.
Und mit diesen Resten — mit diesen Uebeneften jener alten Monar- chie, mit einem halbblödsinnigen Habsburger, mit jenem deklamirendcn Monarchen Potsdams, mit einem Prinzipreiter von Reiz Greiz-Schleitz — wollen diese Monarchisten die alte unbeschränkte Monarchie wieder Herstellen? Diese Knirpse sollen Riesen spielen? Diese Geschwächten sollen ein starkes Regiment führen? O ja, morden lassen können sie, das haben wir gesehen, daS war die Lust aller jener entmannten Wüst! nge auf dem Thron von Nero und Kaliguka bis auf den Bombardierkönig von Neapel. Damit aber ist ihre StaatS kunß, ihre NegierungöwciShcit zu Ende, Die menschliche Gcsellschüft, Meine