Dritter Jahrgang.
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peblkisN sofort Entenqasst Nr. 1321 w ß HIr. Durch alle Postämter er bezi-hen, Inserate die dreispaltige PetitzeSe 8 Hlr
S" 162.
Kassel, Sonnabend den 13. Juli
1850.
Cile mit Weile.
Der Plan des fürstlichen GelichterS und dessen Troßbubcn ist also die gänzliche Demoralisation des Volkes, die Verhöhnung und Ver- fpottung alleâ Rechts- und Ehrgefühls, die totale Ausrottung aller ManneSwürde.
Diesem Plane gegenüber winden sich die Nationen deS ContinentS wie unter einem Alp, suchen sich die zerschlagenen, geschundenen Völker noch einmal aufzubäumen, gegenüber dem teuflischen Plane der Dynasten stemmt sich die letzte Kraft, daS letzte Selbstgefühl der europäischen Menschheit in die Höhe. Je enger die Kreise um unS gezogen werden, je fester sich die Fäuste der Tyrannen auf unsere Brust legen, desto mehr schäumt unser Blut, g)üht unser Hirn, desto heißerbrennen unsere Augen, desto wilder zucken unsere Hände.
Ohnmächtige Bemühungen eines augeschmicdeten Riesen. Als ob die Tyrannen nicht wüßten, daß, wenn daS Volk zum andern Mal seine Ketten bricht, die Worte „Gnade" und „Vergebung" gleich Todsünden gelten, daß wir dann über die Throne hinausstürzen, daS fürst- liche Gelichter mit den Füßen zertreten werden. In jenem Augenblick wird erst die Zeit gekommen fein, von der früher prophezeit ist, dann wiid Logik in unsere Rache, Konsequenz in unsern Zorn kommen, wir werden die Ursachen unserer Schmach und Schande zu findet, wissen, ob sie sich in een Himmel oder die Hölle verkröchen.
.^- Für die Fürsten hat eine zweite Revolution keinen Raum mehr. Man muß also das zornglühende, nach Rache seufzende Volk immer weiter knechten, immer fester zu binden suchen. Um zu dieser Erkenntniß zu gelangen, bedarf eâ keiner Politik und Berechnung, sondern nur deS Instinkts der Selbsterhaltung. Und wenn die Fürsten von ihren Thronen stiegen und sich winselnd zu den Füßen des Volkes legten,
— umsonst! im.nächsten Moment würden sie zum letzten Mal Athem holen.
Finstere Zukunft! Zwei Mächte streiten um den Besitz der Welt, die Ehre und die Schande, das Recht und die Sünde, die Wahrheit und die Lüge. Die Lüge hat gesiegt, die Wahrheit ist in'â HalSeiseu gelegt. Rühre dich nicht, unglückliches Kind deines erhabenen VaterS, das Eisen schnridet tiefer in dein Fleisch, die Nägel dringen schärfer in dein Herz. Wenn deine Schmerzen zu furchtbar sind, so stoße um Mitternacht, wenn deine Wächter im Taumel ihrer Sünde liegen, deine Seufzer auâ, so blicke um Mitternacht nach dem Sternenhimmel und labe dich an der scharfen Luft des kommenden Tages.
Sie haben unö gemordet, weil wir ihnen mit dem flammenden Schwerte gcgcnübcrtratcn, sie sollen unö morden, weil wir stille sind, wie die Todten, weil wir keinen Schrei der Verzweiflung haben, weil wir unsern Haß und Schmerz tief in unsere Brust vergraben. Sie sollen unö morden, weil wir ihnen keinen Grund zum Morde geben. Sie sollen das Volk zermalmen, weil sie cs müssen, weil sie rasend werden über unsere Ruhe, unsere Selbstbeherrschung, über die stille Arbeit unseres Geistes.
Sie müssen unS morden und zermalmen, sie müssen. ES gibt kein Gefängniß, daS fest genug wäre für die Freiheit, kein Marter- Werkzeug, das gegen unsern Muth ausrcichte, sie müssen die Welt zum Kirchhof machen und tiefe Gräber graben, sehr tiefe.
Sie müssen aber eilig sein, sehr eilig. Denn es prasselt und arbeitet in allen Winkeln Europas, es kocht und siedet in allen Herzen, eS brennt und zuckt in ollen Fäusten, der Zustand ist unerträglich, die Brust kann den Zorn und die Rache nicht mehr fassen. Was nicht schnell geschieht, geschieht niemals. In Oesterreich flüstert und raunt sich die neue Revolution schon den Tag und die Stunde zu, die Nach- richt fliegt über die Alpen nach Italien, auf daâ Schlachtfeld von No- Yarra, unter die Mauern der ewigen Stadt, nach der Insel deS Ker
kermeisters von Neapel, in Frankreich sitzt die auferstandene Empörung geschmückt und freudestrahlend auf ihrem Grabe, und in Deutschland, — — — baö deutsche Volk ist ein trägeâ, geduldiges Volk, aber eS hat ein gutes Gedächtniß und ein zäheâ Herz.
Eilt euch also, ihr Gewaltigen der Welt, ihr habt keine Zeit zu verlieren. Der Morgenrauch liegt über den europäischen Gewässern wenn ihr den Fuß auf die Vulkane setzt, so könnt ihr bereits jette gewaltige Bewegung spüren, jenes Keuchen und Arbeiten, dem die flammende Feuersäule auf dem Fuße folgt.
Eilt euch, oder ihr fahrt zur Hölle. Seid aber vorsichtig bei eurer Eile, denn eö könnte sein, daß daS Erdbeben näher bevorstände, als ihr wähnet, daß ihr im Fortstürzen den furchtbaren Riß über, sähet, der bestimmt ist, eure verfluchten Leiber auf ewig zu verschlinge».
Eile mit Weile!
Deutschland.
* Kassel, 12. Juli. (SchleS-wig-Holstein.) Die edle, die großmüthige Neuhessische hat einen neuen Jnzidenzpunkt gefunden, um die gefeierte Krone Preußen wegen ihrer perfiden, unerhörten Schurkerei rein zu waschen, — einen Punkt, der für sie daS Ei deS Kolumbus ist, eben deswegen aber etwaâ sehr Altes. Sie meint, daß ein Krieg (und kein Frieden) ein europischer Krieg geworden. Allerdings, schlaue Politikerin! Einen solchen Krieg könne man aber nicht diesem vereinzelten Preußen zumutben. O, keine Seele mutzet Preußen dergleichen zu, weil man der preußischen Krone nur und nur Perfidie und Verrath zutraut. Und deshalb ist sie vereinzelt. Dieses Schandblatt einer Ncuhessischcn erinnert sich schon nicht mehr, daß alle Parteien, selbst die Demokratie mit Entsagung ihrer liebsten Wünsche, der Reichsverfassung und der Erhöhung Preußens zujauchzten! ES weiß schon nicht mehr, daß daS feige, ehrlose Ausschlagen der ange- boteuen Hegemonie alle Herzen von dieser ehrvergessenen Regierung zurücktrieb. Eine jesuitische, ehrlose, feige Politik hat Preußen vereinzelt — eS wird eS noch mehr werden. Es zieht die Hand aus dem Spiel. In seiner Denkschrift, die eS an alle Höfe mit dem Friedenötraktrat herumgcschickt, heißt eS: die Herzogthümer hätten sich zunächst selbst mit Dänemark auseinandcrzusatzcn, die Parteien müßten untereinander fertig werden. Wie daS gemeint ist, ersehen wir vor allen Dingen aus dem in London aufgenommenen Protokoll, wo Preußen allen seinen früheren Verheißungen in'S Angesicht spuckt, wo von keiner Selbständigkeit der Herzogthümer, keiner Garantie deS DeutschthumS, keinem Schutz der Erbfolge die Rede ist, wo daS Hauâ Hohenzollcril seiner panischen Treue mit vollendeter Schaamlosigkeit die Krone aufsetzt. Dieser dänische Frieden ist der neue Baseler Separatfrieden, der einer neuen Schlacht bei Jena vorauâgcht. Zuerst die Ehre verrathen. Ohne Ehre gibt es kein Sieg mehr! Wir theilen unseren Lesern daâ perfideste der perfiden Fürstenmachwerk der Neuzeit wörtlich mit: t
„ Protokolleutwurf. - Londo N , 2. Juni 1850. — SeqemvWin die Bevollmächtigten Dänemarks, Frankreichs, Großbrittaniens, Oesterreichs, Preußens Rußlands und Schwedens. - Se Mar der Kaiser von Oestreich , die Regierung Orr franzduschen Republik, Ihre Ma, die Königin der Bereinigten Königreiche Groß, btittaniens, Se. Ma, der König von Preußen, Se. Maj. der Kaiser aller Reuffen- lande und Se. Mai. der König von Schweden und Norwegen haben, in Erwägung dâ^ ^ie bev Unversehrtheit der dänische Monarchie, verknüpft mit den allgemeinen Interessen deä europäischen Gleichgewichts, von hoher Wichtigkeit für die Bewahrung des Findens ist, auf Einladung Sr. Maj. des Königs von Dänemark beschlossen, das vollkommeneEmverständmß (paifait acco>d) zu konstatiern, welches zwischen ihren Kabinetten in Bezug auf die Aufrechtbaltung dieses Grundsatzes besteht und ermächtigen ihre in Konferenz versammelten l'. P. rBeveUmäcbm ten', in ihrem Namen folgende Erklärung abzugeben:
§• •• Der einmütige Wunsch besagter Mächte ist, daß der ^.tanb der gegenwärtig vereinigten Besitzungen unter der Krone Dänemark in seiner Unversehrtheit aufrechterhalten werde — j 2. In Folge dessen erkennen sie die Weisheit der An.