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Kassel, Donnerstag den 11. Juli

F160

1850.

Und nun?

Die fürstliche Perfidie hat ihren Höhepunkt erreicht. Der Peters­burger Regisseur hält es nicht mehr für nöthig, hinter den Coulissen zu stehen, feine Kreaturen werfen die Maâke ab, sie zeigen sich offen als kaiserlich russische Komödianten, als die elenden Gaukler des pfif­figen Barbaren.

Nach dem dänischen Friedensschluß wird es keinen Monat mehr dauern, und die Gothaer Schwindelei, die Union, wird als abge­nutzter Theatertand über die Seite geworfen, keinen Monat wird eS dauern, und Preußen wird sehr vergnügt und behaglich in der Eschen­heimer Gasse in Frankfurt sitzen und mit seinem Habsburger Kollegen die Geschäfte des verbesserten Bundes führen.

Wer jetzt, jetzt, nachdem dasdeutsche" Preußen Deutschland verstümmelt und geschändet hat, wer jetzt nicht einsicht, daß seit zwei Jahren die Fürsten nur ein perfideS Spiel gespielt haben, daß alle Rollen vertheilt, daß Alles einstudirt und verabredet war, daß weder die Dreikönigsverfassung, noch der Abfall der Könige, weder der Reichs­tag zu Erfurt, noch die Einsetzung deS Interims, weder daS Zcr- würfniß der beiden deutschen Großmächte noch der dänische Waffenstill­stand, weder Hassenpflug noch Dalwigk ohne besondere Mission in Scene gesetzt wurden, wer jetzt nicht einsieht, daß Preußen seine Rolle mit wahrhaft teuflischer Liebe gespielt hat, daß Herr von Radowitz daS deutsche Volk genarrt, mit frommer Miene und frommen Worten an Rußland verschachert hat, für den existiren keine klaren Thatsachen, der wird daS endliche Schicksal Deutschlands selbst dann nicht begreifen, wenn Kaiser Nikolaus in der BundeScentralgewalt den Vorsitz führt.

Nach dem dänischen Friedensschlüsse wird die Contrerevolution keine Rücksicht mehr nehmen, alle Schaam abwerseu, mit offener Bru­talität dem deutschen Volk entgegentreten. Daß eS gar keiner beso». dern Mühe bedurfte, um die deutsche Freiheit zu stehlen, daö Frank­furter Parlament zu sprengen, die Gothaer in Erfurt abzuthun,-- daS hatte der Kaiser von Rußland seinen deutschen Vettern schon lange anvertraut, darüber waren die Herren im Reinen. Die einzige Frage war noch, ob daö deutsche Volk ruhig zusehcn werde, wenn man sei­nerEinheit", dieser Phrase der Gothaer, ins Gesicht schlüge, wenn man seine Ehre, seine Bruderliebe angriff, wenn man daS deutsche Volk in seinem feinsten und tiefsten Gefühle verletzte. Die Frage ist beantwortet. Daö deutsche Volk verwindet auch Daö. ES verträgt nid;t bloö eine» Fälscher alS Minister, eS verträgt auch den dänischen Friedensschluß.

Die Contrerevolution hat offenes Feld. WaS jetzt noch kommt, sind alles Lumpereien, Kleinigkeiten, über die Niemand mehr erröthen, keine Hand mehr sich ballen wird. DaS deutsche Volk ist für die Bubenstreiche seiner Fürsten zugcrichtet und eigeschult. Vernichtet alle Presse, prügelt das Volk auf offener Gasse, setzt die Genöd'armcn zu Richtern ein, stehlt, plündert, sengt und mordet,--daS deutsche Volk wird keinen Finger darum rühren, mit dem dänischen Friedens­schluß habt ihr ja sondirt und AlleS in Ordnung gefunden.

ES war Ehrensache der Contrerevolution, den vormärzlichcn Zu­stand bis auf den letzten Heller herzustellen, die Ehrensache ist gewahrt. Von nun an treten wir in den zweiten Theil der fürstlichen Aufgabe, ts gilt, eine zweite Revolution unmöglich zu machen. Hat man sich bisher mit dem deutschen Volke befassen, ihm eine gewisse Zuneigung vorlügcn müssen, von nun an tritt daâ deutsche Volk vom Schauplätze ab, die Fürsten arrangiren sich nach Gutdünken.

Wenn daö Arrangement vollendet ist, wird man daS deutsche ^slk nieder hervorholen, um ihm seine Strafe zu diktiren, die Strafe

für die Revolution, für die zweijährige Unruhe der Fürsten, für die zweijährige Arbeit, eine Revolution zu morden.

Die Strafe wird nicht gelinde sein!

^Kalkei, 11. Juli. Als Hassenpflug blos wegen Fälschung angeklagt und noch nicht verurtheilt war, haben ihn die Gotha-Neu- Hessischcu bereits so gelobt, daß man nach seiner Verurtheilung auf das Schlimmste gefaßt sein mußte. Man mußte erwarten, daß ganze Schaaren von Staatsdienern ihre Entlassung geben würden, daß daS gesammte Offizicrkorpâ dem Ministerium seine Dienste auf­kündigen und dieNeuh. Ztg." selbst aufhören würde, in einem so entehrten Staat zu erscheinen. Wenigstens gab eS einige gutmüthige und ängstliche Seelen, die Solcherlei ermatteten. Mehercule! Beim halbverfallenen Herkules! Wer gibt die Kraft? Daö Auöschußge- winsel ist Alles,, und bleibt Alles. Die StaatSdicner berathen, die Offiziere berathen, die Neuhessische beräth, der Stadtrath beräth. WaS sie berathen, kennt Jeder am Resultat: Nichts! DaS ist nun die difficile Ehre der alten Standesklassen, über deren Empfind­lichkeit die Neuhessische allzufrüh Allarm geschlagen. Warum solltet ihr auch nicht warten. Möglich, daß der Hr. Fälscher in zweiter Instanz freigesprochen wird. O sehr, sehr möglich!

* Ha fiel, 10. Juli. Was meint denn eigentlich der aller- unterthänigste permanente Ausschuß zu dem bewußten Vorschußaner- bieten. Wenn cr'ö vielleicht überseh» hat, eS ist mit großen Lettern gedruckt? Wollte sich nicht gefälligst der edle Ausschuß dem Publikum gegenüber wenigstens auslassen? Einer kvnigl. Hoheit gegenüber verlangt daS freilich Niemand von der Partei Gotha-Erfurt. Allerunterthänigst aufzuwarten!

* Kapsel, 11. Juli. Hat nicht der Hr. Bürgermeister Hen­kel den vom Bezirksdirektor übersendeten fürstlichen Privataufsatz aller­unterthänigst und pflichtschuldigst verbreitet? Man wünschte doch endlich über diese allgemein behauptcteten und einzeln geleugneten Handdienste inS Reine zu kommen!

Hassel, 11. Juli. Die Zollvereinkonferenz wird besser auSfüllen, als man erwarten dürfte. Es wird Nichts beschlossen wer­den. wachsen protestirt, und eS ist die löbliche Einrichtung getrof­fen, wenn ein Zollvereinöglied protestirt, wird Nichts durchgeführt. Fürstliche Einigungöversuche und polnische Reichstage sind glücklicher- weise Einerlei! Die Herren Vetoö werden sich untereinander so lange zusetzen, bis sie allesammt schachmatt sind.Heil sei dem Tag, an dem rc. :c.! "

Hannu , 10. Juli. Vor einigen Tagen wurde ein hiesiger Bürger von einer Anzahl Unteroffiziere deS Zten LinienregimentS beim Durchgang durch einen Kcssclstädter WirthSgarten verhöhnt und eines KorpergebrcchenS wegen verspottet. Als derselbe später durch den Garten zurückging, wiederholte sich die vorige Scene, wobei daS Körpergebrechcn zur Erhöhung des Vergnügens nachgeahmt wurde. Auf die ruhige Aeußerung des Bürgers, sich zu mäßige», da er Nieman-

i schlug "ncr der Unteroffiziere ihn wiederholt in's Gesicht, wobei viele seiner Begleiter nach den Säbeln griffen. Der -Vorgang liegt dem Militärgericht zur Untersuchung vor, deren Rc- sullat mitgetheilt werden wird. - Wir sind in ganz Deutschland an derartige Militärbrutalitäten so gewöhnt und an die höchst auffallenden Ergebnisse der darüber »«gestellten Untersuchungen, daß wir auch über diejeS Vorkommmß nicht im Mindesten überrascht sind. DaS einzige Wundcibare bleibt nur, daß die Oberen nicht bedenken, wie solche Exzesse und eine gelockerte Subordination Hand in Hand gehen. Macht den Soldaten zum Herrn deS StaatS und er wird auch euer Herr werden, ihr Herren Offiziere, Generale und Fürsten. Wir