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Dritter Jahrgang.
Petition (obere gnttn.iafTe Nr. 132^ zu 6 Hlr. Durch alte Postämter zu bezi.'den Inserate die dreispaltige Petitzerle 8 Hlr.
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Kassel, Dienstag den 9. Juli
1880.
Schleswig Holstein
Preußen hat mit Dänemark Frieden geschlossen, Frieden im Namen Lher deutschen Nation, Frieden alS Beauftragter, gegen Dänemark die Rechte Deutschlands, die Ehre des deutschen NamenS zu wahren.
WaS brauchen wir noch auf „Genaueres" und „Bestimmteres" über den Inhalt des Friedensschlusses zu warten, — der Verrath an den Herzogthümern, an deutscher Ehre und am deutschen Namen ist über allem Zweifel, ist außer aller Frage. Daß man erst in drei Wochen offen vor das deutsche Volk treten will, um ihm zu verkünden, wie sein „deutscher Kaiser", sein „NeichSvorstand" die Ehre, das Recht und den Wcffinstolz Deutschlands versteht, daS ist wieder nur eine von jenen Praktiken, mit denen man dem Philister Zeit läßt, sich auf den endlichen Schlag vorzubereiten. Wir bedürfen dieser Vorbereitung nicht, wir sind auf daS Aeußerste, auf Alles gefaßt. Wir wissen, daß die deutschen Fürsten nicht eher ruhen werden, bis unser sittliches Bewußtsein, unser Nationalstolz, unsere Schaam, ja daâ gewöhnliche Anstandsgefühl der „freien" deutschen Nation so tief kvmprvmittirt sind, daß wir unS ruhig und geduldig in die letzte Botschaft finden, wonach wir definitiv alS russische Provinz erklärt werden.
Die Herzogthümer sind verrathen. Sie waren eS vom ersten Augenblick an, wo man der Krone Preußens das Amt übertrug, die Ehre Deutschlands mit len Waffen in der Hand zu vertreten Sie sind eS nicht erst mit, sie waren eS schon vor dem Malmöer Waffenstillstand , sie sind es nicht seit dm zweiten, sondern schon vor dem ersten Feldzug, sie sind cü nicht seit dem Frieden, sie waren eS lange vor den Friedenspräliminarien. Elende Thoren, die ihr in euren Ständekammern noch vor einigen Monden den SchlcSwig-Holsteincrn Muth und Ausdauer zuricfct! Warum habt ihr euren Brüdern im Norden nicht lieber zugerufen, eine Bartholomäusnacht gegen die Preußen zu beginnen, warum habt ihr sie nicht aufmerksam gemacht auf die finstern, brudermörderischen, meuchelmörderischen Ränke des „deutschen Kaisers", deS „RrichSvorstandeS", warum habt ihr die Nachtwandler im Norden nicht avgeiufen, und sie lieber jählings sterben als langsam verderben lassen? Ihr seid Mitschuldige an der preußischen Schandthat, an der Entwürdigung deS deutschen NamenS, an der Verspottung der deutschen Nation.
SchltSwig. Holstein ist verrathen. Wer gibt uns die Brüder zurück, die ihr in den Tod gejagt, zum Tote begeistert hattet? Wer löscht in den Herzen der Wiedergckehrtcn daS bittere Gefühl der Täuschung, deS Betrugs, der Fopperei auS? Ein Kampf für die deutsche Nation, für die deutsche Ehre ist für die Zukunft eine Tollheit! Auch die Kämpfer der Freiheitskriege sind getäuscht, betrogen, hintcrgangcn, die Kämpfer für Schleswig Holstein find aber nicht betrogen, sie sind genasführt, genarrt, dem Spott und Gelächter der Welt preisgegebcn. Auf Fürsten - Wort und Wink tu den Kampf zu ziehen und dann von demselben Fürsten für einen tollen Rebellen erklärt zu werden, — — daS ist noch nicht dagewesen in der Geschichte der deutschen Fürsten, das ist nicht zu verwundern, nein; es ist aber neu! Napoleon hat eine halbe Million geschlachtet, — die halbe Million fiel für eine Idee. Der König von Preußen opfert die deutsche Jugend um einer — Laune willen. Merkl'6 euch, Soldaten!
Over glaubt ihr wirklich, der König von Preußen sei nicht gemeint, die Schleèwig-Holstkiner für die Folge als Rebellen zu betrachten? Kann eâ einen schaamloscrcn, elenderen Widerspruch geben, als ein Brudervolk im Stiche lassen, an seine Feinde auSliksern und doch zu gleicher Zeit stipuliren, daß es in seinem Rechte, daß es, selbst für den Fall deS Kampfes, nicht im Unrechte sei? Preußen w^ll Schleswig den zähnefletschenden Dänen in den Rachen werfen, daö Schicksal Holsteins d r Zukunft und dem deutschen Bunde überlassen, — hört ihr's, Erfurter, dem deutschen Bunde, der Entwickelung
deè Interims, dem ihr nur die Verwaltung der BundeSfestunge« übertragen wolltet! — es will sogar dafür sorgen, daß die Holsteiner ihre Armee reduciren, sich also wehrlos machen, daß sie ihren Brüdern in Schleswig keine Hülfe senden können, sie ruhig verbluten, auöröcheln lassen müssen, eS will dafür sorgen, daß Holstein nur noch die bundeSmatrikel-mäßige Anzahl Soldaten halte, — hört ihr Erfurter, die bund e S in a tri kel-mä ßig e!— Preußen will wie ein Dieb in der Nacht vom Schlachtfelde laufen, will ruhig zusehen, wie die russische Flotte den Herzogthümern aus der Ferne daS memento mori! zuwinkt, wie Rußland den Knittel aufhebt, um vor einem etwaigen Nachegeschrei zu warnen, wenn die unglücklichen Herzogthümer unter den Schlägen der dänischen Wuth zusammenkrachen, — wie, und dieses Preußen sollte in den aufständischen Schleswig-Holsteinern keine Rebellen erblicken, es sollte sic nicht schließlich mit den Badensern und Pfälzern in eine Kategorie werfen, es sollte nicht endlich zur Ueberzeugung kommen, daß nach russischer Theorie ein Volk untre allen Umständen rebellisch ist, wenn eS von seinen Rechten, seinen Freiheiten redet?
SchleSwig-Holstein ist nicht blos verrathen, Preußen hat die Schleswig-Holsteiner sogar in die Acht erklärt, dem Standrechte über- wiesen. DaS ist daS deutsche Preußen, daS ist der „deutsche Kaiser", der „deutsche NeichSvorstand". Eö eristirt kein Deutschland mehr, der König von Preußen hat die „deutsche Sache" für Meuterei erklärt. Sagt nicht mehr, Oesterreich sei gegen den Willen Preußens auö Deutschland gezogen, der dänische Frieden zeigt unö, was Preußen unter „deutscher Nation" versteht. Der König von Preußen hatte sein Wort für SchleSwig-Holstein verpfändet, er hat eö freiwillig, zu Gunsten Rußlands, gebrochen. Zu Gunsten Rußlands hat Preußen Oesterreich scheiden lassen, zu Gunsten Ruß- landâ läßt eS SchleSwig-Holstein ziehen, zu Gunsten Rußlands wird nächstens Hannover mit seinen Getreuen auS dem „deutschen Bunde" sich stehlen.
Die deutsche Frage ist die Frage der Rebellion, auf den Wink Rußlands giebt eS also keine deutsche Frage mehr. Warum steht ihr nicht auf? Warum tragt ihr die Fahne der Empörung nicht noch, malâ über Europa? Elende Feiglinge, jämmerliche Maulhelden! Und ihr verlangt von SchleSwig-Holstcin, daß eS die Waffen ziehe? Wollt ihr ihnen zu Hülfe eilen, wollt ihr Freischaaren bilden? Ihr seid Rebellen. Der König von Preußen hat stipukirt, dafür Sorge zu tragen, daß Niemand sich in die Nähe wage, wenn Dänemark an den großen Völkermord geht, wenn Dänemark seine „Unterthanen" erwürgt. Preußen will Wache stehen, Preußen, hört ihr? Preußen will Posten vor Schleswig-Holstein stehen, wenn SchleSwig-Holstein am hellen Tage unter den Dolchstößen Dänemarks verendet. Elende Rolle deS Mephistopheles! Daö ,st Neutralität, preußische Neutralität, daö nennen die Diplomaten — Passivität!
Preußen will die Herzogthümer nicht mit eigener Faust erwürgen, eS will nur Bürgschaft leisten, daß das Würgergeschäft keine Störung leidet. Habt ihr noch Blut in den Adern? Habt ihr noch einen Funken Ehrgefühl in der Brust? Erinnert ihr euch noch, einmal einen dunklen Begriff von Perfidie, von Meineid, von Meuchelmord, eine Munsie Ahnung gehabt zu haben von einer Schande, die zum Himmel raucht, von den Niederträchtigkeiten eines Tartuffe, eines frömmelnden Jesuiten, erinnert ihr euch noch, daß ihr einst von Deutschlands Ehrt und Treue geträumt habt, von drutichein Manneswort und deutschem Heldeumuth? Der König von Preußen läuft mit seinen Truppen auf und davon, einem Zaunkönig gegenüber reißt er mit der Armee aus und laßt Deutschland, sein eigenes Vaterland im Stich, vor ein paar russischen Segeln rennt der „deutsche Kaiser", der „NeichSvorstand" von der Elder, von dem Felde des Ruhms in seine Marken, auf die Felder der russischen Kultur. Ein großer König, ein treffliche?