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Dritter Jahrgang.
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M" ISS.
Kassel, Mittwoch den 3. Juli
1850*
Warschau und England.
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Der Kontinent beginnt seit dem Jahre 1848 zwei neue große Gedanken mit aller Gewalt zu erfassen. Diese Gedanken sind keineswegs neu; sie wurden bereits beim Anfang der ersten Revolution in die europäische Welt geschleudert. Aber mit der Energie der Jetztzeit sind sie niemals erfaßt worden. Europa mußte zuvor jene zwei großen Parteien in allen Ländern um die ausschließliche Herrschaft ringen sehen; es mußte bis in das innerste Herz ihre ewige Unversöhnlichkeit empfinden; es mußte zuvor erfassen, daß eS sich bei allen Nationen um denselben Kampf und um dieselbe Zukunft handle, um die Republik oder um daö Kosakenthum — bevor der Gedanken der ersten Revolution zum Lehrsatz der Welt werden konnte. Dieser Satz heißt: die Solidarität der Völker, — sein Erzeuger ist die solidarische Verbindung der Fürsten. Ganz Europa hat nur noch zwei große Parteien, die Volköpartei und die Fürstenpartei. — Vergebens haben die französischen Heere der ersten Revolution die Freiheit der Völker prvklamirt, da sie selbst ihre eigene verloren. Wie sie über Nacht entstanden auf ein militärisches Kommando, sanken sie zusammen auf denselben Befehl, all' diese Produkte der Propaganda des Terrorismus, diese Republiken von dem cüstinischen Freistaat Mainz an bis auf die napoleonischen Machwerke in Italien. — Ohne den geringsten Widerstand ließen die Nationen sich nehmen, waS sie sich nicht selbst gegeben. — Aber von diesen Augenblicken an beginnt ihre selbstständige Bewegung, und 50 Jahre gingen darüber hin, bis sie auS sich dieselbe Schöpfung erzeugen wollten, welche sie damals als ein Kind der Fremde haßten und verachteten, den Volköstaat, — bis sie erzogen in der Idee der Freiheit, die Nationalitäten zu ihrem gemeinsamen Opferdienst vereinigen wollten. Die Schweiz hatte die große Bestimmung, die Volkssolidarität zum Bewußtsein zu bringen; in diesem Bergasyl schwuren sich die Flüchtlinge aller Nationen den ewigen Bruderbund. Und als dieser Bruderbund die gemeinsame Erhebung der Völker zur Folge hatte, und als alle Throne überall denselben Feind erblickten und denselben Schlachtruf vernahmen, als überall dieselben Barrikaden und dieselbe todeSmuthige Besatzung aus der Erde emporwuchs, da schwuren sie sich ab die alte Fehde und den alten aufgeerbten Haß, die Götter Europas, und sie beugten sich vor der Knute des Einzigen, in dessen Volk, wenn auch der Instinkt, noch nicht daS Bewußtsein der Revolution wach geworden, sie beugten sich vor dem einzigen Starken ihres Geblüts, um der heiligen Trias des Standrechts, der Belagerung und der Oktroyirung all' ihre Macht, all' ihren Reichthum zu Füßen zu legen.. Deutschland war vor Allem daö Land, das die große Idee der Völkergrsammtver- Kindlichkeit in blinder Bedientenverkommenheit von sich stieß, daâ seine angestammten Blutsauger stets von Neuem zu dem Wahnsinn hinrisse», jene Nation für seinen Erbfeind zu erklären, deren FreiheitSruf zuerst die Zwingburgen der deutschen Nerone erschüttert. AlS das zerfleischte Polen noch einmal auS seinem Blute sich emporroffte und mit dem Schrei der Verzweiflung das französische Volk an seine Eidschwüre mahnte — und an die Bruderpflicht der Nationen, — vergebens! — Deutschland lag zwischen den Lcichenfeldern von Praga und Ostrolenka und zwischen dem französischen Schwert, daS nach Kosackenblut durstete, — deutsche Heere standen bereit, wenn die Polen Rußlands gesiegt, wenigstens die slavischen Leibeignen Haböburgö und HohcnzvllernS niederzuschmeltern. Daö war der erste Sieg des KosakenthuniS in diesem Jahrhundert. Der zweite fand statt in Italien. — In ihren Hofburgen zitterten die Gesalbten des Herrn vor dem Märzsturm ihrer empörten Unterthanen — aber jenseits der Gränze stürzten sich dieselben Unterthaien für ihren verachteten, mißhandelten Tyrannen mit deutscher $tonnb mur in den Tod, — daheim rissen sie ihm die. Kronen
vom Haupte, da draußen eroberten sie ihm neue — daheim schrien sie nach Freiheit, da draußen starben sie für die Knechtschaft. — Italien war verloren und Ungarn war verloren, und das war der drite Sieg deö KosackenthumS. Vergebens hat Italien, vergebens Ungarn daS Volk der Brüderlichkeit um Hülfe anzefleht; — schon war der Bund der regierenden Kosacken geschlossen, und dieselben Truppen, die in Wien und in Paris zu dem Volke übergingen, suchten eine Ehre darin, dieseâ Volk in Mailand, in Venedig, in Pest und in Rom niederzumetzeln. So müssen sich die Völker zerfleischen, um sich lieben zu lernen — um zu erkennen, daß jede Wunde die sie sich schlagen, ein Todesstoß für ihre eigene Freiheit ist, und ein Triumph der Tyrannei. In Warschau hat sie den neuen Bund geschlossen, die Fürstenpartei Europas, hat sie über den zerstörten Städten und den blutigen Leichenfeldern ihre ewige Solidarität erklärt. Nur eins fehlt an ihrem vollkommnen Triumph. Es reicht hin, die Ruhe ihrer Tage zu vergiften und den Schlaf ihrer Nächte zu stören. Es ist Englands Verfassung, Englands Macht, Englands Liberalismus und Bürgerstolz. Napoleon, das Kriegüschwert des revolutionären Terrorismus, hat die Kontinentalsperre erfunden, — der kontinentale Despotismus wird sie adoptiren, wenn die Negierenden Großbritanniens im Parlament, die Könige des WeltkreditS, die Gebieter der Industrie, die Despoten von Millionen industrieller Leibeignen, dem Absolutismus des Kontinents noch ferner entgegen treten. — DaS englische Gouvernement soll sich entweder zum Warschauer Bündniß bekehren, oder mindestens neutral bleiben, — daS ist das Verlangen der europäischen oder russischen Diplomatie, das bedeutet die Bewegung, der torrystischen Aristokratie gegen das Ministerium Palmerston-
D e u t f ch l a rl fr.
** Kassel, 2. Juli. — Die Staatsdieneropposition entwickel' sich schon. Bei der hiesigen Finanzkammer hat ein gewisser Hr. v Baumbach die Subalternen freundschaftlich eingeladen, Hrn. Hassenpflug doch wenigstens durch Einzahlung ihrer Klassensteuer unter die Arme zu greifen. Schade für die edle Absicht! Hr. Haffenpflug hat diese Freundschaft ausgeschlagen.
»Kassel, 2. Juli. - Das Manifest, das Manifest! Wir hören so eben, daß Hr. Haffenpflug in diesen Tagen eine schriftliche Standrete an die biedern Hessen halten will. '2Ute Angewohnheit! Wird aber leider vergeblich sein, da dir biedern Hessen dermalen von Hrn. Hassenpflug absolut nichtS mehr ermatten, wenigstens nichts Gutes. Schickt die Druckkosten nach Gleifswatdef
* * Kassel, 2. Juli. — Hr. Hassenpflug, der abwechselnd einmal unsere Residenz besucht, um den dicksten Dreck förlzuschaffen, denkt, trotz den entgegenstehenden Gerüchten, nicht daran, sich von Seiner Königlichen Hoheit fortjagen zu lassen. Wir wissen bestimmt, daß der Greifswalder Premier die Versicherung gegeben hat, er könne noch 4 fei Jahr ohne Steuern regieren, es gehe alles nach Wunsch. »34 hab' meine Sach' auf nix gestellt.« Ob Seine König!. Hoheit Allerhöchstdcrèn Sach' auch auf nix gestellt haben, ist. freilich etwas anderes, es scheint aber so.
Hr. Lomelsch soll wirklich aus dem Haffenpssug'schen Compagnie- geschaft austreten wollen. Seiner Ansicht nach reichen die Gelder nur noch einen Monat aus — später aber wird's fürchterlich. Vielleicht geht dann das Finanzministerium ein, oder sollte Hr. Abee einmal die Sache in Angriff nehmen?
Q Berlin, 1. Juli.— Konferenzen! Konferenzen! — DaS ist die Losung. In London der Prinz von Preußen, Ritter Bunsen unb. der russische Graf Brunnow auf den englischen Tories, hier Nessel- rode, der russische Minister, der Gesandte Meyerdorff, Nadowitz,. Schleinitz und Bernstorff, preußischer Gesandter in Wen. Was bie