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Dritter Jahrgang.

Petition (obere Entengasse Nr. 132) zu G HW, Durch alle Postämter zu bezieden. Inserat« die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

Die Hornisse.

M^ILS. Kassel, Sonntag den 23. Juni 1850.

Die Selbstvernichtung der Negierungen.

Jedes Ding trägt den Grund seiner Existenz wie seines Unter­gangs in sich selbst. Jeder Begriff trägt in sich die zerstörenden Ele- mente, durch welche er untergeht. Lange Zeit hat die Weltgeschichte kein solch furchtbares Schauspiel dargeboten, wie den großen Zerstö- rungSprozeß, der augenblicklich mit unaufhaltsamer Gewalt auf dem europäischen Kontinent seiner Krisis entgegenstürzt. Es ist der Zer- slörungöprozeß jeder Negierungsgewalt durch sich selbst. Die Zuckungen dcö Todes erschüttern jenen menschenverschlingenden Götzen, jenen Alp, der seit Jahrhunderten und Jahrtausenden auf dem Leben Europas mit eiserner Wucht gelastet der mit seinem Schwert die Völker als Opfer hiuweggemäht und alle Landen mit Blnt gedüngt und mit Leichen. Die Revolution hat die lodernde Fackel an das Gebäude der Gewalt gehalten es hat gezündet seht wie sie im furchtbaren Brand sich selbst verzehrt, wie Stück für Stück in sich selbst zusamm-nstirzt! Bald wird diese stolze Zwingfestenurnocheine glimmende Rt ine sein, bald nur ein Haufen Schutt und Moder, auS dem nur zuweilen noch das leise Gewimmer der lebendig Begrabenen hervortönt. ES gibt kein Laster der Erde, durch welches sich dieses Wesen nicht selbst geschändet, eS gibt kein Verbrechen, das nicht selbst begangen, cs gibt kein Aberwitz und keine Verkehrtheit, in die eS nicht blindlings gestü zt, in der thörichten Hornung sich zu retten. Dieser heidnische Götze, genannt Staatsgewalt, Regierung, Gou­vernement, genannt Kaiser König Herzog Prasivent Statthalterschaft Pabst und Sultan war immer derselbe unter all' den schimmernden Titeln, die er sich verliehen, unter aller Pracht mit der er sich und seine Opferpriester bekleidete. In seinen Gesetzen stand:ehre die Tugend und liebe die Wahrhaftigkeit, aber Und ehre und liebe höher als Alles; Du sollst glücklich sein, aber Wir wol­len glücklicher sein. Du sollst handeln, wie cs Dir Unsere Gesetze gebieten Wir handeln, wie eS Uns beliebt, denn Wir sind Dein @ifc$, - Deine Vorsehung und Dein Gott, Dein Führer, Dein Ankläger, Dein Richter und Dein Henker!" Und so geschah! Der Götze hieß unser Gott. Daö Thier der Sünde, daS Gebild der Willkür hilß unser Gesetz. Und sein Gesetz war Lüge, Unzucht, Be­trug, Ausbeutung, Raub, Mord und Tortschlag. Im Namen deö Gesetzes ward die Erde verwüstet, der Mensch vom Menschen erwürgt und aufgezehrt. Im Namen der Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Gewalt wurde die Tugend dem Laster und die Wahrheit dem Trug, der Adel der Seele den Gelüsten der Bestialität und der Unvernunft zum Opfer gebracht.

Daö Sittcngcsetz und die Moral des Menschen, der göttliche Geist oder Gott selbst war ein Sklave geworden der List und der Heuchelei, dieser schändlichen Genossinnen der Gewalt. Aber ist nur ein Schritt vom Schrecklichen zum Verächtlichen, vom Erhabenen zum Lächerlichen. Mit dem vorigen Jahrhundert begann dieser Sturz. Kaum war der absolute Staat, der Begriff deö letat cest moi entstanden: als auch die Gewalt in sich schnell zur höchsten Ueber­treibung emporstieg, um eben so tief zu fallen. Welch' einen Glanz, welch' eine Ehrfurcht verbreitete jener Louiö XIV. um sich; die große Station lag zu den Füßen seiner Maitresscn und katzenbuckelte vor seinem letzten Lakaien. Für den Ruhm dcö Monarchen opferte Adel, Geistlichkeit und Bürgerstand ihr Allcö, ihr Gut und ihr Blut. Sein Ruhm war der Frankreichs. Und unter der zügellosen Regent­schaft, die ihm folgte, schon dieser stille Ingrimm, diese satirische Wuth auf das Treiben deö Hofö; und unter Ludwig X V. dieser auflodernde Zorn, diese offene Verdammung der in'ö Furchtbare ge­steigerten Hofschande; und unter Ludwig XVI. dieser wilde Auâ-

bruch und der Tod durch daö Fallbeil; und unter dem Konvent und unter Robespierre die furchtbare Rache an den Helfershelfern der alten Regierungöschande. Und doch trotz all' dieser Wuth, und mitten in diesen Strömen Bluts noch immer die alte Achtung, die alte Anbetung jenes menschenfeindlichen Götzen, jenes blutigen, räuberi­schen Prinzips der absoluten Regierung. Der alte Götze wird zertrümmert, weil er nicht schmuck genug ist, ein neues Bild wird an seiner Stelle errichtet. Aber daS Prinzip bleibt dasselbe. Der Revolutionär Robespierre kommt zum Regiment und er wird schreck­licher als die Monarchie es war; das Direktorium folgt, eS tritt in dieselben Fußtapfen, das Konsulat, daö Kaiserthum, ist und bleibt die alte Ausbeutung, der Mord deS Menschen durch den Men­schen. LouiS X V111 , Karl X wissen nichts Besseres. Rasender Kreis­lauf der Negierungsproben! Die Bourbonen hatten sie elend gemacht, die Republikaner ebenfalls, ihr gewählter Kaiser machte sie ganz un­glücklich, da kehren sie zu ihren ersten Schlächtern zurück. Aber ein Schlächter kann Nichts lernen und Nichts vergessen. Nun erst entsteht ein Moment der Besinnung. Die Negierung bars feilte Macht haben, das war der Jnstikt der Julirevolution von l£30. Hub Louis Philipp wird der Bürgerkönig der Franzosen. Seine Macht war die Geldmacht, das Kapital; cr war hervorgegangen aus der Wahl dec Kinder des Kapitals, der Bourgeois, und deshalb wurde seine Re­gierung die Korruption. DaS Wesen deS Kapitals ist Wucher, Betrug und Bestechung. Er erst hatte für Frankreich die Mission, die Regierung und ihr ganzes Prinzip zu einem Gegenstand bodenloser Verachtung zu machen. Man verachtete ihn und doch hielt man ihn aber als er gefallen, ward ihm keine Thräne nachgeweint kein Herz trauerte. Er hatte ja sein königlich Geschäft vortheilhaft genug betrieben, seine Papiere gesichert, seine Kapitale geborgen, der Napoleon des WucherS, der königl. Rothschild. Er verschwand spurlos als guter Börsenspccu- lant beim ersten Ausbruch deö Bankbruchs. Und auf den schnellen Traum der ohnmächtigen provisorischen Regierung folgte der Repu- P i nner Cavaignac als Junischlächter. Aber auf diese letzte furcht- bare Gestalt einer Regierung sollte sofort die Lächerlichkeit kom- men, Louiö Napoleon. Waö gibt es Lächerlicheres, was Erbärm­licheres uud Elenderes, alS diese Fratze deS großen OnkelS, der von allen Parteien gleichweis benutzte und geköderte RegierungSausdruck Frankreichs der Verspottete der Nationalversammlung, die ihm seine Schulden zahlen will, aber nicht seine Negicrungökosten, der Hanöwurst der Orleanisten und Legitimisten, verachtet und lächerlich beim Heer als Feigling bei der Bourgeoisie als Lump bei den Sozialisten als Narr bei den Arbeitern als seichter Schwätzer. Dieser Unglückliche wird auf eine noch viel kläglichere Art von der Bühneabtreten als Louis Philipp! Durch ihn erhält daö Prinzip der Negierun;ögcwalt überhaupt den Stempel der Abgeschmacktheit und keine Macht der Erde wird im Stande sein, dieses Narrenzeichen jemals von seiner Stirne auszulöschen.

Glaubt ihr vielleicht, in Deutschland wäre es nicht ebenso. Ganz derselbe Verlauf! Nur zeigt Frankreich Allcö in größern Verhältnissen, jene republikanischen Regierungsphasen zeigen zugleich, daß alle Demokratie ohne Bewußtsein ist, die bei dem alten Prinzip verharrt, eine Gewalt, einen Herrscher über sich zu sehen, heiße er Konvent, Präsident, Konsul, Direktor oder wie er will. Sonst ist Alles bei unS ebenso. Wie haben unsere Urgroßväter und un­sere Großvater noch diese kleinen Landesherren verehrt und ver­göttert wie sie sich geräuspert und gespukt", daS war die täg­liche Parole. Ihre Jagden, ihre Opern, ihre Paraden, ihre Lieb­schaften, all' ihre dummen oder unsittlichen Streiche waren daS A und O alles bürgerlichen Lebens Und waS thaten unsere Väter bereits? Sie singen an zu murren gegen diese Unzucht und gegen dieses besin-