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P rittet Jahrgang.
pedition (obere Entengasse Nr. 133) zu H Hlr Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr,
wr-135-
Kassel, Mittwoch den 12. Juni
1850.
Der Erfurter Manteuffel vernichtet die freie Presse.
2.
Auf die Barrikaden, Gotha! Der König von Preußen hat sich wieder einmal dcmaskirt. Wie nanntet ihr diesen Mann der Gottesbegnadung, diesen Helden vom Bahnhof, wie nanntet ihr diesen Menschen im Anfänge des Jahres 1848? „Elender Komödiant, verr..... M.....??? Tempora mufanfur. Die attentirte Majestät von Preußen stieg in euren Augen plötzlich zum rettenden Gott, zum Go- thaer Christuâ. Tempora mutantur. Nicht einmal ein Sand, der wahnsinnige Sefeloge genügt, um die Bahnhofsmajestät an der Spitze einer königlichen Ordonnanz zu sehen, die mit einem Federstrich die ganze Revolution standrechtet, alle Freiheit nach Sibirien schickt. Der König von Preußen will sich berühmt machen! — daS ist Alles!
Staunt ihr? Elende Feiglinge! Als in Sachsen die Preßfreiheit vernichtet wurde, schrieet ihr von Juniordonnanzen und Gewaltthaten, da bedauertet ihr, daß Sachsen so gescheidt gewesen war, von dem blödsinnigen Reichsgericht sortznlaufcn, weil daS blödsinnige Reichsgericht Sachsen zu den Bergwerken verurtheilt hätte; was sagt ihr jetzt? Der Erfurter Manteuffel ist größer als Beust von Sachsen! Der Gothaer Manteuffel vernichtet die freie Presse durch die Postmeister und Postillione. Habt ihr keinen Raum für eure Entrüstung? Beruft einen Kongreß der nationalen Vereine, trommelt die Erfurter Vagabonden zusammen, erklärt den König für vogelfrei, — nicht? Nein! Denn die Bahnhofsmajestät hat erklärt, daß sie umfassende Maaßregeln gegen die freie Presse — dem Eifurter UnionStage überlassen wolle. Genügt euch dieser Fußtritt? Ihr sollt preußische Po- lizcibüttel werden, preußische Konstabler, preußische Konstabler - hört ihr? Fühlt ihr euch nicht geschmeichelt durch diese Unionümission?
Ihr schweigt? Seid ihr überrascht worden? Die Demokratie lacht euch auö. Nicht einmal die vier SpezieS der Contrcrevolutivn zu verstehen — — — daS ist hart, sehr hart. Manteuffel hat die freie Presse vernichtet, der Erfurter Minister hat die Postillione zu Censoren ernannt. WaS ist Besonderes dabei? Manteuffel hat auch die preußische Nationalversammlung verjagt, die Sleuerverweigerer prozessiren lassen, das Frankfurter Parlament verriegelt. Warum sollte er vor dem Morde des freien Geistes zurückbcben?
Thoren, die ihr seid! Begreift ihr nun endlich, welche Rolle ihr gespielt habt, seht ihr nun ein, daß ihr bloS gebraucht worden seid? Versteht ihr jetzt die Erfurter Komödie, die königlichen Phrasen? Glaubt ihr noch, die Bahnhofsmajestät werde dem deutschen Bund in den Weg treten? Dem deutschen Bunde, freilich! L>eme Majestät haben auch die Censur nicht wieder eingeführt, die Censur ist ein veraltetes Institut, der romantische König gibt euch statt der Censur die censirenden Postmeister, statt des deutschen Bundes die einfache Knute. Wißt ihr nun, welche Geschäfte der Prinz von Preußen in Warschau gemacht hat? Glaubt ihr noch an ein Zer- würfniß zwischen Oesterreich und Preußen? Ein Zerwürfiiiß, ja! Der König von Preußen besteht auf den Postillionen, der Kaiser von Oesterreich auf den Unteroffizieren. Voüa tout!
Die Vernichtung der freien Presse trifft nicht die Demokratie, sondern euch, die konstitutionellen Schwindler und Abenteurer. Wir haben euch schon einmal gesagt: die Demokratie ist üojtf, der Kon- sUtutionaliSmuS ist Dialektik. Euer JesuitiSmuS, eure Theorien und Phrasen haben euch daS Leben gefristet, ohne die Presse gleicht ihr dem Nebel in der Luft, seid ihr Rauch, Traum, Schall. Oder glaubt ihr, die Kontrerevolution werde bei euch stehen bleiben? Lesst die preußische Kreuzzeitung, lcs't den hessischen Volksfreund. Vilmar, derselbe Vilmar, der noch vor 14 Tagen erklärte, daß er euch immer
sehr anständig behandelt habe, nennt euch jetzt „gedarrkenbose Pinsel jämmerliche Phrasendrescher, verächtliche Hohlköpfe", die konstitutionellen StaatSdiener nennt er „verächtliche Wichte", euch alle „armselige, stumpfsinnige Lappen", „tausendmal tausend Lumpen " Ist daS deutlich?
Der Fanatismus der Kontrerevolution kennt keine Grenze. Dev Erfurter Manteuffel wird seine Jünger zwischen die Arme nehmen und sie dem Kaiser von Rußland vor die Füße werfen. Die Demokratie lacht! Man hat uns füsilirt und gemeuchelmordet, die Demokratie lacht! Lacht ihr auch? Nein? Hervor denn mit eurem moralischen Eindruck, eurer Macht der Ideen, heraus mit eurem Flederwisch, stoßt zu! „Verächtliche Wichte!" Wenn die Demokratie ihre Fäuste aus den Taschen holt, wird sie eure Köpfe zuerst zu finden wissen „jämmerliche Phrasendrescher."
Deutschland,
"Kassel, 11. Juni. — In der heutigen Ständesitzung erklärte der Landtagokommissar, daß daS Ministerium Hassenpflug mit dieser Ständekammer nicht Hand in Hand gehen könne, und daß die Proposition auf Steuerbewilligung bis zum Jahr 1851 vorgelegt sei, um die Versammlung aufzulösen. Obgleich daS alle Welt wußte, fielen die Gothaer in innerliche Ohnmacht. Der Kommissar gab weiter zu verstehen, daß man eine ^monatliche Stcnerbewilligung verlange, weil man nicht in aller Kürze die nöthigen Vorlagen bearbeiten könne für die Verhandlungen der zukünftigen Kammern. Hr. Hassenpffug muß erst die Frankfurter Maßregelung abwarten. Er will wohl oktroyiren, aber er möchte gern Jemanden haben, der ihm den Rücken deckt. Frankfurt soll ihm ein neues Wahlgesetz geben, oder die Erlaubniß, zum allen zurückzukehren. — Wie noch immer die Partei Haffenpflug an Auszehrung laborirt, beweist der Umstand, daß ein junger christlich- germanischer Bursche, NamenS Lotz, von Marburg, der dort einige Zeit den öffentlichen Ankläger in Glacehandschuhen spielte, hierher gezogen winde, um irgend eine Ministeriallücke auSzustopfen. Der. Diktator Hr. Haffenpflug braucht blos Handlanger!
* Kassel, 11. Juni. — Man bemerke: Die Neuhessische hat bis jetzt noch kein Wort über die Preßbrutalität in Berlin. — Kurz und gut theilt sie dicö Gesetz selbst mit. Sie wird erst von dem. Preßausschuß. der Kasselschen Gothaer sich BerhalnrngSmaßregeln auS- bitten. Vor einige» Tagen schimpfte sie barbarisch über die sächsischen Ordonnanzen und behauptete, daß ihr die behahnenfederte Demokratie noch lieber wäre, als diese Reaktionsgesellschaft. Preußen freilich, werde so etwas nie thun. Jammervolles Volk. Als habe PreußkNi jemals etwas Anderes, alS Ordonnanzen gehabt. Und jetzt? — Sie schweigt. Vorwärts Hr. Oetker, die Hahnenfeder anfgesteckt. DaS Zeltungöschreiben hat die längste Zeit gedauert. — „ Hat Nichts zu. sagen (entgegnet der ehrenwerthe Herr), lassen Sie mich gewähren. — Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold!!!"
O âZcriiu , 9. Juni. — Der gestrige Tag, der Tag der Pub- lizirung unserer Juniordonnanzen, ist jedenfalls ein bedeutsamer gewesen. Er eröffnet die Reihe der Gewalcstreiche, die ssch bis zur Zerstückelung Frankreichs ausdehnen wird. Sie werden Ihren Lesern die wichtigsten Bestimmungen der Ordonnanzen mitgetheilt haben; sie sind ja so klar und einfach, daß sie keines Kommentars bedürfen. Sie sind der Ausdruck des vollkommensten BüreaukratiSmuS, der Demokratie, Aristokratie und. Königthum gleißmäßig in sein Schema zwängen will. Ich komme darauf unten zurück. Daß man für den Augenblick gegen die Ordonnanz nichts thun kann, wissen âe leider so gut alS wir. Sie aber ganz unbenutzt vorubergehn lassen, wäre dennoch Unrecht. Dian hofft, daß die drei Redakteure der drei hiesigen demokratischen Zeitungen: „Abend-Post ", „ National-Zeitung" und /, Urwähler" sich dahin vereinigen werden, einen Aufruf zu er-