Dritter Jahrgang.
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Kassel, Sonnabend den 8. Juni
1830.
Die Praxis der Gegenwart
S.
Wir sind mit unserer Erörterung nun an den Punkt gekommen, wo die Zukunft selbst die Praxis erzeugen muß. Sobald daS Volk in seiner Totalität sich selbst beherrscht, wird es friedlich ohne Mühe die einzelnen gesellschaftlichen Einrichtungen treffen, die ihm die Frucht gewähren müssen, um welche es nach seiner Selbstständigkeit geru gen, die allgemeine Wohlfahrt. Man hat unS oftmals aufgefordert in wenigen Zügen die Gestalt einer solchen GesellschaftS- vrgamsation anzugeben. Wir haben schon hundertmal darauf geantwortet, daß daS die Arbeit der ganzen Zukunft sein wird, die Arbeit von Jahrhunderten. Wir können den Gang, den die politische Agitation nehmen muß, genau berechnen, wir können die Revolution, welche die bestehenden Staatszustände stürzen soll, in ihren Mitteln, in ihrem Zweck bestimmen. Die Erfahrung der vergangenen Jahrhunderte macht das möglich. WaS aber die befreite Menschheit zur Organisation ihres materiellen Glücks zukünftig thun wird, wie der soziale Staat sich ausbilden wird und vervollkommnen, das soll eben die Erfahrung der Zukunft lehren, für deren Entwicklung so lange kein Bod.n mftirt, als nicht der politische Umsturz vollbracht und die Revolution geschlossen ist. Daâ ist nicht das Werk deS Kampfes, sondern deS Friedens, das ist das Werk einer Zeit, wo auch die letzte Spur des revolutionären TerroriömuS der Selbstständigkeit aller einzelnen Individuen Platz gemacht hat. Keinen Augenblick früher werden wir zu gesunden Früchten der sozialen Reform kommen; — keinen Augenblick früher wird die Brüderlichkeit, die Gesammtver- bindlichkeit der Menschen, die alte abstrakte Formel der Freiheit und Gleichheit mit ihrem erlösenden Inhalt erfüllen. Alle Versuche, die vorher gemacht werden, werden vergeblich sein in dem Zustand deü allgemeinen Mord und TodtschlagS, wie er jetzt in dem despotischen Staat und in der Gesellschaft der allgemeinen Konkurrenz unser Leben, unsere Freiheit dem blutigen Zufall, und unser Glück dem Wucher, dem Betrug und der niederträchtigen Habgier überantwortet; — eine fluchwürdige, eine jammervolle Welt, wo der bodenlosen Sinnlichkeit einer geringen Anzahl von Freibeutern und Glückspilzen, die Körper wie die Geister deö BolkS auf dem Altare Molochs geschlachtet werden. — Sine Welt voll Raub, Plünderung, Blut und Thränen; eine Erde voll hvchcivilisir'er Menschenfresser! — Jener Fürst, der Millionen ™ einem einzigen Monat verschleudert, wie viel Unterthanen hat er jährlich mit Haut und Knochen verzehrt, die sein Prunk von GotteS Gnaden ausgesogen, seine herrlichen Armeen ausgehungert oder erschlagen haben! Jener Wucherer, wie viel Arme hat er auf seinem Gewissen, deren letzten Sparpfennig er mit der Gewalt seiner Mil- lionen in feinen Beutel geschwindelt! Jener reiche Fabrikant, wie- viel Arbeiter mußte er jährlich verzehren, um mit seinen Waaren in allen Welttheilen seine Konkurrenten auö dem Felde schlagen zu kön- ncn! Und jenes ätherische, nervenzuckende Weib der s. g. feinen Gesellschaft, wieviel Todtenhände haben an dieser glänzenden Seide von Lyon gewebt, gcklöpfelt an diesen durchsichtigen Brüsseler Spitzen — nur um einem einzigen Kind deü Glücks mit ihrem Todtenopfer Minuten neuer Luft zu verschaffen! — Hinweg mit dieser Welt deS Aberwitzes und der bodenlosen Unsittlichkeit! — Komm, o stürmische Fluth der Vernichtung, komm, v wilder Sturm deS ZornS und der Gerechtigkeit und zerbrich sie, diese harten, diese brudcrfcindlichcn, entmenschten Herzen, — wenn du sie nicht zu beugen vermagst! —
ES steht also für unS fest, daß alle Mittel für die Erzielung allgemeiner Wohlfahrt bei den jetzigen Zuständen vergeblich aygewendrt sind; — daß eö eine Sisyphusarbeit sein würde, hierfür Systeme aufzustellen, oder gar an deren Ausführung zu denken. Es steht ferner
für uns fest, daß die Einrichtung des sozialen StaatS von der Gesellschaft selbst in langsamer Entwickelung vollbracht werden muß, sobald wir daâ allgemeine Stimmrecht, d. h. die Selbstregierung, fest gegründet haben; und daß kein System im Stande ist, erschöpfend die Details anzuführen, die sich daraus ergeben werden. — Wir erkennen deswegen keins der bestehenden oder zukünftigen Systeme als maßgebend an. Die bestehenden der Sozialisten und Kommunisten deswegen nicht, weil sie alle vom Standpunkte des alten Staatswesens auSgehen, vom Regiertwerdeu, vom Despotismus, und nicht von der freien Selbstbestimmung. Die etwaig zukünftigen deswegen nicht, weil wir nur die Selbstbestimmung aller Individuen, die sich ihres Zwecks bewußt ist, die ideale Praxis, nicht aber die Theorie des Einzelnen für maßgebend halten. Mag man uns Systeme vor- legen! Wir werden sie diökutiren als Anträge von Einzelnen gestellt an die Gesammtheit, aber ein jedes System kann unserer radikalen Opposition gewiß sein, das nach Polizeimanier diktiren und organisi- ren will, daS mehr sein will, als ein bescheidener Wegweiser für den Pfad, auf dem die Menschheit ihr Glück selbst finden kann. So sehr wir nun auch alle soziale Systemmacherei in diesen Zeiten deS Kampfs, der Ungewißheit und des getrübten Blicks für überflüssig halten, so wenig wollen wir die praktisch-theoretischen Fragen von uns zurückweisen, welche sich bereits jetzt dem denkenden Geist auf- dräugen, wenn er sich jeneâ Ziel erreicht denkt, von welchem der soziale Neubau in der That beginnen soll. Im Gegentheil, die Diskussion dieser Fragen ist unsere Hauptaufgabe. Wir können und wollen nicht im Voraus ein Phantasiebild, einen Roman eines sozialen Staats geben, — weil wir nicht die Menschheit selbst in ihrer neuen, noch unerprobten Selbstthätigkeit selbst sind: aber wir müssen die Vorschläge diökutiren, die schon jetzt alâ Ausgangspunkte der zukünftige» Sozialreform gemacht werden können. Die demokratisch-soziale Presse aller Länder soll nicht bloâ die unbestimmte Richtung haben auf eine soziale Reform, daS wäre allerdings ein permanentes Armuthö- zeugniß; sie soll sich bereits über die ersten Schritte darin inS Klare zu setzen suchen, sie soll eS dahin bringen, neben ihrem politischen auch ein so z ia l e o P r o g r a m in für bestimmte Versuche zur sozialen Reform aufzustellen.
Bevor wir nun in kurzen Zügen die Mittel und Maßregeln angeben, über die in dieser Beziehung zu diSkutiren sein wird, müssen wir unsere Leser daran erinnern, daß diese insgesammt einen größeren GescllschaftSorganismuS vorauSsetzeu, als unsere kleine Lumpenstaaterei im Augenblick möglich macht. Man kann sich schon ohne Weiteres der süßen Erwartung überlassen, daß die demnächstige allgemeine Revolution auch das Ende dieser Zufallsstaaten, dieser znmmmengeraubten fürstlichen Domänenkonglommerate sein wird. Mit der Zerstörung deS alten JesuitxnstaatS fällt auch der Aberwitz seiner Diplomaten. Mit dem Sturz der europäischen Dynastien, mit der Universalrepublik beginnt daS europäische Nationalstaatensystem und die heilige Allianz, die Friedens-Union seiner Völker. Nur wer an der Revolution der Zukunft überhaupt zweifelt, kann diese ihre nothwendigen Resultate bezweifeln.
Deutschland.
* * Kassel, 7. Juni. — In der heutigen Ständeversammlanss enthüllte der Laudtagokommissar unsere Finanzlage. Der Wirrwarr ist so kolossal, daß nächstens wirklich keine Gehalte mehr auöbezahlt werden Ivanen. sWir hören, daß schon beim Solde der Militärs Abzüge gemacht werden.) Der Hr. Landlagskomnnssar entdeckte z. B. dem erstaunten Publikum, daß selb)! Gelder, die zur Auszahlung an Privaten (für Truppcndllrchmärsche) von Preußen bezahlt worden, in den Nutzen der Staatskasse verwendet seien. Wirklich, Hr. Wipper-