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Dritter Jahrgang.

pedition (obere Entengaffe Nr. 132) zu 6 HW Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Pelitzeile 8 Hlr.

Die Hornisse.

Mr* 131. Kassel, Freitag den 7. Juni 1830.

Die Praxis der Gegenwart.

Das allgemeine Wahlrecht ist die eigentliche Mutter der Republik und des Sozialismus. Wir haben kürzlich in einer Reihe von Artikeln beleuchtet, was die f. g. demokratische Volksvertretung bis dahin nicht geleistet, untersuchen wir, was eine wahrhafte, auf allgemeine Wahl basirte Volksvertretung werden wird und soll. Vor allen Dingen wird sie nicht jene oktroyirende , auf daâ Würfelspiel einzelner Stimmen gegründete Kam wer he r r sch a ft sein. Man muß annehmen, daß im Augenblick, wo das allgemeine Stimmrecht zum unumstößlich unangefochtenen Staatsgrundsatz geworden ist, auch das ganze Volk in allen einzelnen Individuen bereits zu einem bedeutenden Grad der Selbstständigkeit gekommen sein wird. Welche Agitationen, welche Revolutionen werden vorauâgegangen sein, bis dieses Ziel erreicht sein wird! Jahrhunderte mußten vergehen, ein dreißigjähriger Krieg mußte geschlagen werden, bis alle reli­giösen Parteien von der Nothwendigkeit der Glaubensfreiheit durchdrungen waren. Der wiederholte Kampf um das allgemeine Stimmrecht, um Freiheit und Gleichheit wird kürzer sein; schon dauert er an 70 Jahre aber er wird tausendmal blutiger sein und furchtbarer. Er wird so lange dauern, bis die Welt von der Noth­wendigkeit dieses Rechts erfüllt ist, bis seine unversöhnlichen Feinde von der Erde hinweggemäht sind. Dann erst wird der Friedens­schluß folgen. Dann erst wird eine Volksvertretung aus diesem Recht hervorgehen , welche nichts weiter ist als der verantwortliche Ver­walter des Gcmcinvermögeus und der Diener der Volksbefehle. Es wird ein Konvent sein, nur mit dem Unterschied, daß jener französische Konvent die Blutbefehle der Jakobiner vollstreckte, wäh­rend dieser Konvent die Friedcnöbcfehle Aller durch seinen Bollzie- hungsauöschuß inö Werk setzen wird.Utopien! Utopien!" rufen hier unsere Eintagsfliegen, unsere juristisch-jesuitisch - polizeilichen Real- Praktiker'! Freilich, meine Herren, läßt Cabet, der Utopist, in seiner Reise nach Jkarien auf ähnliche Weise die Gesellschaft sich selbst regieren, was Sie freilich nicht wissen noch zu wissen brau­chen. Es ist nicht das Schlechteste in seinem Buche. Er läßt jede Woche alle 1000 Gemeinden seines Staateâ ihre feierliche Volksver­sammlung halten, zur ' Belehrung und zur Berathung über die zU erlassenden Gemeinde-, Provinz oder Staatsmaßregcln. Die Pro­vinzialvertretung sorgt für die Erfüllung der Gesetze in der Provinz, die Nationalversammlung beschließt sie, nachdem sie vom Volke diö- kutilt sind, oder weist sie zu abermaliger Diskussion zurück. Volks-, Provinzial- und Nationalversammlungen sind sämmtlich in 15 große Ausschüsse getheilt und in GO Unterausschüsse für alle einzelnen Gegenstände. Die größeren Städte zerfallen in mehrere Gemein­den. Solche Ansichten sind es gerade, welche an jenen utopisti- schen Werken die praktische Seite bilden.

Freilich, die versumpften Praktiker unseres Jesuiten-StaatS der Gegenwart wollen davon Nichts wissen :eS ist unpraktisch", damit sind sie fertig Aber selbst wenn man auf ihren Standpunkt ein- gehen will, kann man ihnen die Geschichte, die Erfahrung, auf deren Lehren sie vorgeblich so Viel halten, alS ihre praktische Widerlegen» anführen. Viel Hunderte von Jahren hat die Repu­blik Athen eine ähnliche Verfassung gehabt, wo der Demos, daö Volk, sich selbst regierte und bestimmte, und selbst die Spartaner unter ihren Schattenkönigen haben Jahrhunderte hindurch alle selbst ständigen Staatsbürger durch die Volksversammlungen das Gemein­wesen lenken lassen. Der Unterschied zwischen unö und den Alten ist nur der, daß wir Alle zu Staatsbürgern machen und keinen He­loten, keinen Sklaven, keinen Periöken oder Schutzverwandten mehr

kennen, daß wir nicht blos die Verwaltung des Staats, sondern auch die Arbeit der Einzelnen durch daö Volk selbst organisiren und leiten lassen wollen, daß wir nicht für den Unterhalt der armen Bürger Sold für ihre politische Thätigkeit verlangen, sondern die Gewährung des Arbeitniaterials, daß wir sie durch Arbeit vor jener Entartung bewahren, welche zuletzt die Staaten deö Alterthums vernichtete, vor jener Entsittlichung durch Müßiggang, die auch das absolutistische Regiment unserer Tage zu Grunde gerichtet hat. Aber hier sind wir bereits an einem Thema, an das in der PrariS nicht früher zu denken ist, bis daS allgemeine Stimmrecht als unan­gefochtene Errungenschaft feststeht; hier beginnt die soziale Praxis, die ideale Praxis der Zukunft, hier beginnt für die Gegenwart die Diskussion über ein soziales Programm.

Wir haben zuvor noch von der Agitation zu sprechen, welche für die Erringung des allgemeinen Wahlrechts beginnen muß. Wahlagitationen sind die Hauptgelegenheiten für die Propaganda der Idee. Der nackten Gewalt, der brutalen Oktroyirung gegenüber wird die Wahlagitation darauf hinauSgehen, die Theilnahme an der Wahl den Gehorsam gegen den Zwang deS Absolutismus zu verweigern. Da aber, wo daS beschränkte Wahlgesetz wenigstens von einem Theil des Volkes ausgegangen ist, wo die augenblicklich gesetzlichen Gewalten auö einem Theil des Volkes hervorgegangen sind, wird die Wahlagitation auf Theilnahme an der Wahl gerichtet sein müssen. Die wahlberechtigte Demokratie hat darauf ihre Erwählten zu beauftragen, öffentlich gegen den alten Staat und namentlich gegen die Beschränkung des Wahlrechts im Namen der Ausgeschlossenen zu protestiren, und sofort zu ihren Wählern zurückzukehren. Laßt sehen, wieviel solcher Proteste nöthig sind, um die alte Welt bis auf den tiefsten Grund zu,erschüttern, um die letzte Revolution zum Ausbruch zu brin­gen. Nur eine solche Praxis wird die Idee der Demokratie in Fleisch und Blut verwandeln nur sie ist im Stand, daS ganze Volk auS seiner stumpfsinnigen Lethargie zu wecken und daS ganze jesuitische Treiben der Gegenwart in einen Gegenstand deS AbscheuS und der Verachtung zu verwandeln, nur die reine rücksichtslose Aufrichtig­keit der Führer gegenüber der alten Staatslüge wird die Massen mit gleicher UeberzeugungStrcue und Begeisterung erfüllen. Die Be­sorgniß von demokratischer Seite, alS ob dieses ewige Protestiren die Menge der Ungebildeten ermüde und endlich mit der bestehenden Ge­walt auSsöhne, ist ohne alle Logik. Mag daS hundertmal geschehen, ein Kerkermeister, und wenn er noch so milv und wohlthätig er­scheint ist und bleibt Kerkermeister. Ihm zu Gefallen wird kein Gefangener die Gelegenheit zur Flucht unbenutzt lassen. Die Aufgabe der Presse und der Vereine ist eS, die Flamme auf dem Altar der Revolution brennend zu erhalten und zu schüren und die Heere zu werben und zu organisiren, die auf den ersten Allarm­ruf wohlgerüstet zur Schlacht rücken können. Zu dieser Ausrüstung bedürfen wir nicht deS WaffenschmiedenS nnd KugelgießenS im Vor­aus; unsere Unterdrücker bewahren für unS die Waffen, mit denen wir sie besiegen werden. Hierzu bedarf eS vorerst ganz ande- per Mittel, wie ;. B. Trennung der Kirche vom Staat, d. h. deâ Glaubens und Aberglaubens von der Knute, Trennung der Schule von der Kirche, d. h. Befreiung deö Unterrichts vom Pfaffenthum. Millionen von Rekruten führen wir dadurch in unser Heerlager.1 Daß aber auch der Körper seine Vorübung erhalte, versteht sich von selbst. Die Turnkunst ist die Militärschule der Demokratie.

Deutschland.

** Kassel, G. Juni. Der Kasseler Fürstenkongreß ist vor- über. Seine königliche Hoheit der Kursierst haben Seinen Kasseler Unterthanen gezeigt, waâ eS heißt, in Berlin gewesen sein, auf neuen