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Dritter Jahrgang.

Erich eint täglich, Montags ausgenow- men Vierteljährlicher Abonnementspreiè 2-1 Sgr. Einzelne Nummern in der Ex-

pedition (obere Entenqaffe Nr. 132) ju 6 HW. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

Kassel, Donnerstag den 6. Juni

1850.

Die Praxis der Gegenwart.

3.

Aber waS hilft uns das Programm euerer politischen Praxis? DaS kannten wir schon längst. Geht ihr nicht tau­sendmal weiter?" Gewiß thun wir daS! Doch wir sprechen von den nothwendigen Mitteln zur Einführung der Theorien, wir sprechen von der Praxis. Wir können euch nicht oft genug wie­derholen, daß ihr die Wichtigkeit der unumschränkten Preßfreiheit, des freien Worts und des allgemeinen Wahlrechts noch lange nicht begriffen habt, noch viel zu gering achtet. Ihr solltet von unsern Feinden ler­nen. Blickt hin nach Paris! Womit sucht die wieder zu Kraft gekommene Bourgeoisie dem Sozialismus Lust und Licht zu ent­reißen , wodurch will sie verhindern, daß die Diskussion über den sozialen Staat auf dem Bo den erwächst, den die Februarrevolution für denselben mit Blut und Leichen gedüngt hatte? Sie okkupirt das kaum geebnete Terrain auf'ö Neue; sie errichtet aus den Ruinen und dem Schutt deS alten Staats eine neue Zwingburg der Vorrechte und des HelotenthumS. Die Mittel, welche ihr dazu dienen sollen, sind die Knebelung der Presse, die Unterdrückung der As­sociationen und Vereine, die Beschränkung deö allge­meinen zensuSlosen Wahlrechts. Glaubt ihr etwa, bei unS sei der Kampf um die Freiheit der Presse bereits ausgekämpft? Es wird nicht lange dauern und wir werden von Frankfurt aus die alte» Unterdrückungömaßregeln mit einer Stim mencinhelligkeit dokretiren sehn, über die ganz Gotha in namenloses, stumpfsinniges Erstarren verfallen wird. In Warschau wird bereits unser Schicksal beschlossen. Die Plenarversammlung der deutschen Fürsten am Main harrt mit unterthänigem Schweigen auf die erhabenen Winke ihres geheiligten Gebieters und Schutzherrn. Damals war eS die Ge­danken-Zensur, welche der Bewegung von dreißig die ersten gefährlichen Wunden schlug diesmal wird die Zensur deö Geldbeutels sein, die noch viel furchtbarer ist. Wie viel freie Gedanken sind unter dem Nothstift deS vormärzlichen Zensors durchgeschlüpft. Aber unter der Zensur der Kautionen durchbricht kein einziger die ehernen, unüber- steiglichen Schranken. Die kautionSfähige Presse hat keine freien Gedanken. Ihr seht demnach, daß wir noch lange nicht über diesen Kampf hinaus sind. DaS Schwert deS DamokleS hängt über unserm Scheitel. Also selbst der erste Sieg der idealen Praxis ist noch lange nicht gesichert, und es wird um die Freiheit der Schrift ein doppelt so wilder Kampf entbrennen, wie er einstmals getobt um die Freiheit deS Glaubens. Die Freiheit deö Glaubens war die Mutter deö freien Worts aber daö freie Wort ist mehr, ist der Vater der freien That.

Während wir uns unsern theoretischen Studien und Erörterungen hingebcn, damit unS der Augenblick der Entscheidung als gewappnete, unbesiegbare Kämpfer trifft auf dem Felde des Sozialismus, muß unsere ganze Kraft darauf gerichtet sein, unS daS einzige Mittel zu erhalten, wodurch diese Vorbereitung möglich ist. Dem wahrhaftigen, dem begeisterten Demokraten muß die Erhaltung der Preßfreiheit über Alles gehen. Kein Opfer an Gut und Blut darf der Demokratie zu groß sein, um sie zurückzuerobern, wenn daS fürstliche Barbarenthum, wenn daS Kommando deö asiatischen Despotismus sie abermals in Fesseln schlägt. Hier ist ein weites, ein unendliches Feld vorberei­tender Thätigkeit. Einzelne wie Vereine dürfen nicht ermüden in der unablässigen Unterstützung der demokratischen Presse und in ihrer Ver­breitung. Daö ist die beste Propaganda. ES ist ferner Ehren­pflicht der Demokratie, ihrer Presse die Mittel zu schaffen, um jene ehernen Kautionen-Mauern zu durchbrechen, welche der Besitz zwischen sich und dem Geist der absoluten Revolution errichtet, damit wir in

ihrem eignen Heerlager Furcht und Entsetzen verbreiten und von Innen an dem chinesischen Mauerwerk zerstören. Die demokratische Presse ihrerseits hat die Verpflichtung, sich so zu organisiren, daß sie ihre Kräfte zusammenfaßt, anstatt sie zu zersplittern. Sie hat die Ver­pflichtung, sich über die Hauptgrundzüge eines Programms, sowohl in politischer wie in sozialer Beziehung, zu einigen; sie hat die Pflicht, als erster und letzter Wächter der Freiheit die Idee nach bestimmtem Plan durch die Einzeldebatte bis zu allgemeinen Beschlüssen und zu rechtzeitigen Thaten zu leiten. DieS gilt nicht blos von der radikalen Presse eines einzelnen Landes, oder Deutschlands, sondern von der aller Länder und Zungen. Ohne die Organisation der Volkspresse in allen Staaten wird die Solidarität der Völker und der Revolutionen bleiben waS sie bis jetzt war, eine Idee, ein Wunsch, ein noch wesenlos Zukünftiges. Um eine solche auch nur lockere Organi- sation herzustellen, bedarf es unter der Presse selbst noch gar mancher Debatte, und vielleicht mehr als eines europäischen Kongresses. Wir werden dieö Thema für sich behandeln.

Auch die demokratischen Vereine müssen ein ganz anderes Leben entwickeln, wie daö bis jetzt in den meiste» Orten der Fall war. Bis jetzt haben die meisten derselben sich lediglich in lokalen Inters essen abgcmüht, zersplittert und erschöpft theils in der Vorderer'- tung und Ausführung vereinzelter zweck- und erfolgloser Aufstände theils in der förmlichen Agitation für lokale politische Zwecke, theils in den Bestrebungen, an den sozialen Lvkalzusiänden zu flicken und auSzubeffern. Die erste Thätigkeit hat sich durch ihren Erfolg selbst gerichtet; die Agitation für politische Zwecke, Landstands- und Gcmeindcwahlen, hat wenigstens der Propaganda demokratischer Ideen gute Dienste geleistet. DaS Resultat jedoch hat die Erwartungen, die man darauf gefetzt, nicht befriedigen können. Jede demokratische Opposition in der s. g. Volksvertretung oder den Gemeindebehörden deS alten Jefuitenst. als ist nur der vergebliche, der verräterische Versuch, mit der herrschenden Majorität ein gütliches Abkommen zu schließen. Jede rein demokratische Kammer, jede konstituirende Ver- sammlung in Deutschland, war nur die entehrende Erklärung an die Staatsgewalt, daß man mit ihr vereinbaren wolle, die Verzichtleistung auf die Revolution, auf die totale Vernichtung der alten StaatSlüge. Daâ Resultat ist nur gewesen, daß hervorragende Führer der Demokratie in der schnöden Luft der Parlamentarik sich entdemokratisirt und selbst vernichtet habe». Und wie ist es mit der Thätigkeit der demokratischen Vereine in Betreff der Heilung rc. der sozialen Lokalzustände gewesen? DaS erwachte Selbstgefühl der bisher Unterdrückten, der Haß, die Verachtung gegen ihre ehemalr'gcir pedantischen Vormünder und angestellten Oberzuchtmeister ließ die meisten dieser Vereine ihre eigne Unbildung übersehen. Sie mühten sich ab in vergebenen Versuchen, den gedrückten Zuständen Erleichterung zu verschaffen, nach Schutz und Schirm für die Existenz der Einzelnen zu suchen. Nur an wenigen Orten griffen sie zu dem einzigen Palliativ­mittel, das im Stand ist, den Besitzlosen dem Kapital gegenüber zum achtunggebietenden Konkurrenten zu machen, zur Assoziation der Arbeit. Alles aus dem einfachen Grund, weil sie die Wur­zel des Uebels nicht in dem politischen StaatSbau und in dem berr- sckcnden nationalokonomischen Weltsystem suchten, sondein in lokalen Einrichtungen und Verhältnissen, weil sie die sozialen Gebrechen für sich in sich selbst allein heilen zu können glaubten. Einen großen Antheil daran hat die demokratische Lokalpresse, die ebenfalls in Agi­tationen für derartige Lokalflickschneiderei Zeit und Kraft geopfert. Fast alle diese Versuche haben jedoch durch ihre Vergeblichkeit daS große Resultat geliefert, daß sie die Ueberzeugung zum Bewußtsein gebracht haben, wie nur der allgemeine totale Umsturz zum Ziel füh­ren kann. ES hat freilich diese vergebliche Abmiihung gar viele Ver­eine zertrümmert, aber die Masse der Einsichtsvollen ist gewachsen