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Ericbeint täglich, Montag« auègenow- mtn Vierleliäbrlicher Xbonnementspreté 21 Sgr. Einzelne Nummern in der Lx.

Dritter Jahrgang.

Petition (obere Entenqaffe Nr. 132) zu 6 Htr Durch all« Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

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M'- 129»

Die Praxis der Gegenwart

2.

Der Presse geht es wie einem armen geplagten Schulmeister. Wenn er meint, seine Schüler bis zum selbständigen Konstruircn von Sätzen und Gedanken gcbracht zu haben, so sicht er plötzlich zu sei­nem Schrecken, daß sie nicht lesen können; glaubt er sie s o weit, so vermögen sie kaum zu buchstabiern und zu guterletzt muß er wieder von von, anfangen mit dem ABE. Viele Lehrer kommen nie über dieses Schicksal hinaus, cs ist eben ihre Bestimmung, die sie sich selbst tiwähll; sie entspricht ihren Kenntnissen und ihrer Fähigkeit. Andere treibt ihr Talent zu einem weiteren Beruf. Es wäre Ver- rath an ihrer Kraft, an ihrem innersten Wesen, von ihnen dieselben trivialen, ewig monotonen Leistungen zu verlangen; zu verlangen, daß ihre Lehrmethode, daß ihr Gcdankengang, daß ihre Doktrin sich zum Verstand deS Unverständigsten, zur Einsicht selbst des Einsichtslosesten und zur Bildungsstufe des Ungebildetsten herablassen .solle; daß sie das Alphabet wiederkäuen sollen, anstatt Metaphysik zu lehren, daß sie ABC-Bücher schreiben anstatt Logik. Und doch ist am Ende der Ur­sprung auch ihres Wissens das Buch der Bücher, wie Jean Paul'S Fibel daS ABC-Buch nennt, und doch sind auch sie nur zu oft genöthigt, auf diese ersten Elemente zurückzukommen. UnS geht eS nicht besser. Auch unS nöthigt man oft genug, auf unser politisch-soziales ABC zurückzugehcn.Wir verstehen euch nicht mehr sagen sie zu uns , fangt nochmals von vorn an, damit wir den Zusammenhang finden." Odcr sie sagen:wir verstehen euch noch immer nicht, gebt unS den Schlußsatz, gebt unS den Lehrsatz, den ihr finden wollt, damit wir den Beweis begreifen!" Auch Sie, meine Herren, können getrost wieder zum Anfang zurückkchrcn. Die Demokratie baut von Unten, nicht von Oben. Also, meine Herren, lassen Sie uns ABC machen. Sie werden eingestchen, daß wir Ihre Köpfe nicht zu verwirren, sondern zu entwirren streben, daß wir nicht auf paradox klingende Sätze, auf überraschende Antithesen, noch auf Ihre Ueberrumpelung abgesehen haben, sondern nur auf Klar­heit und Wahrheit.

Die Grundwahrheit, in der unsere ganze Agitation wurzelt die Quelle aller Bewegungen und Resolutionen, ist der unumstöß­liche Satz, den selbst der Absolutismus für wahr erklären muß, daß die Einrichtung des StaatcS, die politische Staatöform, nicht den Wünschen der Einzelnen, nicht dem Bedürfniß der Wohlfahrt Aller entspricht. Die Gesellschaft, die Masse als solche, tritt also mit der Staatöform in Widerspruch, das soziale Prinzip kämpft mit der seine Berechtigung läugnenden politischen 'Verfassung. Wonach ringt und strebt dieses Bedürfniß nach materieller und geistiger Befriedigung der Einzelnen? ES will in den politischen StaatSformen Garantien schaffen zu deren Erfüllung. Diese Bewegung wird fortdauern, so lange noch ein Paria, ein Ausgestoßener existirt, der nicht derselben Rechte, derselben Selbständigkeit theilhaftig geworden, die die bevor­zugten Klassen bis dahin gnossen. Der Bürgerstand, oder der so- genannte dritte Stand hat sich bereits "in der ersten Revolution auf diese Stufe emporgeschwungcn, er hat dem alten Absolutismus der Fürsten, dem Adel und der Geistlichkeit die Zügel der Herrschaft entrissen und sie selbst durch den konstitutionellen bürgerlichen Staat in sich aufzulöscn versucht. Abermals blieb die größere Hälfte der Gesellschaft ohne jede freie Selbstständigkeit, abermals blieben Millionen ausgeschlossen von der Thätigkeit, an ihrer eignen Zukunft bauen zu helfen von jeder Betheiligung an der Regierung, an der Verwaltung an der Gesetzgebung über sich selbst. Diese AuSge- schlosscncn sämmtlich, ohne irgend eine Ausnahme, zur Selbstständig­keit aus ihrer noch gezwungenen Unmündigkeit, zur Entscheidung über

ihr eigen Schicksal auS niederträchtiger Verstoßung zu erretten, daS ist der Zweck, der G-und der letzten Revolution gewesen; er ist damit zum bewußten Ziel einer jeden folgenden geworden. DaS Ziel heißt also mit andern Worten: Schaffung desjenigen Zustands, in welchem der Kampf der sozialen Zustände mit der StaatSform und um dieselbe aufgehört hat, wo die Gesammtheit deS Volkes, die ganze Gesellschaft ihr Selbstregiment ergriffen hat, wo die Ober­herrschaft privilegirter Klaffen über unterdrückte aufhört, wo der jetzige politische Staat sich in den sozialen verwandelt hat. Mit dieser Idee, mit dieser Grundwahrheit im Herzen treten wir an die Praxis, dies ist der Kompaß, der uns sicher nach dem neuen Welttheile führt, durch Sturm und Wetter dies ist der Prüfstein, an dem wir un­sere Thaten zu messen haben, dies der strahlende Stern, der unS die Dämmerung der Gegenwart" erleuchtet.

Diese Idee macht unsere Praxis zur idealen zur jedes­maligen Verkörperung der Idee selbst. Jene lächerliche Praxis der sinnlich-praktischen Menschen, die Praxis der Henkels, der Baffer­und Biedermänner kennen wir nicht, jene Praxis, die nur dem vor­übergehenden Zufall die kurzsichtige Rechnung eines einseitigen Inter­esses trägt. Die unsrige gehört der Ewigkeit selbst, weil sie aus der Idee geboren. Nur der Ideale, nur der Mann der Idee, ist der wahrhaft Praktische! Welchen Schachspieler stellt ihr höher, den­jenigen, der je nach der Wendung des Spiels avaneirt oder retirirt, jammert oder jubelt, oder denjenigen, der daS Ziel unverändert im Auge, jeden Zug auf das Ende berechnet, auf seinSchach und Matt dem König"? Dieser Unterschied der ideale» Praxis von der althergebrachten lumpigen jesuitischen Praxis der Juristen und Rechtsverdreher, der althistorischen Staats- und Polizeikünstler, haben Tausende aus dem Lager der Demokratie noch immer nicht be­griffen. Jeden Augenblick werden sie zum Judas, zum Berräther an ihrer heiligen Idee, weil sie ihre Handlungen von ihrem Glauben trennen, weil sie verkommen sind in der alten, verderbten, heuchleri­schen Praxis eines verfaulten und verpesteten Lebens, weil sie tau­sendmal vergebens sich aus den Klauen der Gewohnheit emporzuraffen streben. Die Demokraten aller Ständckammcrn geben und täglich dies widerwärtige Schauspiel.

Eiu zweiter Wahnsinn, der unS ebenfalls von demokratischer Seite entgegentritt und den man nicht genug bekämpfen kann, ist die Ansicht, daß der soziale Staat sich allmählig auS den jetzigen poli­tischen Zuständen hcrauSbilden lasse, ohne daß eS nöthig fei, den ganzen Staat, wie er ist, auf den Kopf zu stellen. Die Verfechter dieser Ansichten glauben, daß man den Wohlstand und die Wohlfahrt Aller selbst unter dem fürstlichen Despotismus, also noch vielmehr in einem konstitutionellen Staat, oder in einer aristokratische» Repu­blik schaffen könne. Daraus werde bie Umwälzung der StaatSverfas- sung von selbst folgen. Diese Herren gehören ihren, Grundwesen der vergangenen Zeit an und der alten jesuitischen StaatSpraris, obgleich sie sich theils zur Demokratie rechnen, wie die französischen und deut­schen Kommunisten. Hr. Huber in Berlin, der Staatöpolizeidicner deS Absolutismus, hat ganz dieselben Ideen, obgleich er Absolutist. ist. Sic wollen von Oben, durch ein System, durch eine neue ok- troyirte Zwangsjacke den Menschen zur Glückseligkeit terrorifire». Es find die sozialen Despoten Despoten, die fich theils auf die phy­sische Gewalt stützen, die ihre Partei besitzt, wie Hr. Huber, oder solche, die durch geistigen Terrvriömnö herrschen wollen, wie LouiS Blanc und alle Systemmachrr, welche den Wahn hege», daß ihre Systeme ohne alle Diskussion und Abstimmung der Waffen zur Bs- glückung der Menschen geeignet seien.

Macht Systeme so viel ihr Lust habt. Aber wenn ihr Menschen der neuen Zeit sein wollt, wenn ihr nicht dem alten Polizeistaat mit Fleisch und Blut verfallen seid, so gebt zu, daß die Menschheit sich