Erich, mt täglich, Montag« autonom Edition (ober, Entengasse Nr. 139) ju
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Sie H o t N i sse
W'' 128. Kassel, Dienstag den 4. Juni 1950,
Die Praxis der Gegenwart.
1.
Waâ wollen Sie, meine Herren? Waü sollen diese bedenklichen Mienen? Was bedeutet dieses mißbehagliche Kopfschütteln? — Auf Ihren Lippen schweben tausend unausgesprochene Fragen. — Herauü damit! Schonen Sie uns nicht! Was es sein mag, Ihre Mißbilligung, Ihr Tadel, Ihr Zweifel, Ihre Einwürfe — ! — Wir stehen Ihnen Rede! — Nicht von Oben etwa ist unö diese Pflicht, dieser Beruf geworden! Wir haben ihn gewählt auS freier Selbstbestimmung. Nicht im tollen Gefühlâsturm, nicht in jenem blinden Enthusiasmus, der jenen mystischen Schwärmern die Abgründe „umnebelt", welche zwischen ihnen und zwischen ihrem unklaren eingebildeten Ziele liegen, — nicht ohne strenge Prüfung unserer Kraft und der Kämpfe, die unser Hanen, haben wir diesen Weg betreten, der nicht auf der auS- gefahrenen schmutzigen Straße der bequemen Gewohnheit führt. Durch unwegsame, aber durch unentwcihte, naturwüchsige Gefilde geht unser mühsame Pfad über Klippen und Schluchten. DaS Wandeln / selbst ist unsere Freude, daS Gefühl der Freiheit unser Lohn für die Mühen, die wir überwinden, die unbesiegbare gewisse Ueberzeugung, daß jenseits der hohen Gebirge jenes noch unbekannte Land liegt, wo die freie Gesellschaft ihren ewigen Wohnsitz haben wird, und daß wir die Pflicht erfüllen, aus seine Entdeckung auSzugehen: — dieser Gedanke allein ist unsere B cfri e d igun g, mag auS und selbst werben, waâ da will! — Sie sehen, meine Herren, wir sind vorbereitet auf die Schwierigkeiten, die und entgegentreten werden. Wir sind gerüstet. — Nicht bloâ in den Reihen des Absolutismus suchen wir unsere Feinde, jene gewaltthätigen Wegelagerer , die jeden Augenblick über und herstürzen können, um unsern Mund für immer zum Schweigen zu bringen und unserm wüthigen Marsch für immer sein frühes Ziel zu stecken. Unsere Gegner stehen nicht blod in jenem Lager fanatischer Frömmler, deren ohnmächtige Götzenbilder wir mit dem zweischneidigen Schwert unserer neuen Lehre vor ihren entsetzten Augen von ihrem Postamente herabstürzen. Unsere Verleumder, unsere Hasier, unsere Verfolger stehen zu Tausenden empor und den Schaaren jener Gesinnungslosen, jener Gleichgültigen, jener armen verdumpsten Seelen, denen ein Tag ist wie der andere, der Befrie- dlger ihrer großen oder geringen thierischen Bedürfnisse, deren Herz daü Gefühl und deren Verstand der Gedanke fern ist, deren Gott die Sinnlichkeit ist, und deren Wahlspiuch heißt: „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!" — Wir kennen keine Ruhe. Wir haben geschworen, diese verpestete Luft mit Gewitterstürmen zu erfüllen, — biefen st,«stehenden Sumpf aufzuwühlen bis zum tiefuntersten Grunde, bis die verdeckten, stockenden Quellen auS seinem Schooße frei empor- springen und mit ihrem strahlenden Sprudel den wüsten Morast hin- wegst,ömen. - Ja wir sind Wühler, wir sind Anarchisten — wir sind die unversöhnlichen Feinde der rudis indigestaque mol«/ jener rohen ungeordneten Masse, welche der Blitzstrahl deö schaffenden G, dankcnâ, der Ruf: „Es werde Licht" noch nicht zum Leben, zum Keimen, Sprossen, Blühen und Fruchttragen auSeinandergcschüttcrt. — Darum wird sich ihre träge Hand in blinder Wmh gegen und erheben, weil wir gewagt an ihrer unorganischen Ruhe zu rütteln, ihren dumpfen Winterschlummcr zu stören. Möge» wir fallen! Genug, daß wir sic aufgcschüttelt! — Auch daü sind unsere Feinde nicht alle. — Selbst Tausende unserer Freunde, Tausende, die jetzt mit uns sind, werden wider und sein; — Tausende, die mit und jetzt ein und denselben Namen bekennen und ein und derselben Fahne folgen, werden gegen und ihr Schwert erheben. Warum? Weck wir ihrer augeboe- ven Trägheit keine Rast verstatten, weil wir ihre faulen Gedanken stets zu erneuter Geisterschlacht Anspornen werden, weil wir keinen
Pakt mit dem Stillstand, keinen Vertrag mit der Vergangenheit anerkennen, weil wir unsere Fahne schwingen zum ewigen Siegeâ- marsche, weil wir unser Schwert zogen zum Kampf auf Leben und Tod, und nicht zur Eroberung eines entehrenden schmähliche» Waffenstillstands. — „So seid ihr allein!" rufen sie mit triumphi- reudem Hohngelächter! — Und wenn wir eS wären? — Bei der unauslöschlichen, bei der vestalischen Flamme auf dem Altar der Vernunft, wir werden eS nicht bleiben! — „So seid ihr zum mindesten verloren!" — Bei der Unsterblichkeit deS Menschengeschlechts! Nichts ist verloren! — DaS Individuum vergeht wie die Blume deS Feldes, verweht, wie die welken Blätter deck HerbsteS; die Gattung, die Idee ist ewig. — Aber wir sind nicht allein! Wir sind nicht verlassen! — Blickt um euch! Zählet die Herzen, wenn ihr könnt, die vom Sturme der Revolution auS langem Schlummer emporgeschreckt, mit begeistertem Schlage auf dem Wege und folgen, den wir einge- schlagen! Zählet die, welche und voraneilen! Zahlet Alle, für die und zu denen die radikale demokratische Presse spricht, zu denen sie sprechen wird, und wenn ihr bad Land mit Gefängnissen und die Schaffotte mit Blut bedecktet. — Zählet Alle, die mit und sind, die und bleiben und wenn Tausende von und abfallen! — Wenn ihr ed vermögt, so wiederholt euer Triumphgeschrei: „Sie sind allein! Sie sind verloren!" — Ihr schweigt! Ihr zittert vor dieser unfaßbaren Verschwörung, vor diesem unzerstörbaren Bunde, der allüberall seine Wissenden und seine Schöffen hat, dessen rothe Erde überall ist, und der allüberall Tag und Nacht, öffentlich und insgeheim sein Halâ- gericht hegt, gegen daü keine Appellativ» euerer Gerichte, keine Berufung an euer Standrecht und an Pulver und Blei zu schützen im Stande ist. —
Waü will der Staat, wenn wir ihm erklären, wir wollen dich vernichten? Hatten wir nicht vor beinahe 70 Jahren die erste Revolution und vor 300 Jahren die Reformation ? — Hat nicht der Staat selbst den Gedanken, den Glauben und bad Wort freigesprochcn, hat er nicht selbst über sich bad Gericht der Geister niedergesetzt und die Diskussion über seine eigne Existenz eröffnet? — Aber er verlang- net bereits sein Sein und Wesen — er verläugnet sich selbst, weil er sich verloren gibt. Wer sich selbst verloren glaubt, der sollte sich erretten? — DaS glaubt ihr selbst nicht mehr, die ihr den Staat Gottcü zurücksührcu wollt, der niemals existirt hat, und die ihr euer eigen Herz entzündet fühlt von unsern Lehren, die ihr auf und lauscht und auf die neue Bewegung, mit athemloser Angst lauscht, um ihr daü große Geheimniß abzuhorchen, wie man sie zur Ruhe zurückbringen könne, — die ihr selbst mit der Idee bed „ irdischen " Sozialismus koketiiren müßt — während iA Gebete plappert, während ihr euch anstelle, als ob eure Gedanken mit dem Himmel und eure Herzen mit Zerknirschung und Demuth ungefüllt wären.
Doch zu euch zurück, ihr Herren mit den ungläubigen Mienen und dem zweifelnden Kopfschütteln. Ihr seht, daß die Idee, die und und euch erfüllt, stolz ihren Weg verfolgen kann. Ihre Feinde werden vor ihr zu Schanden werden! — Aber ihr bleibt bei eurer stillen Verzweiflung. - Jbr ruft und zu: „ Wir verstehn euch vollkommen! — Ihr wollt die Vernichtung deü alten Staatâ — die wollen wir auch. — Ihr wollt einen neuen jungfräulichen Bau auf dem neu geebneten Bo- ben errichten. Daü gerade wollen wir auch .... aber ....!" — HrrauS mit diesem Aber! Wozu sind wir da? Diekutiren wir offen alle unsere Zweifel, alle unsere Bedenken, die Wahrheit, die Demokratie hat kein Geheimniß. Ihr denkt: „Aber wenn wir nur wüßten, wie wir daS machen sollten." — Deßhalb eben diekutiren wir, damit ihr es selbst erkennt und wir Mit euch. — „Aber wir müßten doch die ersten Schritte wissen!" — Befreit euch selbst und ihr weidet sie gethan haben, — denn ihr werdet frei sein! — „ Aber wenn wir nur daS Ziel genauer kennten!" — DaS sollt ihr suchen, — „Aber warLM.