P r Itter Jahrgang.
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M^ F22. Kassel, Dienstag den 28. Mai 1830.
Die Demokratie als Volksvertretung.
1.
Wir müssen unserm Thema eine Erklärung vorauöschicken.
In den letzten Wochen sind wir wegen der von und vertheidigten demokratischen Grundsätze von verschiedenen Seiten angegriffen und verschrieen worden. Nachdem wir die Lehren, die mau und bisher mit maßloser Bosheit untergeschoben und vorgeworfen hatte, nach ruhiger Ueberle,,ung über und genommen und ihres misscthäteri- schen Aeußercn entkleidet haben, werfen uns dieselben Unterschicber und Lerlästerer diese unsere ehrliche Passivität vor und verfluchen unsere Arbeit, welche in dem auf und geworfenen Steine einen Diamanten gefunden hat. Welches waren die gemeinsamen Schimpfworte, die von Seiten der Ncuhesscn und Vilmarianer gegen und ausgespiecn wurden? Waren cd nicht die Vorwürfe, daß wir Anarchisten, Atheisten, Kommunisten, daß unsere Anhänger Diebe und Räuber wären? Wurde nicht von beiden Seiten daS Evangelium der Rache gegen und gepre- digt? Hat man den Metzeleien nicht zugejauchzt, durch die unsere Reihen unter dem Titel des Standrechts und der Casemattenhaft dezimirt, das „Gesindel" exstirpirt werden sollte? Wohlan, war eS bei solcher Uebereinstimmung unserer Gegner nicht unsere Pflicht, die gemachten Vorwürfe zu prüfen, unsere Ideen selbst noch einmal zu seciren, unsere wahre Gestalt zu untersuchen?
Wir haben daS Resultat unserer Untersuchung offen und ungeschminkt dem Publikum übergeben. Freilich wäre eS leichter gewesen, unsern Gegnern den Beweis ihrer Vorwürfe zuzuschieben und ihnen also die kritische Fortbildung der Demokratie zu überlassen. Freilich ist eS sehr bequem, solchen Lästerungen die stumme Verachtung ent- gegenzusctzcn; — wir aber, die wir in solchen Bequemlichkeiten ein Verläugnen deS Prinzips erblicken, haben es für besser gehalten, anstatt auf ein Bekehren unserer Gegner von der Beschimpfung zur Beweisführung zu warten, die Mühe auf uns zu nehmen, selbst Hand ans Werk zu legen. Ein für allemal zuwider ist uns die Taktik jener gewissen Art sogenannter Demokraten, sich um jeden Preis in der Welt möglich zu erhalten, deshalb auf jeden Vorwurf ihrer Feinde mit einem Wuthgeschrei oder mit vornehmem Schweigen zu antworten, oder gar lieber von der eigenen Position einen Schritt zu retiriren, als für daS zu gelten, wofür sie von den hinterlistigen, triumphiren- den Gegnern verschrieen werden. Diese Art eitler Demokraten läßt sich mit bloßen Schimpfworten und Ehrverletzungen in den Hundestall, d. h. in dasjenige Lager treiben, das man ihnen bereitet hat.
Wir kennen diese Taktik nicht. Freilich werden wir uns ebensowenig durch bloße Lästerungen bewegen lassen, plötzlich auS unserer Stellung nach vorn herauözubrechen, wir werden auf eine solche Kriegslist nicht ohne die ernsteste Ueber legung, nicht eher nämlich eingehen, biS wir überzeugt sind, daß wir unseren Ausfall vor aller Welt rechtfertigen können. Haben wir aber diese Ueberzeugung gewonnen, so wird unS keine Macht der Erde in der fiühcren Position zu halten vermögen.
Wir, die wir nicht daran denken oder je gedacht haben, daS sogenannte StaatSruder in die Hand nehmen zu wollen, die wir im Gegentheil einen jeden Demokraten für einen Volksverräther halten, der nicht, an die Spitze der Bewegung geworfen, den Strom dieser Bewegung unaufhaltsam zur Vernichtung aller Herrschaft benutzt, wir haben auch nicht nöthig, bei jedem Schritt und Tritt die Schaar der Getreuen zu zählen. Wir denken und fühlen, wir stehen und fallen mit dem letzten jener Unglücklichen, den auch die beste eurer Herrschaften noch als Sclaven, als Leibeigenen, als AuSgestoßencn dahinten lassen müßte. Ob diese eure Herrschaft auch Millionen und Millionen unserer Brüder befreit, wir achten euch dieser Befreiung
halber nicht höher als eine jede andere Herrschaft. Wir wissen, daß jede progressive Befreiung nur eine glänzende Lüge, ein trauriger Rechnungâfehler ist. Die extensiv größere Befreiung ist nichts anderes als die intensiv größere Verknechtung, ein Fortschritt zu einem immer himmelschreienderen Elend. Glaubt ihr, wir würden je einer Doktrin daö Wort reden, die zu Gunsten von Tausenden daS Elend und den Jammer dieser Tausende auf die Schultern einiger weniger Hunderte laden will? Arme Verblendete! Waö wir verlangen, ist eben die Aenderung des Systems selbst, die Beseitigung deS ElendS durch die Beseitigung der herrschaftlichen Frohnvögte oder Vormünder.
Nichts ist leichter, als den bewunderten Parteigänger zu spiele». Glaubt ihr, wir könnten daS nicht? Fehlt eS und an den äußer» Gaben und Fähigkeiten dazu? Es bedarf gar keiner besondern Gaben und Fähigkeiten, ihr braucht nichts als eine Appellation an den Eigennutz, die Herrschsucht, die Ehrgier. Steckt euren BefreiungSver- suchen eine gewisse Grenze, stoßt einer weiteren Schicht deS Volkes den Dolch in die Brust, erklärt sie außerhalb des Gesetzes, tretet gegen diese Schicht mit Standrecht und Belagerung auf, — ohne Zweifel werdet ihr von der protegirten und befreiten VolkSklaffe auf den Händen getragen werden, ihr werdet daS Vergnügen genießen, daß euren Gewehren und eurer Polizei fanatische Hände und Köpfe zu Gebote stehen, die zur Verherrlichung eurer Herrschaft für euch in den Tod gehen würden, wie sie eure Verstoßenen fanatisch in den Tod senden. Und gelüstet nach dieser glänzenden Rolle nicht. ES ge- lüstet und um so weniger danach, als wir wissen, daß das Ende dieser Rolle das Schaffet ist, daö Schaffet für euch, von denselben Leuten errichtet, die euch eben noch auf den Händen getragen haben. Der letzte Sklave, durch euer System geschaffen, würde ein Pfahl in dem Fleische der befreiten Zwerge sein, ein Alp, der auf eurer Gesellschaft lastet, unter dem sie nothwendig elender, unglücklicher als bisher ist, der letzte Proletarier würde auf dem Punkte deS ArchimedcS stehen, er würde durch seine bloße Existenz eure Gesellschaft zur Verzweiflung treiben, die Angst und den Schrecken eines Erdbebens um euch verbreiten.
Wir wissen daS, und weil wir das wissen, kümmern wir und nicht um eure Voiwürfe und euer Achselzucken, nicht um eure Vorwürfe der Unvernunft und euer Bedauern über unsere Taktlosigkeit. Wenn ihr'Revolution macht, ihr werdet und finden. Verlangt aber nicht, daß wir unsere politische Ehre und UeberzeugungStrene opfern, indem wir eine andere Propaganda machen sollten, als von dem Ziel auS, das wir bei dem letzten Proletarier gesteckt habe». Bon diesem Ziel auS, an dem die ganze historische Strömung vollendet ist, wo wir also am Atheismus, der Anarchie, dem Apolismus angelangt sind, von hier aus werfen wir und in eine andere Strömung, die, rückwärts laufend, unter dem Scheine einer neuen Sonne, unter dem Wehen einer frischen Luft, mit jungem Naß auf der verwerten Vergangenheit die Welt zu neuem Leben und neuen Blüthen treibt.
Deutschland.
* Kassel, 27. Mai. — Wir ersuchen die Redaktion der „R. Oderzeitung" ebenso höflich als dringend, unsere Leitartikel, wenn sie dieselben nun einmal ohne Ou ellenang ab e abzudrucken für ersprießlich hält, doch nicht durch versuchte JnterpuuktionS- und Wort- änderungen zu verstümmeln, wie daS in JV£ 237 ihres Blattes geschehen ist. Der daselbst befindliche, von BreSlau, 24. Mai datirte Leitartikel ist nämlich wörtlich auS JVs 74 und 75 der „Hornisse" abgedruckt. Wir haben nichts dagegen, wenn die „N. O. Z " sich unsere Ansichten und Worte zu eigen macht, um sie für die ihrigen auözugebcn; nur ersuchen wir dieselbe, sich keine stylistischen Aenderungen zu erlauben- ES ist nur der Ordnung halber-