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Dritter Jahrgang.

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Kassel, Freitag den 24. Mai

Der Angeklagte auf -er Ministerbank.

Hr. Haffenpflug hat und am 22. ein Schauspiel im Ständchauâ gegeben, daö wir nicht erwartet hätten. In der That, wir haben diesem Manne einen größern Stolz zugetraut, als daß er auf die Interpellationen des Hrn. Oetker, in Bezug auf seine Anklage in Greifswald, eine Antwort geben würde; noch viel mehr aber wundern wir unS über den Inhalt dieser Antwort selbst. Wir haben diese ganze Angelegenheit stets für höchst unbedeutend gehalten, und nur in so fern etwas darauf gegeben, daß die Art und Weise, wie sich Hr. Hassenpflug den gerichtlichen Insinuationen entzogen, von Neuem Be­lege gibt, daß dieser Herr bei allen seinen Schritten nach wie vor seinen formellen NechtSstandpunkt zu finden weiß, der ihm den Rücken deckt. WaS die Beschuldigungen selbst betrifft, so Hgben wir niemals glauben können, daß Hassenpflug geradezu der Mann sei, Gelder zu unterschlagen, wohl aber, daß er mit bereits bewilligten Geldern etwaâ willkürlich gewirthschaftet. DaS kommt bei solchen amtlich verwilligten Geldern jeden Augenblick vor, und auch in Kurhessen ließen sich bei Einrichtung oder Reparaturen von Dienstwohnungen vom Minister an bis auf Förster und Pfarrer Belege genug auffinden. Wie aber, wenn die preußische Regierung selbst eine solche freie Verwendung der ver­willigten Gelder gestattet hätte? So würde sich Hr. Oetker mit seinen dringlichen Interpellationen und mit seinem Skandal rechtschaffen blamirt und seinem Gegner einen großen Dienst geleistet haben. Es war wenigstens nicht klug von demgeehrten" Herrn, und als Jurist mußte er das wohl wissen, einen Angeschuldigten gleichsam als Schul­digen anzufallen, eS war gesetzlich dazu nicht die geringste Berechti­gung vorhanden, und Hr. Hassenpflug hatte nicht die mindeste Ver- pflichtung, eine Antwort darauf zu geben.

Es ist doch geschehen. Und darin liegt das Bekenntniß einer Schwäche Seitens des Ministers, die er wohl gethan hätte, zu ver­bergen. Aber vielleicht glaubt man, es sei großartig, vor seine An­kläger zu treten, und sie in ihr Nichts zurückzuschleudern durch freie, offene Worte! O allerdings! Wenn Hr. Haffenpflug daS gethan hätte, würden auch wir darin einen Beweis eines reinen Selbstbewußt­seins , eines freien Geistes und einer durch Nichts zu schreckenden Energie finden. Aber Hr. Hassenpflug saß wie ein Delinquent auf der Armen­sünderbank, und seine Auseinandersetzung des Sachverhalts berührte Alles, nur dieSache" selbst nicht, war also gänzlich überflüssig. Mit drei Worten,meine Herren, die Sache gehört nicht vor ihr Forum", war dasselbe gesagt, und würdig gesagt. Wozu diese Vertheidigung , die doch keine war? Weil Herrn Hassenpflug die Unhaltbarkeit seiner ganzen Lage bis in daâ innerste Mark seiner Seele durchzittcrt, weil er um die Zustimmung, um die Nachsicht der Ständc- kammer buhlt und bettelt, während diese ihn uegirt, wie die Kammern der dreißiger >gahre zuweilen vergebens um die [einige, weil er den Versuch machen muß, verfassungsmäßig zu regieren, wenn er sich halten will, und weil er von der Kammer Geld haben muß, Geld und abermals Geld. Es bleibt noch immer richtig. Er hat keine Partei, er hat nur einzelne Kreaturen. Aber Kreaturen sind Nichts geschloffenen, ja selbst gelockerten Parteien gegenüber; morgen ver­lassen diese Söldlinge eine Fahne, für die sie eben geworben, wenn ihnen der Vortheil gebietet, Söldlinge, wie dieser Land- tagökommissar, der einstmal demokratisch genannt wurde, dann unter Sybel der konstitutionellen Praxis huldigte, und nun ein »weiter Scheffer unter demselben Absolutisten sichgoldene" Sporen zu verdienen gedenkt; hoffentlich wird er daS LooS seines Vorgän­gers theilen ohne dessen Glück! Hr. Hasscnpflug hat auch in den Kreisen, wo er auf hohe Anerkennung gerechnet, bittere Erfahrungen machen müssen; eS ist sicher, daß er von Berlin mit herabgestimmler

1850.

Zuversicht zurückgekehrt ist. Wir schenken der Erzählung, daß er auf königlichen Befehl sich nachträglich für berauscht habe erklären müssen, nachdem er seine ihm auferlegte Rolle in etwaâ zu brutaler Weise begonnen hatte, gerade keinen großen Glauben. Ebenso halten wir folgende Geschichte für eine boshafte Berliner Anekdote. Man erzählt, der Kurfürst habe im Fürstenkongreß ein Heft aus der Tasche gezogen, und daraus einen Vortrag begonnen, worauf ihm der König erklärt, daß dieser Gegenstand gar nicht zur Sache gehöre. Der Kurfürst habe darauf geäußert, er werde Haffenpflug fragen, und als er deshalb aus dem Zimmer gegangen, habe ihm einer der Fürsten spottend nach- gerufen, er möge Hrn. Haffenpflug lieber selbst mitbringen ; der Kur­fürst habe dies für eine ernstliche Aufforderung gehalten und sei mit Haffenpflug zurückgekommen, worauf man beide mit einem schallenden Gelächter begrüßt habe. Wie gesagt, wir geben wenig auf diese Witze. DaS aber ist klar, Hr. Haffenpflug hat in Berlin Fiasko gemacht und für Se. kön. Hoheit keine Lorbeern gesammelt. Hr. Haffenpflug war niemals ein feiner Hofmann; er erfüllt seine Mission mit ziemlich unhöfischen Manieren. Seine bürgerliche Karriere in Greifswald hat ihn in seiner ursprünglichen Neigung a la Dreschflegel noch weiter aus­gebildet, ist also kein Wunder, wenn er Sr. kön. Hoheit und Dero Hofstaat nicht mehr ganz so lieb ist, wie im ersten Augenblick seiner Berufung, und wenn alte Reminiscenzen diese Unliebsamkeit steigern. Der Mohr hat seinen Dienst gethan, der Mohr kann gehen". Die Union ist so gut wie vernichtet, wir werden nicht sofort mediatisirt, folg­lich kann man eS mit einem andern Minister versuchen, der dem Lande und den Kammern weniger verhaßt ist, und der leichter zu Geld kommt, wie der besagte Mohr. Gerüchte von einer MinisierkrisiS, wonach Hr. von Winzingerode mit der Bildung eines neuen KabinetS beauftragt sei, entbehren nicht alles Grundes. Ein verantwortliches Ministerium ist und bleibt eine widerliche Zugabe zu der heiligen und unverletzlichen Krone, mag es Eberhard heißen, Haffenpflug oder Wippermann-Nebelthau. ES bleibt sich ganz gleich, wer den Dienst thut.DerMohr hat ihn gethan, derMohr kann gehen."

Deutschland.

«» Kassel, 23. Mai. Parttu hmt monf es etc. Alle Welt hatte erwartet, unser Hexenmeister, der Hr. Finanzminister, würde sein Genie zuerst durch irgend eine kühne Manier, Geld auS der Erde zu stampfen, bethätigen. Man glaubte an ganz neue Steucrsorteu, an verborgene steuerfreie Güter, die jetzt zur Mitleidenschaft gezogen würden, man sprach von Ermäßigung der Eivillifle, Redüzirung der Armee re. rc. re. Und waS geschieht? Herr Lometsch legt den Stän­den ganz gemüthlich die Bitte anö Herz, für 760,000 Thlr. Staats­schuldscheine und Kassenscheine emittiern zu dürfen. Basta! Alö ob das Herr Wippermann nicht auch gekonnt hätte? Kein Genie mehr in der Welt, kein Genie mehr! Kassenscheine, daö ist die ganze Weisheit unsrer Finanzschwindler!

Kassel, 23. Mai. Seit einigen Tagen tauchen hier fortwährend Gerüchte einer MinisterkrifiS auf. Seine kvnigl. Hoheit, sagt man, beabsichtige, sich deS Hrn. Ministers Haffenpflug zu ent­ledigen und sich wieder seinem alten Ministerium mit Ausnahme Eberhard S zuzuwenden. Daß der Kurfürst mit Hrn. Haffenpflug nicht lange werde regieren können, haben wir gleich Anfangs gesagt. Hr. Haffenpflug und der Kurfürst passen nicht zu einander. Im Ue- brigen trägt aber daö Gerücht daö unverkennbare Merkmal seiner Ur­heber, unsrer konstitutionellen Partei, an der Stirne.WaS man wünscht, glaubt man." Wir können mit ziemlicher Gewißheit berich­ten , daß vorläufig Se. königl. Hoheit unsern Haffenpflug noch nicht los wird, b;e konstitutionelle Pa tei sich aber bereits bekreuzigt, wem sie wohl die Portefeuilles zuwenden solle.