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Dritter Jahrgang.
Petition (obere Entengaffe Nr. 132) yi 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
Mr* 118
Kassel, Donnerstag den 23. Mai
1850,
Sozialismus und Despotismus.
In hoc signo vinces l
DaS sind die beiden Feinde, die um den Besitz der Welt ringen. Dem einen gehören die Herzen, dem andern die Körper. Im Gefolge deS einen ist die Freiheit, die Wohlfahrt und die Liebe, die Trabanten deâ andern sind Knechtschaft, Lüge, Haß, Zwietracht und Elend. Der eine schreitet einher im bürgerlichen Gewände mit der Bürgerkrone und dem Lorbeer bedeckt, in der Rechten daS flammende Schwert der BolkSrache, in der Linken die FaSceS der Gewalt und der Eintracht, um ihn herum die Schildträger der Wahrheit mit den rothen Fahnen dcâ tyrannenmordenden Kampfs und der völkcrverbün- denden Liebe; hinter ihm die Starken seines Reichs, die ihm die Zeichen seiner Ehre und seiner Herrlichkeit Nachträgen, zerbrochene Ketten, zersplitterte Scepter, zerschlagene erblindete Kronen, ouö denen Thränen und Blut rinnen. Nun seht daS Bild deö Despotismus! — Hoch zu Roß, in blutiger Rüstung mit eitlem OrdenStand umhangen sprengt er heran, auf dem Haupte die rothe Krone der Blutgier, um ihn herum die bestochenen Satelliten mit rauchenden Schwertern in den Händen, an denen daâ Hirn der Ermordeten klebt, zivilisirte Wilde, behangen mit den Trophäen deS Brudermords, mit fcalpirten Schädeln und mit den goldenen Ketten jammervoller Knechtschaft. Und hinterdrein die wilde Jagd, daâ herrliche Kriegsheer mit Ketten belastet für den Feind, und selbst mit Ketten geschloffen, gehetzt zum besinnungslosen Kampf von den Dämonen der Blindheit, deS Aberwitzes, der Dummheit, deö Sclavensinnâ und deS Aberglau- bcuS. Wie schwarzes Gewölk ziehen sie hintendrein, die Vernichtung im dunklen Schooß bergend für die eignen Vasallen, wie gespenstige Schatten treiben sie mit schwarzen Schrecken den Despotismus und seine Schaaren vorwärts zum Streit und zum Untergang. Wüste und leer bleibt daö verheerte Land hinter ihnen. — Vor den beiden Gewaltigen und vor dem Fußtritt ihrer Heere erzittert der Grund, erzittert die weite Welt. Vor ihrem Streitruf fährt die Menschheit auseinander in unversöhnliche Parteien, Bruder wendet sich gegen Bruder, Vater gegen Sohn, Landsmann gegen Landsmann. — Vor ihrem furchtbaren Ruf: „Wer nicht mit uns ist, ist wider und", zerfällt Nationalität, StammcSgenvsscnschaft, Freundschaft und Familie. — Die Partei ist Glauben, Liebe, Hoffnung, Vaterland und Familie! — Weh über die, welche der Nationalität in jammervoller Verblendung die Freiheit opferten und opfern, der Freiheit die Einheit. Der Huftritt der Rosse wird über sie dahingehen und sie zerstampfen. — Wer hat die Familie zerrissen, wer hat Vater gegen Sohn, Sohn gegen Vater, Bruder gegen Bruder gehetzt? — Der Despotismus, die Fürsten! Wer hat im Vaterland den Bürgerkrieg erhoben, und Deutsche von Deutschen, Polen von Polen, Ungarn von Ungarn, Italiener von Italienern, Franzosen von Franzosen massacriren oder zu Pulver und Blei begnadigen lassen? Der Despotismus, die Fürsten und ihre Satrapen, die Tyrannen und ihre bluttriefende Partei in allen Landen! — Wer hat das System erfunden, unsere Söhne von unserem Herzen zu reißen, um sie zu blinden Sklaven zu machen, um ihre eignen Erzeuger von ihnen schlachten iu lassen, wenn sie nach Freiheit lechzen und rufen? — Wer hat sie erfunden, die bruder- mörderische , freiheitsvernichtende Schule der stehenden Heere? — Wer vervollkommnet täglich ihre schrecklichen Waffen, wer hetzt sie täglich zu immer wilderer Wuth gegen ihr eigen Fleisch und Blut, gegen daö Volk als Volk, gegen Jeden, der nicht in ihrer Drillanstalt beschäftigt ist, gegen Jeden, der nicht dressiren läßt oder drcssirt wird? — Der Despotismus, die Fürsten und ihr tyrannisches Gefolge! — Wer hat das Vaterland und daS Volk hundertmal verrathe» und verkauft, und hundertmal den Bund geschlossen zur ewigen Knecht
schaft und zur ewigen Geißelung der Menschheit? — Die Fürsten und abermals die Fürsten und ihre Polizeibüttel in Staat und Kirche! —
Wahnsinnige! Diesem System gegenüber faselt ihr noch von Nationalitäten, vom Haß der Deutschen, Franzosen, Italiener, Pole» und Ungarn untereinander? — Furchtbarer Fluch der Hölle! — So entsittlicht, so verdorben, so zerbrochen an jeder Größe deâ Herzens seid ihr, daß ihr dem solidarischen Bund der Fürsten Nichts entgegenzusetzen habt, alâ eure zertrümmerten RechtStafeln, eure zerrissenen, mit Füßen getretenen papiernen Konstitutionen, eure alten verbrauchten Ideen vom heiligen römischen Reich deutscher Nation, vom Freiheitskrieg, dem die verdoppelte Knechtschaft auf dem Fuße folgte, von der Verfassung in England, von der alten Burschenschaft, vom Tugendbund, vom franzosensrefferischen Haß und vom mährchen- Haften Kyffhäuser! — Erwacht! Erwacht ! Hebt euer schlaftrunken Haupt empor und blicket um euch! — Wo gibt es noch eine Nation auf dem Kontinent, die vom Bündniß der Fürsten nicht zerfleischt und zerrissen wäre, wo gibt eö einen Fürsten, der nicht zu diesem Bündniß gehörte und gehören müßte? Wer hat Italien niedergestampft, wer Ungarn? Wer hält Polen in Fesseln und auf wessen Befehl verblutet Deutschland an seinen innern Wunden? — Der nationali- tätölose solidarisch verbundene Despotismus gebeut, und eö geschieht!
Wohlan! Bund gegen Bund! Schwur gegen Schwur! Schlacht gegen Schlacht und Mord gegen Mord! — Das Bündniß der Völker heißt der Sozialismus! Keine politische Staatsform allein, nicht die Demokratie für sich ist im Stande, den alten NationalitätS- haß zu zerbrechen, den die berechnete, absichtliche, teuflische Tücke der Tyrannen den Herzen der Völker eingeimpft, den die entwürdigenden scheußlichen Laster der Monarchien mit den stolzesten Namen, mit den edelsten Titeln und Orden bedeckte. — Auch Republik gegen Republik zog zu Felde. Die Geschichte der neuesten Zeit wiederholte diese Erscheinung. — ES gibt nur EinS, waS die Völker im unauflöslich solidarischen Bunde verbinden kann: — es ist die Idee der allgemeinen Wohlfahrt, für welche die gestimmte Menschheit ohne Unterschied der Nationalität dem Einzelnen Garantie leistet — eö ist die Idee deS Sozialismus. Zu diesem Zeichen schwöret, und ihr werdet siegen! Zu dieser Religion bekennt euch und ihr werdet triumphiren! Die Idee allein in ihrer unbezwinglichen Macht wird euren Feinden keine Ruhe lassen, keine Rast Tag noch Nacht. AuS ihrem Schlummer wird sie ihn stören, mit lautem Schmerzensschrei wird er nach seinem Diadem fassen, daâ glühend seine Schläfen umwindet; auS ihrem Schlaf, auS ihren üppigen Träumen wird sie seine Lakaien und seine Büttel schrecken , und jammernd werden sie an ihren goldnen Ketten reißen, die würgend um ihren Nacken liegen. Kein Augenblick deS Trostes, der Ruhe wird wieder in ihre bebenden Herzen einkehren! Wenn er in seiner vergoldeten Karosse fährt, wenn er auS seinen marmornen Palästen schaut, wenn er in seinen prangenden Gärten lustwandelt, die daâ Blut von Tausenden geschaffen, wenn er prahlend die Schaaren seiner Gewappneten zählt und mustert, beim lukullischen Mahl und in der Purpurloge seines Theaters, sehe er die Flüche und Verwünschungen auf allen Lippen schweben, lese er Haß, Wuth und bodenlose Verachtung in allen Blicken, die ihm dräuend begegnen, Hohn und Spott in dem kalten, stolzen Lächeln, wenn einzelne feile und feige Seelen sich vor ihm, dem Entwürdigten, im Staube entwürdigen. Und in seinem Herzen wird der giftige Wurm der Verzweiflung sich einfressen, der Verzweiflung an seiner Macht, an seiner Pracht, an seiner Zukunft, auS seinem hohlen Schädel weicht der Traum seiner Herrlichkeit, und daö Gefühl seineâ lange» Irrthums, seiner Unsiltlichkcit und Nichtswürdigkeit, feiner Thorheit und seines ganzen unnützen Daseins vergällt ihm den geliebten, eitel», lächerlichen Tand, den er biö dahin seine Arbeit nannte, und die elenden, geistlosen Genüsse, durch welche er sich von seinem glänzeck-