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Mr-116.
Kassel, Sonntag den 19. Mai
1S5O.
Die Ausgleichung der englisch-griechischen Differenz.
2.
Wenn eö noch eines Beweises dafür bedurft hätte, daß Englands Einfluß bei der Pforte sowohl, als in Griechenland, von Rußland und seinen gehorsamen Aliirten Preußen und Oesterreich von Tag zu Tag mehr untergraben wurde und endlich vollständig illusorisch gemacht zu werden drohte, so konnte die so ziemlich ganz im Sinne der absolutistischen Mächte gelöste Flüchtlingsangelegenheit und die starrköpfige Hartnäckigkeit, mit welcher daö griechische Ministerium die von der englischen Gesandtschaft sahrelang vergeblich betriebenen Genugthuungö- forderungcn zurückwieS, denselben liefern können. Mit derselben Erfolglosigkeit hatte England seit Jahren darauf gedrungen, daß die griechische Regierung die konstitutionellen Scptcmbcrversprechungcn nun endlich verwirklichen und mit einer wahrhaften Repräsentativvcrfassung Ernst machen möchte. ES blieb alles hübsch im alten Geleise und die russische Partei vor wie nach an der Spitze der Regierung. Daher wurde natürlich die Stellung der Parteien immer schroffer und feind- seliger; die Herrschende, die Partei der nationalen Phrase und des russischen Absolutismus, trieb ihr schamloses Untcrdrückungö- und Ber- folgungssystem so weit, daß die englische, d. h. die konstitutionelle, vielleicht auch republikanische Partei sich zu offenen Aufständen gezwungen sah, die dann von den betreffenden Journalen, die „ Augsb. Allg." mit ihrem fanatisch russischen ^-Korrespondenten an der Spitze, als von England angestiftcte und thatsächlich unterstützte Raub- und Mordzüge ausposaunt und mit den bekannten Farben der gesetzlichen Entrüstung auSgemalt wurden. Ja bis auf den heutigen Tag können sich die österreichischen Journale immer noch nicht darüber zufrieden geben, daß sich Ihre brittische Majestät zur hohen Beschützerin der Räuber von PatraS hergebe.
Aber allen Anstrengungen Englands zum Trotze blieb alles, wie eS war. Woher dieser Trotz der griechischen Regierung, woher dieses hartnäckige Steifen auf einen Absolutismus, zu dessen Durchführung daS kleine Griechenland weder die Macht noch die staatsmännische Jntcllig.nz besitzt? Woher dieses alles dem so entschieden ausgesprochenen Willen Großbritanniens gegenüber? Nicht König Otto war cS, welcher Lord Palmerston und seine Politik verhöhnte, eS war Nikolai 1., welcher die griechische Majestät zu seiner Kreatur benutzte, welcher die Macht des Absolutismus mit dem KonstitutionaliSmuS messen, und England auS den orientalischen Fragen auf bequeme Manier hinauS- eSkamotircu wollte.
Daher war Gefahr im Verzüge. England mußte erklären, daß eS sich nicht cSkamotircn lassen wollte, daß cS den absolutistischen Intriguen feine Kanonen und Flotten cntgegenznsctzcn wisse. Die erste Gelegenheit die beste. Die so lange vergeblich betriebenen Entschädigungsforderungen der englischen Staatsangehörigen Pacisico und Finlay wa> n am nächsten bei der Hand, um den Protest gegen die in der Flüchtlingsfrage eben wi-der siegreiche russische Politik durch die Blokade deS PyräuS zu verwirklichen, und mußten dazu dienen, der vom Absolutismus gestützten griechischen Regierung zu beweisen,' daß das England, welches im Stande sei, den verletzten Interessen des gkiingstcn seiner Bürger Genugthuung zu verschaffen, ebensowohl bei wichtigeren politischen Fragen seinem Prinzipe Nachachtung zu ver- schaffen vermöge.
England hat seinen Willen durchgesctzt und zwar unbekümmert um die russischen Drohungen und daS philhellenische Geheul der absolutistischen Journale, durch sich allein durchgesctzt. Die äußere Veranlassung und der äußere Erfolg des englischen Einschreitens sind, wie erwähnt,. eben so unbedeutend als gleichgültig. Die eigentliche
Bedeutung deS Ereignisses aber geht am besten auS den von dem erwähnten atheniensichen ^-Korrespondenten in der „Allg. Ztg." an- gestimmten Jeremiaden hervor: „So mußten denn im Angesicht von ganz Europa (d. h. Rußland) die harten Geschicke deâ unglückliche» Volkes, vorgezeichnet von der treulosen Hand Lord Palmerston's, in Erfüllung gehen! Die donnernden Noten deS russischen Kabinets beantwortete der englische Staatssekretär mit Lächeln, die guten Dienste nahm er an, um sie unmöglich zu machen, und die Sympathieen Europa'ö für Griechenland verlachte er I" So stellt der heulende Philhellene die Politik Englands in einer Größe dar, die wir ihr kaum einräumen möchten. Denn nicht um die paar 100,000 Drachmen willen ließ Palmerston die englische Ftotte vor dem PyräuS erscheinen, sondern eben deshalb, um die donnernden Noten Rußlands zu verlachen, und die Sympathieen des russischen Europa'S für Griechenland verhöhnen zu können.
So hat Rußland in dieser scheinbar unbedeutenden Angelegenheit eine entschiedene Niederlage erlitten, die wir vielleicht als gute Vorbedeutung für den AuSgang deS bevorstehenden europäischen Kampfes betrachten können. Rußland hatte nur Noten, England hatte eine Flotte und Kanonen; Rußland drohte, England lachte; Rußland stützte sich auf die Diplomatie, England hat gezeigt, daß es dieses Jntriguen- knäuel in rascher That durchhauen kann — wenn — leider! — wenn es ihm so konvevirt und wenn eS in seinem Interesse liegt. B.
Deutschland.
O Berlin, 16. Mai. — Die täglich drohender werdende» Nachrichten auS Paris verfehlen nicht, eine ungemeine Aufregung in allen Kreisen hervorzurufen. Die Börse schwankt in Folge derselben bedeutend, und, wie mir aus sehr guter Quelle versichert wurde, haben einige Banquiers sich gestern Abend geweigert, auf ihnen sonst gewiß sehr erwünschte Geschäfte einzugehen. NebrigenS halte ich eS für meine Pflicht, Ihnen mitzutheilen, daß man sich heute in der ganzen Stadt erzählte, Lyon sei im Aufstande und daS Volk habe die Croix-müsse besetzt. DaS Handels- und Banquierhaus Jüterbogk erhielt gestern in der Nacht hm 1 Uhr eine telegraphische Depesche auâ Aachen mit dem obigen Inhalt, und um dieselbe Zeit erhielt Manteuffel von eben dort dieselbe Nachricht. Man hat sie jedoch nicht veröffentlicht, da sie nicht von dem gewöhnlichen Agenten abgesendet war und leicht irgend eine Börsenspekulation im Spiele sein konnte. Mit welcher Spannung man nach den Zeitungen greift, können Sie sich denken. „Ein kühner Schlag im Westen ist auch im Ost ein Schlag!" — Hr. v. d. Heydt, der HandelSminister, einer der unfähigsten Leute von der Welt, wird wahrscheinlich in kurzer Zeit seinen Abschied nehmen, wie Einige behaupten, weil man ihm öffentlich seine Unfähigkeit vorgeworfen, oder wie Andere wissen wollen, weil seine handelspolitische Ansicht eine andere sei, als die jetzt zur Geltung gelangende. — Wie ich Ihnen bereits früher meldete, sind die Minister Schleinitz und Manteuffel zu Unionöministcr designirt worden, von Radowitz und Gagern ist keine stiebe. Die Geschäfte des bisherigen Verwaltungs- raths werden dem Fürstenkollcgiuni übertragen werden, die stie- präjentantcn der Union sind also beseitigt, bald wird die Union selbst sanft und selig entschlafen. — Großes Befremden erregt hier der Beschluß: daß die Verbindlichkeit der auf dem Fürsten- kongreß gefaßten Beschlüsse nur bis zum 15. Juli sich erstrecken solle. An und für sich würde derselbe ganz für die Ansicht sprechen, dqß man mit diesem Tage noch formell die Union fallen lassen wolle; die Schwarzweißen sind jedoch, oder stellen sich wenigstens wüthend über denselben und behaupten^ er sei^von Rado- witz. erschlichen worden, um künftig festere Beschlüsse zu fassen. Wahr-