Pritter Jahrgang-
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Mr- LIS
Kassel, Sonnabend den 18. Mai
18SO.
Die Ausgleichung der englisch-griechischen Differenz.
Nachdem Oesterreich und, wie aus dem Aufgeben der Union und der Anerkennung deS Bundestags ersichtlich, auch Preußen sich für die russische Oberherrschaft entschieden haben und durch die Furcht vor der Revolution, durch daö Fürsteninteresse für den Absolutismus zu einer unfreien Vasallenstellung herabgedrängt sind, eristircn eigentlich nur noch zwei Großmächte, welche die europäische Politik machen und sich gerüstet gcgcnüberstehen, um bei der ersten passenden Gelegenheit den Kampf um die Weltherrschaft, wie sie wähnen, aber in der That nur den Kampf für die eigene Existenz aufzunehmen. Diese beiden Großmächte sind Rußland und England, die sich gegenseitig um so tödtlicher hassen und verachten, da die Endziele ihrer beiderseitigen Bestrebungen zusammenfallen.
Der Absolutismus, als dessen reinster und daher entschiedenster Ausdruck Rußland zu betrachten ist, will herrschen, unbedingt herrschen, um im Namen GotteS und der Gewalt die Menschheit nach Gutdünken plündern zu können; ■— der KonstitutionaliSmus, den wir in England verkörpert sehen, strebt ebenfalls nach der Herrschaft, um im Namen der liberalen Institutionen, deS Handels und der Börse die Völker auszubeuten, vielleicht noch gründlicher, als cs jener vermag. Obov- rnè-4ö^n4« -dâ Verhältniß auch so formultren: der Absolutismus will auSbeuten, um zu herrschen; der KonstikuUonäMmnrs^ dagegen will herrschen, um auSzubeuten. Mögen wir eS nun auffassen, wie wir wollen, soviel ist gewiß, daß die egoistischen Tendenzen beider Mächte eine furchtbare Aehnlichkeit mit einander haben, daß daher eine Versöhnung undenkbar ist und der Kampf nur mit dem völligen Untergange der einen oder andern enden kann. Der Kampf ist um so heftiger, da er nicht eigentlich ein Prinzipien-, sondern ein Jnter- rssenkampf ist, zu dessen Führung man nur feindliche Prinzipien zu Hülfe nimmt, da er also nicht nur den prinzipiellen Fanatismus, sondern auch namentlich alle Leidenschaften des EgoiSmuS in sich aufnimmt.
L-ieS müssen wir wohl festhaltcn, wenn wir die Erscheinungen, welche gegenwärtig aus dem Dunkel der europäischen Diplomatie her- vortreten und mehr und mehr lebendige Gestalt gewinnen, begreifen wogen. Rußland denkt nur an die Vernichtung Englands und Eng-
Vernichtung Rußlands. Die absolutistischen Projekte sekundärebie ^'^' Sardinien n. s. w. haben nur eine ordnete Mittelwegen. ^" ^" Hauptzwecke nur als unterge-
^nnjtp, und benutzt dasselbe als Waffe gegen Rußland, den Reprä- sentanten der starren Despotie. Daher sehen wir England in Svanien Portugal, Italien, Sicilien, Ungarn und fast überall, wo iSS lutton möglich ist, mit der revolutionären Partei koguettiren Ueber das Koguettiren freilich kommt Palmerston nicht hinaus, Aufmunte. rungcn und Bedauern, wenn es hoch kommt, geheime Subventionen und ein Paar Noten sind Alles, was er für die revolutionirten Völker hat. Denn kaum hat er einen revolutionären Anlauf genommen, so fürchtet er auch schon wieder die Konsequenzen der Revolution für die innern Verhältnisse Englands und bleibt auf halbem Wege stehen. Diese Unentschiedenheit und Halbheit ist eben mit dem Konstitutiona- liSmuö so unauflöslich verwachsen, daß sie jeden politischen Kraftaufwand desselben paralvstrcn muß. Palmerston kämpft gegen Rußland
und für die englische Konstitution, für die Revolution und für die Londoner Börse, gegen den Absolutismus und für die göttlichen Rechte Viktoria's und der Pairökammer; — darin liegt der innerliche Widerspruch, welcher allen seinen diplomatischen Handlungen das Gepräge der Halbheit und Inkonsequenz aufdrückt.
Von diesem allgemeineren Gesichtspunkte der europäischen Politik aus müssen wir auch die eben geschlichteten griechischen Händel betrachten, wenn wir in ihnen nicht daS sehen wollen, was die österreichische Standrechtspresse, die „Allg. Ztg." und ihre bairisch-hellenischen Verbündeten in ihrer Beschränktheit oder auf allerhöchsten Befehl in ihnen suchen und sinden. Nicht um den Don Pacifico und Hrn. Finlay handelte es sich dort, nicht darum, das kleine Griechenland zur Anerkennung des englischen Dreizacks zu zwingen; — sondern es handelte sich darum, gegen Rußland zu protestiren, dem immer mehr zur Alleinherrschaft im Orient gelangenden russischen Einflüsse ein donnerndes Halt zuzurufen und Hrn. v. Nesselrode daran zu erinnern, daß cs auch noch ein „freies England" gebe und eine unüberwindliche britische Flotte, und daß die Regierung I. großbritannischen Majestät ihren Willen durchzusetzen vermöge trotz russischer Intriguen und Drohungen, trotz des philhellenischen Geheuls und GewimmerS, daS auf Kommando in Oesterreich, Preußen und Frankreich angestimmt wurde; es galt zu beweisen, daß England nicht die Absicht habe, sich auS dem Orient verdrängen zu lassen, daß eö seinen eigenen Willen b-sitze und seinen eigenen, sicheren Weg gehe, selbst wenn es sich auch nur um eine Bagatelle handele.
Wir n-sllâ- den nächsten Artikel brnu^u, um diese MetiV? P.A. merston's auS der Geschichte der Diplomatie in der griechisch-orientalischen Frage zu begründen und zu untersuchen, inwiefern daS Resultat den britischen Hoffnungen entsprochen hat.
Deutschland.
* Kassel, 17. Mai. — Den „Grenzboten" sind zufällig einige Nummern der Hornisse in die Hand gefallen und wurde ihnen flugS vom „reinsten Ausdruck" der Demokratie so dumm, wie Hrn. v. Vinke, als ihm daS berühmte Mühlrad in Erfurt im Kopfe herumging. Wir glauben das herzlich gern, wundern uns auch nicht, daß eine „edle" Weserzeituug diesen Schwindel mitempsindet. Wir .schreiben weder für die Grenzboten noch für die Weserzeitung, da wir überhaupt nicht für Leute schreiben, die auS einigen zufällig aufgefangenen Worten ihr Urtheil zu schöpfen pflegen. Wir erwähnen dieses spassigen Schwindels unserer Gegner nur, weil daS betreffende Grenzboten-Mühlrad als Verfasser der Artikel: „In Sachen der Demokratie" Herrn Bayr- hoffer bezeichnet, von dem sie nicht herrühren. Unter den Artikeln deS Herrn Bayrhoffer steht stets dessen voller Namen, was freilich ein zufälliges Mühlrad nicht zu wissen braucht.
* Kasfei, 17. Mai. — Die Verhandlungen in der heutigen Stäudekammer waren ohne alles Interesse, obgleich Hr. Oetker sich alle Mühe gab, fürchterlich zu sein und Opposition auf Leben und Tod zu machen, indem er eine haarsträubende Interpellation in Betreff der Beschickung der Plenarversammlung in Frankfurt stellte und die Instruktionen deS Herr» von Baumbach zu wissen verlangte. — Wir werden daS Ausführliche in der folgenden Nummer mittheilen.
1/ Hersfcld, 14. Mai. — Ende vorigen Jahres setzte die Redaktion der in Würzburg erscheinenden „Neuen Fränkischen Zeitung" (A. Oestreicher) einen Preis von 10 Dukaten auf die beste Lösung der Frage: „Enthalten die Prinzipien der Demokratie Irrthum oder Wahrheit, und liegt darum in ihrer Durchführung das Heil oder das Unglück der Zukunft? — Wenn in derselbe» Unheil und Irrthum liegen sollten, wie könnte diesem vorgebeugt werden? Oder, wenn sie Wahrheit und Wohlfahrt enthalten, wie kann» ihnen der dann zu wünschende weiteste und allgemein» Eingang nad Erfolg verschafft wer-