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113. Kassel, Donnerstag den 16. Mai 1830.
Fürstenkongreß und Bundestag.
Unsere Landeâväter können es; das muß man ihnen lassen. WaS der beschränkte Unterthanenverstand trotz zweijähriger redlicher Bemühung, trotz deS Gothaer beispiellosen Aufwandes von Kriecherei und Erbärmlichkeiten aller Art nicht zu erreichen vermochte, das haben die erlauchten gottbegnadeten Herrscher zu Berlin in zwei Tagen durchgesetzt — nämlich die Restauration deS Bundestages. Von Preußen und den übrigen Staaten der Union wird die Frankfurter Bundeâtagsversammlung beschickt werden. Daâ ist daS glänzende Re- sultat jenes Berliner FürstenkongresseS, in dem unsere Konstitutionellen eine feierliche Protestation gegen Oesterreich, einen großartigen Sieg der Erfurter Unionsideen, eine mächtige Errungenschaft ihrer Parlamentörednerei sahen und rühmend bekannten. Ja, diese Herren haben eS bereits zu einer solchen Virtuosität deö AuSkneifenö gebracht, daß dieselben besten Männer, welche im Jahre 1848 und 1845 „mit Königen ein Wort sprachen", ein Jahr später einem Fürstenkongresse entgegenjubelten, daß dieselben besten Männer, welche in der Reichöversammlung ausschließlich in „Ehre, Freiheit und Einheit" machten, auch das letzte Restcheu ihrer sogenannten Ehre über Bord warfen, und einem Fürstenkongresse Beifall jauchzten, dessen Möglichkeit, dessen Existenz ihr schamloses Werk gewesen ist. Wer an allem bankerott geworden ist und nichts mehr zu verlieren hat, der hat auch nichts mehr zu riökiren, der muß in ganz naturgemäßer Entwickelung dem fait accompli deS Bundestages dieselben Sympathien entgegen tragen, wie früher dem Fürstenkongreffe, dem Erfurter Unionötage und dem deutschen Parlamente in der PaulSkirche. Die Gothaer werden anfangs etwas grollen, nach ihrer bekannten Kourage eine Faust in der Tasche machen und sich endlich mit dem Bundestage einverstanden erklären — denn auch dieser ist ihr Werk und hat Ansprüche auf ihre Vaterzärtlichkeit, noch dazu soll ja die Union gewahrt und den beiderseitigen Phrasen, welche durch wirkliche Ereignisse und Thaten nunmehr überflüssig geworden sind, kein Leides geschehen.
Die Union soll gewahrt werden, selbst nachdem Mecklenburg, die beiden Hessen und Nassau zurückgetreten sind; — die Union ist somit gerettet und die von ihr betroffenen kleineren Staaten sind an Preußen verloren. DaS ist der zweite Beschluß deS Fürstenkon- gresses. Daher waren — wie die Krcuzzcitung berichtet — Se. Ma- jesislt der König während des ganzen Abends in der Festvorflellung deS Opernhauses so ungewöhnlich heiter und wanderten von Loge zu Loge, um Höchstdero erlauchte Gäste und neue Unterthanen mit königlicher Herablassung zu regaliren. Die Union soll gewahrt und der Bundestag beschickt werden. Juble, o Gotha! denn du kannst nicht anders, du mußt cö, du bist bereits so wohl drefsirt, daß du auf allerhöchsten Befehl Claquc machen müßtest, und gälte eS deinem eigenen Leichenbegängnisse. Aber fürchte nichts, du wirst nicht sterben, Perfidie und Dummheit sterben niemals, sie werden gestorben, und zwar nicht auf allerhöchsten, sondern auf allerniedrigsten Befehl. So lange die Fürsten „den Kopf oben tragen", ist für die Unions- konstitutionellen nichts zu fürchten. Beide wandeln in schönster Ein- tracht biS zur Grenze deS Möglichen und auch noch etwas darüber hinaus; — der Bundestag und die sogenannte Revision der Bundesverfassung liegen eigentlich schon jenseits dieser Grenze.
Ein fatales Wort, welches da der „Deutschen Ztg." in ihrem gestrigen Leitartikel entschlüpft ist: „ES läßt sich nicht verkennen: die Restauration deö Bundestages wäre das Werk deö Auslands, die Knechtung Deutschlands durch fremde Gewalt, der Zerfall seiner Staaten. Die Hände, welche sich an diesem Versuche betheiligen, trifft der Fluch der Nation!" — ein fatales Wort das, welches sicherlich schon vor Eintreffen der telegraphischen Depesche
über daâ Resultat deS FürstenkongreffeS geschrieben und gesetzt war, und mit dem sich die verehrliche Redaktion ihr eigenes Urtheil geschrieben hat. Jedoch waâ liegt an einem Worte? Worte haben deu Herren von Gotha noch nie Schaden gebracht, nicht einmal jene Gut- und Blut-Worte im Frühjahre 1849. Worte kann man vergessen und desavouiren, aber Handlungen sind nicht mehr rückgängig zu machen. Daher hütet man sich vor letzteren und „trägt den Ereignissen Rechnung." Ein Ereigniß ist aber für alle Fälle der Bundestag und zwar ein entscheidendes, vernichtendes. Die Bundesverfassung wird revidirt werden und rektifizirt dazu. Die Rektifikation ist wieder einem Fürstenkongresse vorbehalten. AuS dem Warschauer werden sich noch andere Fürstenkongreffe entwickelu, denn man hat auch Schlußakten nöthig, und Gotha wird immer hinterdrein traben und den Staub von den allerhöchsten Füßen abküssen. Ein trauriges Schicksal, welches die armen Leute verfolgt, aber sie können nicht audenS, der Teufel läßt sie nicht wieder los; — wie Erfahrung gelehrt. Fürstenkongreß — Bundestag — und Gotha, — daS sind die drei Säulen, an denen man Deutschland aufknüpft. Hängt nur immerhin; wenn daâ Werk zu Ende gebracht ist, sprechen wir auch noch ein Wort mit; vielleicht sogar schon früher. B.
Deutschland.
△ Kassel, 15. Mai. — War die Welt zu ihrer Zeit voll von den revolutionären donnernden Reden der Frankfurter Parlamentswühler, — und kürzlich noch ein kleines Stückchen der Welt voll von dem Gewinsel in Erfurt, — so wiederhallt eS jetzt in allen Ecken von den fürstlichen Meisterstücken der Rhetorik im Schlosse zu Berlin. DaS war vorauözusehen, daß Se. Majestät diese paffende Gelegenheit nicht vorübergehen laffen würde, um seinen Vettern und zukünftigen Pairs mit jenem großartigen Talent zu imponiren, daâ ihm schon vor der Märzrevolution nach dem Namen jenes berühmten Orators den Beinamen Seidelmann II. verschafft hat. Aber was man nicht erwartet, war, daß die Vettern Liebden ebenfalls diese Gelegenheit nicht versäumt haben, um ihrem erhabenen Vorbild zu zeigen, daß und welche Studie» sie an Dero glorreichen Redemustern gemacht — eine Anstrengung, die um so mehr zu schätzen ist, als die Wohl- und Schönredekunst in fürstlichen Familien eben nicht heimisch zu sein pflegt, da der Himmel bekanntlich in seiner nnerforfchliche» Weisheit gerade seinen Stellvertretern auf Erden weder an der dazu erforderlichen Gehirnthätigkeit, noch an Zungenfertigkeit einen großen Ueberfluß bescheert hat. Danket dem Herrn, denn er hat'â wohl gemacht ! — Daß der Kurfürst von Hessen hierbei eine rühmliche Ausnahme macht, versteht sich stets von selbst. Kaum war Ihrer Majestät brillante Rede vollendet, und die Unterhaltung der Gekrönten durch Ungeübtheit im parlamentarischen Takt zu einer allgemeinen Konversation geworden, als auch Se. königl. Hoheit von Kurhessen sofort sich gegen Dero Liebden von Oldenburg dahin auSsprachen, daß Sie etwas zu weit nach links gehen! Diese wohlmeinende Zurecht- Weisung eines im Rang so unendlich über Dero Liebden stehenden Regenten faßten leider Dero Liebden sehr persönlich auf und erwiederten gereizt, daß Dero Liebden von Hessen dagegen viel zu weit nach rechts sich entfernt, als daâ für einen Fürsten passe, der eS mit Deutschland wohl meine. Se. königl. Hoheit haben sich natürlich durch diese etwaâ brüske Anspielung auf Dero mitgebrachten Hassenpflug nicht im Geringsten alteriren lassen, sondern bestehen darauf, den Vermittler zwischen den Adlergeschlechtern, den doppelten und einfachen, machen zu wollen, eine Rolle, würdig des ehrwürdigen edeln Lowe» von Brabant, welcher auch dadurch einen neuen Glanz erhalten, daß am 11. Mai Se. königl. Hoheit die gcsammte europalichc Diplomatie zum Frühstück bei sich sahen und sich mit derselben höchst leutselig