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Dritter Jahrgang.

pedition (obere Entengaffc Nr. 132) za 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

Sie Hornisse.

Wr- lOS» Kassel, Freitag den 10. Mai 1S5O,

Die deutsche Verfassungsfrage und die Cinbe- rufnng der Ständekammer auf den 13. Mai.

3.

Der blinde Aberwitz der Gothaer hat sich noch immer nicht „über" gipfelt". Sein aufsteigender „Schuß" ist noch immer im schauder­erregenden Wachsen. Der Fall ist darum nicht furchtbarer! — Der ganze Sprudel wird plötzlich aufgelöst sein und verschwinden in seine Urbestandtheile, in tausend zerfahrende Wasseratome. — Kein Radowitz und kein Karlowitz, kein Manteuffel und kein Hassenpflug war im Stande, diesem ins Blaue strebenden Vertrauensschuß die Spitze abbrechen zu können; keine Geschichte, keine Erfahrung, keine Vernunft vermag diesen Wahnsinn der Selbstvernichtung im rasenden Sturze auf­zuhalten; keine Eisumschläge, keine russischen Sturzbäder können diese von besinnungsloser Angst delirirenden Hirnschädel zur Besinnung bringen; keine Schläge, keine Tritte, kein Hohngelächter, kein Schimpf und keine Schande vermag diese vom Lakaiendienst abgestumpften Seelen zur Wuth, zuM Zorn, zur männlichen Selbstbefreiung aufzu- stacheln. Am Todtenbett der zerfleischten Freiheit stehen sie mit blöd­sinnigem Auge und führen des Henkers Hand, der grimmig die frisch- blutenden Wunden auSmißt und die Sonde einsenkt, — mit taumelnden Schritten schleppen sie das Gerüst zum Schaffst herbei, Beil und Nichtschwert, — errichten sie Galgen und Rad, um an dem Heiligen Leichname aber und abermals barbarische Todesstrafe vollziehen zu sehen; — ja sie schüren mit stierem Lächeln am Holzstoß, auf welchem endlich der tausendmal Gemordete zu Staub und Asche verbrannt werden soll. O sancta simplicitas! Aber nein, eS ist keine hei- 11 a e, es ist eine höchst profane Einfalt! ES ist die Einfalt nicht deS Herzens, sondern des KopfeS, es ist nicht die positive, eS ist die negative Dummheit, nicht der Glauben, nicht die Hoffnung, sondern Furcht, Ohnmacht, Jammer und Verzweiflung. — Und in einer solchen Lage noch diese hohlen Phrasen von Kampf auf Leben und Tod, von Stehen und Fallen. In einem solchen Jammer dieser ewige Cham­pagnerrausch, diejeS toastircnde Beglückwünschen, Umarmen, Lobpreisen und Ehrenspenden, diese gänzlich blasirte und bornirte Selbstbcräuche- rung und Selbstanbetung: — ist eö nicht vergleichbar einem Narren- Haus, in dem sie mit papiernen Kronen und Sternen Kaiser und Könige, Minister und selbst Gott spielen unter gegenseitigen schauer­lich fratzenhaften Komplimenten? — Freilich ist es grausam, darüber zu lachen, — und dennoch überkommt selbst daü weichste Gemüth mitten unter Thränen eine unwiderstehliche Lachlust über diese gro­tesken Possen, Verzerrungen und Harlckinaden. Daß die Narren dar­über wüthen, versteht sich von selbst Dafür entschädigen sie sich reichlich, wenn man sie bemitleidet. Thränen und Trauer über ihren Wahnsinn verlachen und verhöhnen sie.

So ist es uns unmöglich, nicht über die Wuth im Briefkasten der Neuhessischen zu lachen, welche darin bei der Wahrnehmung ru­mort, daß wir ihre Toaste und Großsprechereien und die Figuranten dabei als „edle" Erbärmlichkeiten und Nichtigkeiten bezeichnet! - Daran sollten sie doch endlich gewöhnt sein! — Trotz ihrer Wuth müssen wir unö abermals dem gottlosen Gelächter hingeben, wenn wir die starren Mienen erblicken, mit welchen sie Se. königl. Hoheit nach Berlin abfahren sehen, und zu gleicher Zeit Herrn Baumbach nach Frankfurt. DaS Entsetzen der Armen über diesen schlagenden Beweis der diplomatischen Talente deS Herrn Hassenpflug geht so weit, daß sie ohne alle Besinnung eine förmliche Majestätsbeleidigung auSstoßen. Sie sagen, ein solcher Mißbrauch eineö konstitutionellen Fürsten sei noch nie vorgekommen. Als gäbe eS noch konstitutionelle Fürsten ; als wäre nicht das Eberhard'sche Nullitätöspstem deö Fürsten- thumö ein größerer Mißbrauch, wie eine Reise nach Berlin; alâ wäre nicht Alles, also auch jeder Mißbrauch, schon längst wieder

fürstlich und von Gottes Gnaden! „DaS eben ist der Fluch der dummen That, daß sie fortwährend Dummheit muß gebären!" — Diese Herren wähnen die Weltkugel in ihren krampfhaft zuckenden Fingern zu halten, während sie auf ihr davon fliegen. Diese ohn­mächtigen Mücken glauben noch immer, s t e machten den Staub, nachdem sie sich vom Wagen der Revolution auf den der Reaktion ge­setzt haben, der mit ihnen donnernd bergab stürzt. — Die Wahrheit all' dieser Behauptung werden wir bald durch unsere Gothaer Majo­rität in der Ständekammer auf's Neue bestätigt sehen. Da werden gewisse Herren mit eben so vielem trivialem Schwulst wie lächerlichem Pathos über ihre unsterblichen Werke, über ihre kühnen Helden- und Kraftstücke hinter den Kasematten Erfurts referiren und renommiren, und den gelindesten Zweifel der Linken daran für die Fortsetzung deS boshaften, frechen, unwissenden, wühlerischen Umsturzes alles Bestehen- den erklären, und das Lachen über ihre lahmen Bravourarien für Majestätsbeleidigung ihres geliebten Königs von Preußen und für Verrath am Heil des Vaterlandes. Sie werden mit eben so viel Stolz und Zuversicht daS Ministerium bei jedem Schritte interpelliren, und mit eben so viel großmüthiger Indignation die verhöhnenden Tritte hinnehmen, die man noch für gut findet, ihnen zu appliziren. Sie werden nicht versäumen, dem Ministerium ihre volle Zustimmung zu erklären, so lange dieses es noch für der Mühe werth hält, ihnen über seine unionszerstörenden Schritte einen anständigen Nebel vor­zumachen ; sie werden auf diese Weise Schritte gut heißen, von denen sie keine Ahnung haben, und plötzlich, eh' sie'S bemerkt, sich selbst den letzten schwarzweißen Lappen vom Leib gerissen haben. ES kann sein, daß sie dann über ihre Nacktheit und über daS Hassenpflugische Hohngelächter momentan in ein kleines Beserkerwüthchcn gerathen. Allein eingedenk ihrer ersten Bürgerpflicht — der Ruhe — werden sie sich mit einer zahmen und lahmen Protestation begnügen , verfaßt von Herrn Pfeiffer etwa mit -Randglossen von Henkel und Oetker,. „um'S endlich gehen zu lassen — wie's Gott gefällt" — d. h. dem Czaaren und feinen Statthaltern, und sich in alleruntcrthänigst konstitutioneller Hundedemuth nach Hause schick n zu lassen. —

Die demokratische Partei der Ständekammer wird nach ihrer Ver­heißung all' diesem Wirrwar, dieser Oktropirung von Oben und die­ser Blamage von Unten gegenüber nur auf dem Boden deö Prinzips stehen können, auf dem Boden der Volkssouveränetät, angelehnt an die Proklamation vom 11. März 1848. Das Ministerium Hassen­pflug ist und bleibt das verhaßte und verfluchte, und doppelt wegen seines mystischen NebelschwanzcS, es bleibt der Bruch deS fürst­lichen Worts vom 11. März 1848; sein Sturz, und sollte er De­zennien von Agitation bedürfen, ist im Augenblick daS A und daS O der demokratischen Opposition. — Es kann dem Volk nicht oft, nicht klar genug eingeprägt werden, daß die Proklamation des 11. März ein Bestandtheil, daß eS die Ergänzung der Verfassuugöurkunde ist, daß sie der Hebel der Zukunft für Kurhcsscn, daß in ihr die Anbah­nung zum Wesen deS freien Staats enthalten ist, zum Grundprinzip der demokratischen Staatsform. Wenn wir für unS in der Presse auch die unbedingte BernichtungSberechtigung alles Bestehenden durch die Theorie und für die Gesammtheit durch die Praxis, d. h. in der Re­volution beanspruchen, so wissen wir doch ganz gut, daß in einer gesetzgeben­den Versammlung das formelle Recht der Boden und die Schranke ist, auf dem hier gefochten , von dem aus ein neues Terrain erobert wird. Ilm so besser, wenn dieses Recht eine günstige Position möglich macht. Diese muß mit aller Energie eingenommen und vertheidigt werden. Die Taktik der Linken kann also nur die folgende sein. Sie wird bei jeder ein­zelnen Vorlage die Berechtigung deS Ministeriums angreifen und jedes Mal gegen das Eingehen auf dieselbe Protest einlegen müssen; sie wird dann aber, wenn die Majorität dennoch die Berathung beschlossen, dieser Schritt für Schritt ihre vergebliche Arbeit, ihre Verfassungs­verletzungen und ihre Inkonsequenz und dem Ministerium seine ganzx