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Dritter Jahrgang.
Petition (obere Entenqaffe Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
M- 105-
Kassel, Sonntag den 5. Mai
1850,
Pins IX
3.
Pro nono ist restaurirt. In dem Augenblick, wo Seine Heiligkeit zur Ueberzeugung kam, daß seine Neuerungen in einer von aller Gesinnungstüchtigkeit weit entfernten Weise interpretirt würden, streckte Oesterreich seine rettende Hand aus und ließ den bekehrten Papst zu dem blutigen Bourbon in Neapel entführen. Von diesem Augenblick an war der Papst und die Kirche rettungslos verloren. Die französischen Gelüste wurden gebüßt durch die russische Vasallenschaft.
Ein Fürst, der in seinem Leben nur ein einziges Mal praktisch liberal gewesen ist, muß im Verlaufe der Tage nothwendig sich zur russischen Knute bekehren. DaS ist einfach. Ein liberaler Fürst zerstört als solcher alle jene gotteSgnädigen Schwärmereien und romantisch-mittelalterlichen RechtStitel, durch welche sich Fürsten überhaupt auf ihren Thronen erhalten. Einmal zerstört, sind sie unrettbar verloren. Der neue RechtStitel kann dann nur noch die pure Gewalt sein.
Pio nono befand sich in einer traurigen Alternative. Entweder mußte er vorwärts bis zum Selbstmord, oder rückwärrS bis zum Todtschlag in Petersburg. Der französische Papst besann sich eine Weile, acceptirte sogar die menschenfreundlichen Offerten der französischen Republik, ließ sogar seine Metropole vom französischen Präsiventen in Trümmer schießen, — — — schließlich wählte er aber statt der Franzosen die Oesterreicher, statt der Republikaner die Russen. Ein Selbstmord ist unter allen Umständen lächerlich.
Der französische Kardinal ist zum russischen Soldaten geworden. DaS ist die ganze Metamorphose, die in Nom vor sich gegangen ist. Es ist ganz dieselbe, wie sie in Berlin hinsichtlich des Königs, und au andern Orten hinsichtlich anderer Leute vor sich geht. ES ist dieselbe, welche Herrn von BlitterSdorf zu der Erklärung ermächtigt, daß die konstitutionellen Fürsten nicht mehr die nöthige Garantie böten und deshalb mediatisirt werden müßten. Hr. v. BlitterSdorf scheut sich nur zu sagen, daß auch Preußen re. keine Garantie mehr bietet und also gleichfalls mediatisirt werden muß.
Die Ordnung herrscht in Warschau, sie herrscht auch bereits in Rom. Oder sollte man wirklich noch einen Unterschied finden? Sollte Jemand im Ernste glauben, daß sich das römische Volk fortan noch vom päpstlichen Segen und der katholischen Romantik imponiren lasse? Sollte Jemand im Ernste meinen, Seine Heiligkeit könnte noch auf Weise regieren, als Seine Unheiligkeit in Berlin, d. h. mit« Unt> Baschkiren? Der Einzug des Papstes in Rom hat alle solche Meinungen widerlegt. „ DaS heilige Kolleg, mit Blut überschwemmt, wird unfruchtbar bleiben !" — Das waren die EvvivaS, mit denin Cardinal Mastai Feretti empfangen wurde. Und damit hat der Vatikan, wie die Peterèkirche, haben die Tiara und der Pantoffel ihren Nimbus verloren. Es cristirt kein Papst mehr, cö cxistirt nur noch ein Barbar.
Die Politik der römischen Kirche wird fortan eine ganz veränderte sein, ebenso die Politik Oesterreichs und seiner Genossen in Sachen der Religion. Fortan trägt der Papst alle Pflichten ohne die entsprechenden Rechte, er hat alle Last ohne irgend einen Nutzen. Der päpstliche Stuhl ist für die Folge der Blitzableiter für die Volksflüche, die auf die Häupter der allerchristlichsten Fürsten geschleudert werden. Begreift man nun die religiösen Neuerungen Oesterreichs , die Frei- lassung der katholischen Kirche? ES gibt keine katholische Kirche mehr, sondern nur noch eine russische.
DaS heilige Regiment ist prosanirt. Um deS Betriebskapitals willen hat Pio nono seine Kirche verleugnet, sie zur Magd der Petersburger Politik erniedrigt. Die Kirche ist herabge- fünfen zum Kirchenstaat, die traditionelle Politik der Päpste ist in ihr
Gegentheil umgeschlagen. Fortan ist der Knecht aller Knechte nicht mehr der bescheidene Herr aller Herren, sondern wirklich und wahrhaftig der Knecht aller Knechte.
Die katholische Kirche hat ihre Mission erfüllt, sie war abkömmlich geworden. Daß aber Pio nono, derselbe Mann, der da glaubte, die schlafende Kirche wieder erwecken und triumphiren lassen zu können, daß dieser selbe Papst ihr den Grabsermon sprechen mußte, ist eine jener tragischen Merkwürdigkeiten der Geschichte, die erst dann richtig verstanden werden, wenn der Kadaver deö StaatS, der Kirche und der organischen Gesellschaft glücklich verfault und verschwunden ist.
Deutschland.
A Treysa Nun, die Chinesen waren da, aber ach! der Ober- Chinese Gützlaff fehlte, und die Menge sündiger Demokraten war auch da und ließ vor der Kirche die Marseillaise spielen. In der Kirche aber lehnte sich eiu inländischer getaufter Jude gegen die Bekehrung Chinas auf, da man noch im Inland so viele Heiden und Juden habe. Die Kinder Beelzebubs werden mit sich selbst uneins! — Die großen Hoffnungen des Volksfeinds von Vilmar auf diesen Tag scheinen nicht in Erfüllung gegangen zu sein.
O Berlin, 2. Mai. - Die Einladung zum hiesigen Kongreß der Unionâfüistcn wird von Sr. Majestät in Allerhöchsteigener Person erfolgen, d. h. schriftlich, wie man sagt. Am 8t en Mai soll derselbe eröffnet werden. So weit wären die Sachen richtig. ES frägt sich nur, wer kommen wird. Auf Ihren Kurfürsten zählt man z. B. nicht. Er soll eine gewisse Antipathie nicht gegen die preußischen Bajonette, wohl aber gegen die Hohenzollcrnschcn Mediatisirungsge- lüste habe«. Auch auf die Einwilligung des GroßherzogS von Hessen- Darmstadt rechnet man nicht sehr, eben so wenig auf Nassau, auch an der Bereitwilligkeit deS Großherzogs von Baden hegt man einige Zweifel, obschon eS derselbe für seinen höchsten Stolz erklärt hat, sein unheiligeS Kriegsheer auf preußische Weise verherrlicht zu sehen. Somit möchte die Zahl der Auserwählten wohl eine sehr geringe werden, höchstens die Militärkonvcntionirtcn, i. e. die Mediatisirten. Und so wird man eS wohl haben wollen. Man ist zufrieden mit einem kleinen Kern, da die Stunde noch nicht gekommen ist, wo auch die siörrigen Böcke in das Himmelreich preußischer Glückseligkeit eingehen.
Ein heut Nachmittag stark verbreitetes Gerücht wollte — denken Sie sich! — nichts weniger wissen, als daß Rado Witz in Folge des gestrigen MinistcrrathS seinen Abschied als Vorsitzender deâ Verwa l tuugsrathes genommen habe und Willens sei, sich ganz von den deutschen Verhältnissen zu rü ckz uziehen, in welchem Falle ihm der Ge- sandtschaftSposten zu Konstantinopel angeboten sei!! Ra- dowitz bei den Türken! O quae mutatio rerum! Aber Flausen, nichts alü Flausen! Höchstens zieht sich der kriegerische Mönch vom politischen Schauplatz zurück, um als geheimer jesuitischer Wühler im Interesse der heiligen Alliance fortzuwirken. Jetzt erst beginnt die Laufbahn für den „größten Mann seines Jahrhunderts", und er sollte zu den Türken gehen? ! Nach Frankfurt wird er gehen und sich, auf den Präsidentenstuhl des Bundestags setzen, da ist sein Platz!
Noch einen andern Kongreß wird Berlin im Laufe dieses Monats innerhalb seiner Mauern sehen, nämlich einen l an d w irt h sch a f t l i- chen, und eine Versammlung, welche die Zolltarifsätze begutachten soll. Meistens lauter auf Empfehlung der Regierung gewählte Leute, die man nur einberuft, weil Hr. von der Heydt selber keinen Rath weiß und deren Beschlüsse man wahrscheinlich wörtlich annehmcn wird.
Statt deS schwarz-roth-golden schillernden Herrn von Bunsen wird der schwarzweiße Herr von Usedom als Gesandter nach Lond o n gehen.