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Erlckcint täglich, Montags ausgenom­men Bierteljährlicher XbonnementèprttS U Sgr. Einzelne Nummern in der 8p

Dritter Jahrgang.

Petition (obere Entengasse Rr. 532) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

Mr 1OM-

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HorNis i e.

Kassel, Sonnabend den 4. Mai

1850.

Pins IX.

2.

Am meisten hat sich der fromme Papst hinsichtlich seiner Kirche verrechnet. Der verstandeâschwache Piuâ hatte sich in den Kopf ge- setzt, mit den paar wirthschaftlichen Neuerungen alle antikirchlichen Gelüste seiner Unterthanen in der Wurzel vertilgen zu können. PiuS der Neunte war kein größerer Schwachkopf, alâ ihrer in Deutsch­land und überall Millionen gibt. Unsereaufgeklärten" Gläubigen sind nämlich auch innig von der Erbweisheit durchdrungen, daß eine religiöse Bewegung immer nur eine Scheinbewegung sei, ein Ersatz für eine unterdrückte, oder im Schach gehaltene politische. Manche Leute halten die Motion der Geister für nichts mehr und nichts we- niger als daâ Resultat einer Ueberfülle von Säften, denen man irgend einen Abzugâkanal eröffnen müsse, um einen beliebigen KrankheitSpro- zeß zu verhindern. Daß eine religiöse Motion für sich selbst berech­tigt sei, ist diesen Herren eine logische Absurdität.

Das italienische Volk war anderer Ansicht. ES erwartete von seinem französischen Papste nicht blos eine staatliche, sondern auch eine kirchliche Neuerung. Die staatliche Umwälzung, die erwarteten poli- tischen Rechte sollten lediglich als Position dienen, von der aus man den Krieg gegen daS päpstliche Regiment eröffnen wollte.

Eine Trennung deâ Staatâ von der Kirche ist im Kirchenstaate eine Tollheit. Die Forderung dieser Trennung ist an sich schon ein Mißtrauensvotum gegen daâ Regiment der Kirche. Es verhält sich hier gerade umgekehrt wie in andern Staaten. Bei unâ fordert man die Trennung der Kirche vom Staate, weil man im Staate selbst nicht mehr die heilige, unfehlbare, alles umfassende Macht erblickt, die der Staat für sich in Anspruch nimmt, weil man die Staatsgewalt, die Herrschaft auf ein Minimum beschränken, weil man die Anarchie einführen will. Im Kirchenstaate verlangte man umgekehrt die Tren­nung des Staates von der Kirche, weil man die Kirche nicht mehr als das belebende Prinzip der Welt anerkannte, weil man Verhältnisse annahm, über welche die Kirche leise Macht mehr haben sollte, weil man die kirchliche Herrschaft auf ein Minimum reduziren, weil man die Gesellschaft entklrchcn, vergottlosen, weil man die religiöse Anar­chie haben wollte.

Leuchtet das kill? Die weltliche Herrschaft deü Papstes ist nichts andcrcs als das Betriebskapital für seine geistliche Herrschaft. So­bald man das Volk zum Verwalter dieses Betriebskapitals einsetzte, brachte man nothwendig die^Kirche selbst in die Gewalt deS Volkes, machte man nothwendig die Kirche zur Dienerin des Volkes. WaS kann daS Volk dazu, daß sich Kirche und Staat in Rom so vollstän­dig identifizirt haben, daß cS jetzt eine Unmöglichkeit ist, die eine in absolutistischer und den andern in demokratischer Weise zu verwalten? Die Weltgeschichte ist leider nicht wieder rückgängig zu machen. Der zentralisirende, absolute, monotheistisch-pantheistische Geist, der als Staat, Souverän, Knute, Herrschaft, alles an sich gerissen und sich im Hein« stcn Gliede geltend gemacht hat, führt als seinen eigenen Schatten die totale Dezentralisation mit sich, die Auflösung der Herrschaft nach allen ihren Richtungen hin. Gerade wie in unsern Staaten die par­lamentarische Volksvertretung, die Steuerbewilligung ic. nichts anderes sind als doktrinäre Proteste gegen den Staat, die Herrschaft selbst, so war in Rom jede politische Reform ein Protest gegen die römische, bezüglich gegen die päpstliche Herrschaft als solche.

Die liberale Partei des Kirchenstaates, welche in Pio nono ihren Messias sah, war der Priesterherrschaft, deS PfaffenregimentS im Grund ihrer Seele satt und müde. Aber wie die ganze liberale Sippschaft Europa'ö verbarg sie ihre eigentliche Absicht hinter einem unschuldigen Zeldgeschrei, welches Hr. Rossi in den Vatikan kolportirte. Daâ naive

Volk versteht die liberalen Taschenspielerkünste nicht. Kaum hatten die liberalen Maulwürfe den Boden etwaâ aufgelockert, alâ die unter­irdischen Geister des Volks an die Luft stürzten und der ganzen Priesterherrschaft, der päpstlichen Unfehlbarkeit überhaupt de» Krieg erklärten.

Pio nono und seine Franzosen stutzten. Metternich rief abermals: DaS sind die Folgen!" Und der Papst kehrte auch in dieser Hinsicht ju den erprobten Prinzipien seines österreichischen Vorgängers zurück. Der Papst handelte in gutem Glauben. Er hatte, im Grunde genom- mvn, nichts gegeben und nichts versprochen, er war lediglich mißver­standen worden.

Mißverstanden zu werden, ist daö Traurigste, waâ einem Fürsten paffire» kann, es ist der Beweis für die fürstliche Unfähigkeit, für die Charakterlosigkeit und Feigheit der Souveräne. Mißverstandene Souveräne endigen gewöhnlich auf der Guillotine. Wenn Kaiser Nikolaus eine halbe Million seiner russischen Unterthanen nach Sibi­rien schickt, so macht daS nicht den tausendsten Theil des Effekts, als wenn Friedrich Wilhelm von Preußen die deutsche Kokarde verbietet oder einen verrätherischen Waffenstillstand mit Dänemark schließt. Friedrich Wilhelm gehört zu den mißverstandenen Fürsten, Pio nono ebenfalls. Friedrich Wilhelm sowohl als Pio nono werden einst nicht wegen ihrer Thaten büßen, sondern wegen ihrer Unterlassungösün- den, wegen der Hoffnungen, die sie leichtsinniger Weise im Volke erregt haben.

Daâ Schicksal deS Papstcâ und der römischen Kirche ist somit entschieden. Wir werden schließlich darthun, um welchen Preiâ der Papst das Volk von seinem Mißverständnisse kurirt hat.

Deutschland.

Kassel, 3. Mai. So hat denn auch Kassel, rsp. Wil­helmshöhe, die Ehre gehabt, von dem Schlampampen der Gothaer Eßkünstler beglückt zu «erden, von dem Bierfaß und Weinschlauch Soiron, dem ehrvergessenen, nichtswürdigen Toastausbringer auf Alles, was feine Heimath in Blut und Thränen gestürzt, was auf ihn selbst mit Stiefel» und Sporen herumgetreten, von dem patheti­schen Austern- und Pastetenverschlucker Riesser, von dem breitschna- bekigen, durchlöcherten Vinke und von dem dickleibigen Speisenver- tilger Dyrhn. Gestern haben diese F cunde der Fürsten und Feinde alle- dessen , waâ konsumirbar ist, einen ganzen Nachmittag damit zugebracht, unter unendlichem Fressen und Saufen unendliche Reden von sich zu speien; daS Publikum bildeten dir Henkels, die Redaktion der Neuhessischen, Hr. Hahndorf und einige Neugierige, im Ganzen 30 Personen. Die Gurgel Soironö soll auch diesem Gastwirth aus­nehmend gefallen haben, und er soll mit den Wirthen in Kösen und Nudelsburg, die vor einer Woche die Ehre hatten, von diesen Herren lecrgesoffen" zu werden, auSgcrufen haben:

Ich dachte, sie tränken Vieles, doch so viel hoffte ich nicht." Wir machen alle Wüthe ter Residenz, die mit etwas Gutem aufwartc» können, darauf aufmerksam, daß einige der berühmten Wurstmacher und Eßkünstler sich noch hier befinden. Es steht guter Verdienst be- vor; denn diese werthen Gäste und ReichStrvmpctcr pflegen während einer wohlbefetzten Tafel all' ihre Redensarten zum Besten zu geben, wodurch zugleich ein Besuch Neugieriger gesichert ist. Man bietet die oratorisch - gastronomische» Gastvorstellungen jedesmal im Wochenblatt anzuzeigtv. Leider soll Hr. Soiron auâ Furcht vor Mißhandlungen auf öffentlicher Siraßc das ReißauS genommen haben. Wir wünschen ihm in Baden eine doppelte Portion.

O Berlin, 1 Mai. Der gesunde Sinn der Berliner hat, wo er sich äußern konnte, richtig den Sieg davon getragen; die pro» jektirte GaSsteuer ist verworfen worden. Man erzählt sich, dir