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Dritter Jahrgang.

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K' 103. Kassel, Freitag den 3. Mai 1S5O.

Pins IX

1.

Die Reform ist die Revolution." Daâ war der einzige Grund, warum Metternich auS tiefster Seele eine jede, auch die unschuldigste Neuerung haßte und seinen Kaisern und Königen den nöthigen Abscheu vor einem konstitutionellen Staate beizubringen suchte.

Metternich hat Recht. Eine jede Reform ist ein Selbstmord der herrschenden Gewalt, eine jede Neuerung ist ein Geschenk ohne Gegen­geschenk, eine Ausgabe ohne entsprechende Einnahme, d. h. sie ist un­ökonomisch, verschwenderisch, sie ist der erste Schritt zum Bankerott. Ueber solche Wahrheiten braucht man nicht mehr zu streiten. Ein re- formlustiger Inhaber einer Herrschaft ist also eine sehr verdächtige Erscheinung, eine Erscheinung, die Einem, abgesehen davon, daß viel­leicht Lebensüberdruß nachgewiesen ist, immer die Vermuthung nahe bringt, daß der Reformer entweder ein sehr dummes oder ein sehr malitiöseS Subjekt sein müsse.

PiuS IX. ist sowohl dumm alâ malitiöS. Freilich wäre das Verschleudern der päpstlichen Herrschaft auf der einen Seite weniger unbegreiflich, als daS Verschleudern einer erblichen, privatrecht­lichen, monarchischen oder aristokratischen oder spießbürgerlichen Ge­walt sein würde, freilich hat der Papst weniger Rücksichten zu neh­men, als ein gesalbter oder ungcsalbtcr Familienvater, als ein mit Kindern gesegneter Fürst oder republikanischer Spießbürger, auf der andern Seite ist aber der Papst auch gar nicht Eigenthümer der päpstlichen Gewalt, sondern nur ihr Verweser, ihr Verwalter, der Papst ist überhaupt nur Statthalter. Dieser Umstand ist von solchem Gewichte, daß sich Piuö der Neunte durch seine Reformen nicht blos als dumm und malitiöâ, sondern als offener Kirchenräuber und Tein« pelschänder erwiesen hat.

Pio nono befand sich beim Besteigen des päpstlichen Stuhleâ in einer eigenen Lage. Der Kardinal Mastai Feretti hatte seine Erhc- bung zum Knechte aller Knechte lediglich den französischen Intriguen zu verdanken, deren Absicht war, die päpstliche Tiara den Händen Metternichs zu entreißen und zu den gestohlenen oder erspielten Klei­nodien des Pariser Bürgerkönigs zu legen. Der Protëgè Frankreichs mußte Reformen machen. DaS Kind deS Herrn Rossi mußte Herrn Rossi Ehre machen. Der Nachfolger Gregors deS Sechzehnten warf daS System seines Vorgängers über den Haufen und--reförmirte,

Sin Papst als Allst ührer! Natürlich dachte weder Herr Rossi, noch der ehemalige Mastai Feretti, noch der Schachcrjute in Paris daran, daß solche Reformen von Seiten deS Volkes ernsthaft genom­men wülden. Die französische Partei wollte in keiner Weise den Be­stand der päpplichen Herrschaft alteriren, daö monarchische Prinzip antasten, sie wollte lediglich einige Verwaltungsmarimen ändern, eine andere Buchführung einführen, die päpstliche Domänenwirthschast auf einen etwas moderneren Fuß setzen. LouiS Philipp hielt solche Neue- rungen für ganz unschädlich. Seiner Meinung nach mußte man mit der Wissenschaft svrtschre.trn. Warum sollte man nicht statt der Drei- feldciwirthschaft die Sechöfeldcrwirthschaft einführen, warum sollte man sich nicht zur Stallfutterung bekehren lassen? Genug, wenn man Do- mäncnbesitzcr bleibt.

Pio nono und seine Mäcene verrechneten sich. Einem Ochsen ist es freilich ziemlich egal, ob er auf der Wiese oder im Stalle fett wird, Wälder und Felder kümmern sich nicht um die Methode ihrer Ausbeutung, Völker sind aber leider weder Ochsen, noch Felder und Wälder. Eine neue Methode der Volküplünderung oder vktrvyirtcn Volköbeglückung pflegt gewöhnlich eine Untersuchung über den Rechts- gründ der Plünderung oder Beglückung selbst im Gefolge zu haben. Versteht ihr das? Begreift ihr nun, warum Metternich sogar in der

Verwaltung gegen Neuerungen war und selbst totalen Unrath Nicht beseitigen wollte?

DaS italienische Volk begrüßte die Neuerungen deS heiligen Va­ters mit Enthusiasmus. Es war der innigsten Ueberzeugung, daß den Verwaltungsneuerungen die Reformen in der Gesetzgebung folgen würden, daß man nächstens französische Kammern und dergleichen in Nom errichten würde. Alleâ, waS ein Italiener seither von Schönem und Herrlichem in seinem Vaterlande geträumt, weshalb er sich ver­schworen und verbündet hatte, wurde nun dem rebellischen Pio nono in die Seele geschoben. Pio nono wird'S machen! Es war derselbe Leichtsinn, dieselbe Schwindelei, dieselbe faule Zuversicht auf den Messias, die sich uns auch gegenüber dem Verräther Carl Albert produzirt haben.

Waâ konnte der Papst dazu, wenn man ihn zum Messias machte, wenn daâ leichtgläubige, arbeitsscheue italienische Volk über so ein paar wirthschaftliche Neuerungen außer sich gerieth, und sich den Him­mel auf Erden versprach? Der Papst steckte die Lobpreisungen und Hurrah's in die Tasche und . Es war doch eine fatale Lage, sich so unverdient anschreien lassen, das Volk noch weiter in seinen Hoffnungen aufmuntern zu müssen, um eS dann schmählich zu enttäuschen, auS allen Himmeln zu stürzen.

Metternich rief Sr. Heiligkeit zu:Das sind die Folgen! Ent­weder heißt'S jetztVorwärts" oderRückwärts" und zwar letzteres auf Kosten deS guten Rufes, der Liebe deS Volkes, vielleicht auf Kosten des heiligen Stuhles." Metternich hatte Recht. Eine Herr­schaft darf dem Volke nie zeigen, daß sie etwas kann. Die Staats­gewalt muß daS Volk stets in dem Glauben erhalten, die bestehende Ordnung sei ein Naturgesetz, über das selbst ein Kaiser keine Gewalt habe, daS sich beim besten Willen nicht ändern lasse. Die Staats­gewalt ist die größte, welche dem Volke weiß macht, sie sei außer Stande, zu rcformircn. In Metternichs Ohren ist jedes Hurrah, daS nicht dem Fürssen in der Weise gebracht wird, wie man sich in einer Familie beim Koffeetrinken einen guten Morgen wünscht, ein Gräuel. Andere Hurrah'S bedeuten, daß etwas passirt ist, worüber sich daâ Volk zu bedanken hat, und daS ist eine sehr bedenkliche Erscheinung.

Pio nono überlegte sich die Warnung Metternichs und von diesem Augenblick wurde daS Kind Rossi'S contrerevolntionär. Der Papst verwünschte alle Franzosen und kehrte renmüthig zu den Beschützern seines Vorgängers, zu den Kroaten und deren gutem Freund Nikolaus zurück.

Deutschland.

* Kassel, 2. Mai. Allgemeines Zähneklappern der Gothaer, der König von Preußen hat die deutsche Kokarde der Ersparniß Hal ber seinen Soldaten abgenommen. Der Ersparniß halber werden Sc. königl. Majestät auch dahin trachten, einige deutsche Regierungen und Kammern abzuschaffen und ferner, um Kosten zu sparen, das Erfurter Käsekasino mit dem preußischen Reichstag und den Vcrwaltuugörath mit dem preußischen Ministerium zu vereinen. Alleâ der Ersparnist halber, daMein herrliches Heer" jeden Groschen brauchen kann für Pulver und Blei. Seit gestern ist die kühne Linke von Erfurt mit den Hcnkelâ und Wippermanns hier eingctroffcn, um die Festessen hier nachzuholn, die der allzufrühe" Schluß der Erfurterei ihnen in Erfurt unmöglich machte, und einen Protest zu berathen, den sie nie­mals veröffentlichen werden.

* Maisch 2. Mai. Gestern in aller Frühe wurde der zu dreißig­jähriger Eisenstrafe verurtheilte Reservist Mante l durch GenSdarmen nach Marburg abgeführt; dennoch hatte sich eine nicht geringe Anzahl Männer eingefunden, die dem Transport stundenweit das Geleit gab, uni dem armen Märtyrer Beweise ihrer Liebe und ihrer Achtung zu gebeu»