Dritter Jahrgang
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W'lOl* Kassel, Mittwoch den 1. Mai 1S5O.
Die ConsLellationen
2.
„Rückwärts, rückwärts!" — rufen die verzweifelten Absolutisten, „rückwärts vor allem über die konstitutionelle Partei hinaus!" Gleich der Demokratie hat auch der Absolutismus seit Jahren an die Thüren der konstitutionellen Parlamente, an die Börsen und Banken geschlagen, und den Besitz reklamirt. Die konstitutionelle Partei wird von beiden Seiten alö böSgläubiger Besitzer behandelt. Es ist Aberwitz, Wahnsinn, wenn die konstitutionelle Partei in diesen verschiedenen Angriffen ein Argument für die Wahrheit und Wahrhaftigkeit ihrer Lehren findet. Oder kann der eigennützige Vater und Kindesmörder für seine Ehrlichkeit geltend machen, daß er von allen Seiten verflucht, verurtheilt wird? Der Beweis der Wahrheit liegt nicht in der Masse ihrer Feinde, sondern in den Gründen ihrer Feinde. Weiset nach, daß euch gegenüber die Absolutisten nicht im Rechte sind, weiset nach, daß die Demokratie nicht der ganzen Welt gegenüber im Rechte ist! Ein einziger Beweis für die dermalige Rechtmäßigkeit eures Besitzes, und wir legen die Feder nieder und werden konstitutionell. Kommt unö nicht mit dem Herkommen, mit dem Gewohnheitsiecht. Der Adel hat sich auch auf die Gewohnheit berufen, und ihr habt ihn doch gezwungen, sein Eigenthum abzulösen, d. h. sich plündern zu lassen. Es gibt kein GcwohnleitSrecht, bei dessen Fortbestand die Menschheit zum Bich verwildert, durch dessen Existenz das Geschäft des Würgengels für permanent erklärt würde.
Rückwärts also über die konstitutionellen Piraten, rückwärts über Frankfurt und Erfurt, rückwärts über alle konstitutionellen Fürsten und rückwärts bis zur totalen Sicherstellung des monarchischen Prinzips! Mit Hülfe der konstitutionellen Piraten sind die Demokraten geknebelt, auf den Boden des Schiffes geworfen, am Steuerruder ermordet, mit Hülfe der konstitutionellen Fürsten wird man die konstitutiv- netten Piraten binden , mit Hülfe der absoluten Tyrannen wird man die konstitutionellen Fürsten vernichten. Hier gibt's keine Schonung, kein Mitleid mehr! Das Bein vom eignen Bein muß zerschlagen werden, der Finger, der sie ärgert, muß abgehauen werden.
Von diesem Gesichtspunkt aus müssen die politischen Constella- tronen der Gegenwart betrachtet werden. Von diesem Gesichtspunkt aus müssen die vernichtenden konsequenten der Demokratie aufgcfaßt werden, dre alles Halbe und Falbe sich vom Leibe schüttelt, die sich
ö * Ü"'ir H"st verpuppt und in neuer Gestalt wieder frei macht, die mit jeder neuen praktischen Inkarnation der Contrcrcvolu- tion ",ne.neue theoretische Inkarnation durchmacht, die immer größer, gewaltiger, erhabener wird, je wilder, wüster, teuflischer ihr Gegner anstatt. Wenn d.e Contrerevolution am Ende ist ist die Demokratie auch am Ende Geschlagen und gefesselt hat sie in ihrem H.rn den ganzen Feldzug der Gegner Mdurchgemacht, - eine furchtbare Arbeit! - hat sie ihre Feldherrn gebildet und ihr System voll- endet. Jeder Schritt der Contrerevolution war die Korrektur dieseâ Systems, die erste Ausgabe des neuen absolutistischen Gesetzbuchs ist zugleich die Reinschrift des demokratischen Glaubensbekenntnisses.
Ohne jenen Gesichtspunkt ist ein Verständniß der gegenwärtigen politischen Konstellationen geradehin unmöglich. Weder die Taktik der Demob atie ist begreiflich, noch sind es die Manöver der Absolutisten. Sollen wir flehen bleiben, während die Absolutisten bis zur letzten Grenze ihrer Doktrin vorschreiten? Wollt ihr mit euern Stecknadeln gegen Kettenkugeln kämpfen? Oder glaubt ihr nicht an die Energie ter Contrerevolution?
Ihr habt die schönsten Anlagen zum konstitutionellen Vertrauen! Als die Demokraten gcstandrechtct wurden, rief die konstitutionelle Partei: „Bravo!" Keine dieser unschuldigen Seelen glaubte, daß
in Erfurt sich das Schauspiel von Frankfurt wiederholen würde. Keine Seele will jetzt glauben, daß hinter den Erfurter Ideen noch andere Ideen liegen, die man köpfen muß, ohne der Revolution abermals einige Segel zu lassen. Ihr werdet'â aber erleben.
Wir haben euch gesagt, daß die Wolken noch nie schwerer über Europa gehangen haben, als eben jetzt. In Nr. 99 dieses Blattes sind mit Rücksicht auf einen Artikel der „Nationalzeitung" die Pläne der Reaktion gegen Frankreich besprochen worden. Diese Pläne sind aber nur die Begleiter ganz anderer Pläne. Oder seht ihr nicht die Bockssprünge deâ Königs von Preußen, bemerkt ihr den Veitstanz nicht, daö Rennen und Jagen der kleineren Fürsten, beobachtet ihr nicht daS Luftschnappen deö Königs von Sardinien, seht ihr nicht die heillose Angst dcâ allerheiligsten Papstes, verfolgt ihr nicht daâ Wanken der türkischen Pforte, habt ihr kein Auge für daâ Schütteln deâ englischen Dreizacks, sucht ihr keine Erklärung für die wahnsinnige, launenhafte Politik deS französischen Vagabonden? Eâ ist mehr in der Luft, als die Restauration der BourbonS, verlaßt euch darauf. Wie gegen ein unsichtbares Gespenst, wie unter dem Gewicht eines Alps, schwankt und schüttelt sich der König von Preußen von einer Seite zur andern, wirft sich der König von Sardinien, der Papst, werfen sich alle kleine Fürsten Deutschlands umher. Wenn es möglich wäre, dem Dämon zu entkommen, der König von Preußen, von Sardinien, der Papst würden es versuchen. Der Teufel hält aber, wen er hat. Der König von Preußen taumelt in seinem Erfurt, wie ein Betrunkener. Der König von Sardinien wälzt dem Teufel und seinen Genossen liberale Barrikaden in den Weg, der französische Va- gabond wirft sich zu Zeiten in die Höhe, wie ein Besessener, der Papst bat keinen Boden mehr unter seinen Füßen, — — — waâ heißt daS, was bedeutet das? WaS heißt daS, wenn die „National- zeitung" sagt: für den großen Zug gegen Frankreich werde man Preußen mit der Besetzung Deutschlands, Sardinien mit der Besetzung Italiens beauftragen? Warum gerade Preußen und Sardinien? Haben diese Staaten noch Klang unter ihren Schwcsterstaatcn? Preußen hatte sich an die Spitze der nationalen Bewegung Deutschlands, Sardinien an die der nationalen Bewegung Italiens gestellt, — — soll Italien und Deutschland unter dem Deckmantel deS Liberalismus zum Schergcndicnste gegen Frankreich benutzt werden?
Ja, aber weder Preußen noch Sardinien werden den Lohn davon haben. Den Lohn werden die Kosaken und Kroaten davon tragen, von denen die einen nicht wieder aus dem preußischen Deutschland , die andern nicht wieder auS dem sardinischen Italien weichen werden. Versteht ihr? DaS ist der eigentliche Plan der Contrcrevo- lution, ohne welchen alle andern Pläne gleich Null sind. Begreift ihr nun die Todesangst und die Seelenpein der preußischen und sardinischen Majestäten, begreift ihr nun daS plötzliche Umschlagen der Po- litis dieser Reiche, ihr Gelüste, sich durch einen gemeinschaftlichen Bund gegen den gemeinschaftlichen Feind zu rüsten, ihr plötzliches Verzweifeln an dem Erfolge eines solchen Bundes und daS deShalbige Auf- geben desselben? Begreift ihr nun daö ganze Schwanken und Schaukeln unserer deutschen Politik? Nicht blos der Fürst von Waldeck, auch der König von Preußen, auch der König von Sardinien kämpfen pro domo, für'â eigene Haus. Oesterreich hat bereits kein eigenes Haus mehr. Seine einzige Politik ist die, nicht allein, sondern in Compagnie zum Teufel, d. h. in die russische Vasallenschaft zu fahren. Der König von Preußen und andere seiner College» möchten sich um HimmelSwillen vom russischen Alpe frei machen, aber eS geht nicht. Es geht nicht ohne die Revolution, und die Revolution kennt kein eit König von Preußen.
Die Freiheit ist einig und untheilbar, die Tyrannei ist eâ auch. Kann sich Rußland Angesichts dieser Wahrheit um die souveränen Gelüste Preußens, Sardiniens, deS Papstes kümmern? Und kveun did