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Dritter Jahrgang.

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pedition (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen, Inserate die dreispaltige Petit-eile 8 Hlr.

nr 1OO

Kassel, Dienstag den 30. April

1850.

Für Kassel und die Umgegend

werden in der Expedition dieses Blattes, obere Entengasse Nr. 132, sowie bei den Herren Buchhändlern I. C. I. Raabe u.

Comp., W. Appel und D. Gottschalk, Abonnements pro Mai und Juni zu 16 Sgr. angenommen.

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Die Constellationen

L

Niemals, seit drittehalbhundert Jahren, hingen die Wolken so schwer über Europa, als setzt. Die sogenannte Ruhe ist Schein, die anscheinende Erschlaffung der Völker ist nichts als die Folge der Ue­berzeugung, daß man von der 1848er Revolution gewaltsam oder un­bewußt in ein Meer von Möglichkeiten und Nothwendigkeiten getrie­ben sei, für das eS noch keinen Kompaß und keine Karte gebe, von dem man nichts wisse, alö daß eS seine Stürme und seine Felsbänke habe. Daher die fieberhafte Arbeit der Geister, daher das Auslugen nach Inseln und Inselchen, daher daS Gewicht, das von manchen Sei­ten auf einen Strohhalm, ein schwimmendes Blatt gelegt wird. Da­her die Masse von Prosekten und Rcttungöplänen, daö Anempfehlen von Nothankern und das Zudrängen der Lootsen, daher von der einen Seite der verzweifelte Ruf nach Rückwärts, Rückwärts, und von der andern Seite der eben so energische Ruf nach Vorwärts, Vorwärts!

Ein Stehenbleiben ist unmöglich, mit Wind und Wellen läßt sich kein Waffenstillstand schließen. Der einzige Hafen, der zur Hand ist und den die konstitutionelle Partei anempfiehlt, ist kein Hafen, sondern eine Räuberhöhle, ein Hafen ohne Raum und Wasser. In diesem Hafen würde Mord und Todtschlag geben, man würde sich todt- schlagen um daö tägliche Brod, man würde sich um der Ruhe und Ordnung willen genöthigt sehen, die Mannschaft zu dezimiren und abermals zu dezimiren, alltäglich Hunderttausende auf daö offene Meer hinauszustoßen, und daö alles würde vergeblich sein, man würde die Menschen hingeschlachtet haben und schließlich doch wieder in daö Wetter hinaus müssen, wieder ohne Kompaß und Karte, wieder ohne Sooifen und Nothanker.

Vorwärts oder rückwärts! Lieber todt, alâ in dieser verzweifel­ten Ungewißheit, in dieser unerträglichen Spannung. Die Demokratie und der Absolutismus haben ihren Entschluß gefaßt. Die eiserne -Nothwendigkeit, die zwingende Pflicht der Selbsterhaltung haben die­sen Entschluß diktirt.

Die Demokratie will vorwärts. Die ungeheuere Masse der Armen, Unglücklichen, Verstoßenen, die Masse derer, die ihr Gesindel nennt, von der ihr faßt, daß sie nichts zu verlieren habe, ist innig überzeugt von dem ihr inne wohneneen Geist des Kolumbus, sie will vorwärts, durch Hunger und Noth, durch Blitz und Donner, bis sie ihrLand! Land!" rufen kann.Die Demokratie hat nichts zu verlieren!" Ein wahnsinnigeres, empörenderes, sich selbst vcrdammen- dereS Wort hat die konstitutionelle Partei noch nicht gesprochen. Also, weil daöGesindel" nichts zu verlieren hat, weil ihr den Armen Alles genommen habt, bis auf daö Leben, weil ihr jetzt auch die Hand an eben dieses Leben legt, deshalb soll die Demokratie verzich­ten auf ihrvorwärts!", auf ihren Ruf nachLand! Land!"? Weil daSGesindel" nichts hat, weil dem Elend, der Verzweiflung, dem Hungertode preiögegeben ist, deshalb soll eS nie etwas haben wollen, deßhalb soll eS schweigend verhungern, schweigend verblu­ten?Wer nichts hat, dem wird auch daö genommen, waö er hat." Wie nun, wenn dasGesindel" antwortet:Weil wir nichts haben, wollen wir uns etwas erobern!"?

Die Demokratie will vorwärts, weil siedas Gesindel" nicht

sterben lassen will euch zu Liebe, weil sie es nicht darben lassen will, damit ihr eure Scheunen und Lager füllt. Warum ruft ihr dem Gesindel" nicht zu:Bleibt hier, wir wollen zusammen leiden, zu- fammen sterben, wir wollen mit euch unser Brod brechen, wir wollen gemeinschaftlich arbeiten und glücklich sein"? Ihr wollt nicht, ihr könnt auch nicht wollen, denn sonst wäret ihr eben nicht, was ihr seid. Ihr habt dasGesindel" in das Elend gejagt und rechnet ihm die­ses Elend zum Verbrechen an, ihr habt ihm alles genommen, bis auf daS Leben, ihr habt ihm auch das halbe Leben genommen und ver­flucht nun daö verzweifelte Ringen der ertrinkenden Armuth nach Land, Laud!". Ihr seid keine Menschen, ihr seid Teufel, Canaillen!

DaSGesindel" hat aber noch etwas zu verlieren. DaS Ge­sindel hat noch den Rest des Lebens zu verlieren, den ihr ihm ge­lassen habt, es hat noch seinen Glauben an die Menschheit zu ver­lieren, es hat noch seine Hoffnung, seine Träume, den letzten Sonnen­strahl zu verlieren, der in seine Augen fällt. Ist das nichts? In eueren Augennein!" Waö liegt am Leben, an so einem elenden, jammervollen Leben, was liegt an der eiteln Hoffnung, was liegt an einem albernen Traum von besseren Tazcn, waâ liegt an dem Son­nenstrahl, der mit aller Gier eines verzweifelten Herzens cingesogen wird? Wer nichts hat, der soll auch das verlieren, waS er hat." Ihr kennt keinen andern Besitz, als daS Geld, de» Mammon , die Basis des Wuchers, des Todtschlags! Aber hört! DaSGesindel" hat noch mehr zu verlieren. Es besitzt noch seine Mäßigung, seine Enthaltsamkeit, seine Bruderliebe, seine Barmherzigkeit. Hat daS Gesindel" nichts zu verlieren? Soll eS dieses sein Eigenthum auch noch hingeben? Wollt ihr? DaöGesindel" will vorwärts, weil nicht gern daö verlieren möchte, waö eS sich noch gerettet hat, sein Herz seine Bruderliebe!

Wir sind von unserm eigentlichen Thema abgeschweift. Aber wir wollen noch weiter abschweifen. Wer hat jetzt Zeit zu der ge­wohnten Dressur der Gedanken? Ihr glaubt die Demokratie in den Koth zu treten, indem ihr die Reihen unserer Anhänger mustert, indem ihr die Mörder und Spitzbuben alö ähretreuesten Anhänger" hinstellr. Fahrt nur so fort. Lügt ruch nur immer vor, daß die Demokratie kein Produkt der Logik, deö Geistes, deü Herzens sei, sondern eine Ersindung zur Rechtfertigung der Gauner und Verbrecher! Fahrt nur so fort! Die Demokratie antwortet euch, daß eure Religion, eure Philosophie, eure Kunst, eure Wissenschaft auch nichts Anderes sei, als eine Beschönigungölchre für den Diebstahl, für die Gaunerei, für den Mord und Todtschlag. Fahrt nur so fort! Zwingt nur die De­mokratie zu den äußersten Konsequenzen, zwingt sie nur, sich auch der gemeinen Verbrecher anzunehmen, auch im Namen der Spitzbuben Protest gegen eure Gesellschaft ei»zulegen. Womit ihr euch zu retten glaubt, ist euer Tod.

Die Demokratie fürchtet sich nicht. Sie weiß, daß euer Fanatis­mus der Fanatismus der Verzweiflung, daß eure Wuth ohnmächtig ist. Mit jedem Tage, mit jedem weiteren Rechtfertigungsgrund für euren gesellschaftlichen Zustand fallt ihr immer mehr mit jenem Lum­penproletariat zusammen, daS ihr unS aufoktropiren wollt, mit jenen böswilligen Verbrechern, die von keiner gesellschaftlichen Idee getragen werden, die einzig und allein für ihre Habsucht, ihren Eigennutz, ihrd Lüste und Leidenschaften arbeiten. Versteht ihr daS? Bis vor we­nigen Jahren war euer Wucher und Schacher kein Schacher und»