P rittet Jahrgang.
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Petition (obere Entengasse Nr. 132) zu t> Hir. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
IT'-MS. Kassel, Sonntag den 28. April 1850.
Für Kassel und die Umgegend
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Die Pläne der Reaktion gegen Frankreich.
Die Berliner „Nationalzeitung" hielt in einem Leitartikel vor einiger Zeit große Heerschau über die gewaltigen Streitmassen deâ europäischen Absolutismus; — sie brachte heraus, daß binnen wenigen Wochen 500,000 Mann mobil sein können zur Invasion in Frank- reich, und daß diese Massen binnen kurzer Zeit bis auf 800,000 Mann vermehrt werden könnten, während noch so viele Truppen übrig bleiben, um Deutschland und Italien, Polen und Ungarn besetzt zu halten und jede Bewegung im Keim zu ersticken. Frankreich würde diesen Armeen gegenüber einen Übeln Stand haben, da eâ viel zu lange gesäumt hat, sein Inneres mit Eisenbahnlinien zu durchziehen; nur mit der furchtbarsten Anstrengung vermag eS, seine Truppenmas- sen an den bedrohten Punkten zu konzentriren, während die Invasion von allen Seiten gleichzeitig beginnen würde. Radetzky würde mit 120,000 Mann im Süden einfallen, während Piemont Italien besetzt hielt____Preußen mit 200,000 Mann im Norden, während Rußland als Reserve in dem gefährlichen Schleswig-Holstein und in Preußen selbst stehen winde u. s. w. Wir glauben zwar nicht, wie die etwaâ ängstlichere „Nationalzeitung", an die nahe Ausführung eines solchen Planes, der das Schicksal der Dynastieen Europa'ü mit einem Wurf auf's Spiel setzt und in einem Augenblick alle Throne umstürzen könnte: — daß aber solche Pläne geschmiedet werden, und daß die rothe Monarchie die Ausführung derselben nicht für unmöglich hält, dringt sich auch uns auö allen Beobachtungen mit stets neuer Gewalt auf. —
Für die Erfinder und Lenker dieser Plane müssen wir Metternich, Louis Philipp und Guizot, und den Czaar Nikolaus ansehen, — der Knotenpunkt, um den eö sich handelt, ist Frankreich, ist Paris, ist die Wiedereinsetzung des Königthums und die Vernichtung des Sozialismus. Es ist erstaunlich, wie sorglos die radikale französische Presse über die Anzeichen dieser dynastischen Verschwörung, über die vorbereitenden Zuckungen einer drohenden Erschütterung hinweggehen, während unter ihren Augen die rothe Reaktion mit unerhörter Frechheit den Verrath am Vaterland uno eine Invasion wie 1792 und 1815 alö einzige Rettung vor der Anarchie und dem Sozialismus anpreifit! — Stolzes Frankreich, bedenke, daß du am Busen den Verräther nährst, der in deine eignen Glieder meuchlings in der Schlacht den Tod senden wird, im Bündniß mit deinem Feinde. — Nicht von Außen kommt, in Paris wohnt dein Coblenz, dem du diesmal allzu großmüthig Leben und Macht gelassen. Baue nicht auf die Zwietracht deiner Feinde! Daâ Schicksal deiner Republik kann sich erfüllen, wie das der englischen im Jahre 1GGO. Wie Richard Cromwell, der elende feige Nachkömmling des großen Gewalthabers, ist dieser Loui- Napoleon gebrochen von jugendlichen Ausschweifungen, unfähig erhabener Gedanken und großer Entschlüsse; wie jener armselige Sohn seines Vaters, wird der Neffe seines Onkels untergehen ohne Kampf und ohne Ruhm. Soll er, wie sein jammervolles Vorbild, die Freiheit selbst mit in seinen spurlosen Untergang hinabstürzen? — ES sihlt nur ein Monk, ein bornirter kühner General, ein Herz voll Unterthancntreue und eine brutale Lakaienhand, die daö Schwert zu führen weiß, — und die Soldaten zur blinden Nachfolge zu entflammen und Präsident und Republik sind verloren. Man sagt, daß
Changarnier nicht abgeneigt sei, diese verrätherische Rolle zu spielen. Am meisten machte bis jetzt einen solchen Staatsstreich der Zwiespalt unmöglich in der Dynastie selbst und unter ihren Anhängern, der Zank zwischen Orlcanisten und Legitimisten. Der schlaue LouiS Philipp sieht ein, daß diesem Hader ein Ende gemacht werden muß, wenn der Sieg nicht unrettbar verloren gehen soll, denn täglich, stündlich steigt die Macht der Sozialpartei, der rothen Republik, — das Heer wird in* fizirt, daö Landvolk in die Bewegung gezogen. Er denkt deshalb an Entsagung seiner Rechte, er denkt an die Vereinigung der Parteien des Königthums, eh' jener Lasse die Zügel der Herrschaft verliert, die man seiner Hand entreißen muß. — Denn die rothe Republik läßt nur unter furchtbarem Kampfpreiâ, was sie ergriffen. — Also Eile! Deshalb läßt LouiS Philipp einen Brief von sich auâ dem Jahre 1830 publiziren, den er in den Julitagen als Regent an den flüchtigen Charles X. geschrieben, in welchem er erklärt, daß er seinem Könige treu bleiben und jede Macht, die man ihm etwa aufzwinge, in seinem Interesse verwalten werde. ES kann sein, daß der Brief nicht erfunden ist, daß der heuchlerische Schurke ihn wirklich verfaßt hat — aber daß er jetzt publizirt wird, geschieht nicht ohne seine Zustimmung, nicht ohne wohlberechneten schlauen Plan. Gestützt auf diesen Brief, wird Louis Philipp seinen Ansprüchen entsagen, und seine ganze Regierung als eine Stellvertreterschaft auSgeben, er wird nur konsequent zu handeln vorgeben , wenn er sich selbst und seine Linie dem Vorrecht Hrnri'ü V., des Grafen von Chambord, unterordnet. Er bekennt lieber sein ganzes Leben für Heuchelei, als daß er sein Alter demüthigte durch Widerruf. — Glaubt ihr, daß man mit diesen Plänen blos in Claremont und Frohdorf vertraut sei? Dann müßte die alte Diplomatie und ihr Großmufti Metternich nicht mehr leben. Nicht umsonst sitzt Hr. Metternich in Brüssel, in der nächsten Nähe des Vulkans, dessen furchtbarer Ausbruch ihn von Wien nach England geschleudert; — hier lauscht er auf den Pulsschlag Europas an dem elektrischen Telegraphen, der von Paris nach Petersburg führt. Hier berechnet er die Züge seines Schachbretts und punk° tirt die Positionen seiner Kriegs- und Schlachtkarte, und der Czaar aller Reußen läßt nach seinen Augurationen seine Baschkiren und Ko- fasen manövriren und bereit stehen. Glaubt man, daß der Czaar ohne gute Gründe in Polen lagern läßt, und an den Gränzen Bivouaks aufschlägt; glaubt man, daß man auö Scherz in Wien, Berlin, München rc. rüstet, Anleihen kontrahirt und Kreditverwilligungen für die Bedürfnisse deö Heereö verlangt? All' jener kleine Hofhader, aller Erfurter- und JnterimSzank wird wie ein Nebel vor dem ersten Kanonenschuß in Paris verschwinden, wie der kleine Streit um Land und Leute auf dem Wiener Kongreß vor der Landung Napoleons auâ Elba. GuizotS Anwesenheit in Paris ist von der größten Bedeutung, er ist der Mann, um Metternichs Pläne zu stützen, um Anknüpfungen für sie in ihrem Mittelpunkt aufzufinden. Seine innere, unumstößliche Ueberzeugung ist, daß Frankieich zur Republik gezwungen ist. — „Von allen Regierungösystcmen aber, schreibt er, ist daö republikanische sicherlich daS, welches die allgemeine und freiwillige Beistimmung des Landes am nothwendigsten braucht." — „Monarchische Staaten, die mit Gewalt gegründet sind, kann man sich denke», man hat dcreu gesehen; aber eine Republik, die einer Nation aufgedrungen wird, eine volköthümliche Regierung, die gegen den Wunsch und Trieb des Volkes begründet wird, verletzt ebenso den gesundes