Pritter Jahrgang.
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Jj'. »7. Kassel, Freitag den 26. April 1830.
Für Kassel und die Umgegend
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Haß und Liebe
Unter dieser Überschrift bringt der Vilmar'sche Volksfeind in Nr. 3 t und 32 eine Abhandlung, worin er mit der Gabe der Prophetie sein und seiner Muckerfreunde trauriges LooS vorauSver- tüntet. Wir konnten Hrn. Vilmar unsererseits Voraussagen, haben auch hier und da solcherlei Andeutungen nicht unterlassen, daß in Kassel eine gar nüchterne Luft weht für seine Gefühlöraserei und sein wüthend, frommes Zähnezusammenbeißen. Hr. Vilmar hat ehemals gar einen hohen Begriff von der Gottbegeisterung deS Herrn Hassen- pflug gehabt, wie es scheint; — er hat bei Sr. königl. Hoheit ein gar stolzes Bewußtsein der Gotteögnadenschaft und eine gar heilige Sohnschaft Christi zu finden gehofft; - er hat auf eine sehr gläubige, dem Herrn der Hccrschaaren und seinem Auserwählten sehr treu- ergebene Beamten- und Trabantengefellschaft gerechnet; — rr hat an die schleunige Wiederkehr altgermanischer Liebe und Vasallentreue, an die Herstellung des tausendjährigen Friedcnèreicheö geglaubt und an seine eigene Kraft, in dessen Dienste sofort den siegreichen Glaubensstreit beginnen zu können. Die gute schwärmerisch-rasende Seele mag in aller Eile allerliebste Erfahrungen und Aufklärungen in allen dic- scn Punkten erhalten haben, seitdem sie das Glück hat, jeden Tag und zu jeder Stunde Herrn Hassevpflug in Frack und weißer Hals- binde ihre Aufwartung machen zu müssen, nachdem sie Se. königliche Hoheit etwas in der illusivnSseintlichcn kammeidienstlichen Nähe kennen gelernt, und die Schaar seine, Diener und feine nächste Umgebung genauer studirt hat. Ihr hochgestimmtes Saitenspiel, auf welchem sie in F-Dur die Sicgcöpsalmen Davids, des Knechts Gottes, über die Heiden, Philister und Kananitcr zu singen pflegte, ist plötzlich um einige Töne herabgesunken und der trunkene Jubel über den nahenden Sieg der Muckerschaft wird plötzlich zum obligaten Moll - Jammergehcul, wird zu den verzweifluugövollen Klageliedern Jercmiä über den Fall der heiligen Hicro,olyma. — O Prophet Vilmar, Du Knecht GotteS, daß Du geblieben wärest, wozu Dich der Herr, Dein Golt, berufen, — geblieben ein heiliger Schulmeister in der sündigen Stadt BayrhofferS, um die leichtfertige Jugend vor den Schlingen des Antichrists zu benahrcn, — daß Du geblieben wärest in der gottlosen Stadt Marburg, um zu brüllen gegen den Bösen, der umherschlcicht zu verschlingen die Gerechten, - daß Du geblieben, was Du warst, daS heilige glaubenSeifrige Haupt verrückter Landpastore und einiger dummer Schulmeister, ihrer Bedienten! In der Mitte Deiner gläubigen Getreuen konnte Deine Seele dem Herrn ungestört lobsingen, konnte mit Hoffnung Deine Jünger speisen. Aber ach, in dem Residenz - Palaiâ Sr. königl. Hoheit und im Vorzimmer seines erhabenen VezirS Hassenpflug hat der Glauben zuweilen ein höchst schwindsüchtiges Aussehen, das auf die berühmte Treue höchst niederschlagend zurückwirken soll und der Hoffnung manche bittere Stunde bereitet. — In einer dieser bittern Stunden, wo die Seele des Gläubigen sich an die Wasser von Babel versetzt träumte, nahm der Prophet seine Harfe auâ den Weiden und hob an zu spielen; folgenden kläglichen Klaggesang vor dem Herrn sang seine jammernde Seele:
„Wie lieget die Stadt meiner Mucker, wie lieget mein China so wüste, daö voller Volk war! Ich weine des NachtS, daß wir die
Thränen über die Backen laufen. Der Herr hat ein Feuer auS der Höhe in meine Beine gesandt, er hat meine Füße mit Netzen umstellet und mich zurückgeprellet. (Jeremia's Klagelieder i. Kapitel.) Ich bin ein elender Mann, der die Ruthe seines GrimmS (Hassenpflug) sehen muß. Er hat mich geführt und mich gehen lassen in Finsterniß und nicht in Licht. Er hat mein Fleisch und Haut alt gemacht (warum kommst Du nach Kassel!) und mein Gebein zerschlagen! Er hat mich verbauet und mich mit Galle und Mühe umgeben. Er hat mich vermauert, daß ich nicht herauskann (mein Gott! warum wirst Du denn Ministerialreferent!). Und wenn ich gleich schreie und rufe, so stopfet er die Ohren zu vor meinem Gebete. Er hat auf mich gelauert, wie ein Bär (Gotteslästerung!). Er lässet mich des WegeS fehlen (fahr' auf der Eisenbahn! — zurück nach Marburg!). Er hat mich zerstücket; ich bin ein Spott all' meinem Volk und selbst der Hornisse, und täglich ihr Lieblein. Meine Zähne sind zu kleinen Stücken zerschlagen — ich bin in Bitterkeit, in Wermuth-, in ingrimmigem Zähnezusammenbeißen! (Klagel. Jerem. 3. Kap.)" —
Ich kann den Jammer nicht länger anhören! Der arme Jeremias - Vilmar sieht seinen und seiner Mucker Untergang, und wie die gräulichen Demokraten knirschend die Zähne über ihnen zusammenbei- ßen werden. Eö ist furchtbar! Eine große Hadrianische Christenver- folgung (soll heißen Muckerverfolgung) wird angehen, so prophezeit: er. Er sieht die Demokratie wie eine wilde Bestie nach dem feisten muckerischen Fleisch die hungrigen Zähne fletschen und wetzen, wie die Bären und Wölfe nach dem Blute deS heiligen Stephanus-Vilmar lechzen, wie die Hyänen nach seinem Leichnam. Ich werde mich hu- ten, ihm diese allerliebste entsetzliche Angst zu nehmen. — O Gott bewahre! — Es kann sein, daß ihm diese Angst zum Durchbruch verhilft und zur Genesung. Ja, meine Herren Mucker, es verhält sich wirklich so. Wir trachten ebenso nach eurer Vernichtung, wie ihr nach der unsrigen, ihr nennt nur euere Wuth, euren Haß spaßig genug Liebe und Gebet, und unser Rüsten den Haß. Wir können euch versichern, daß wir euch nicht im mindesten hasse», da wir euch für verrückt halten, und daß wir bereit sind, euch zu vernichten nicht mit dem Vilmar'schen Zähnezusammenbeißen und wie rasende Bestien, sondern in größter Gemüthsruhe, mit der klarsten Besonnenheit und Kälte. Wir wollen euch nicht vernichten auö Laune, auS dunklem Instinkt, sondern im Dienst der Nothwendigkeit- der menschlichen Selbstbefreiung, die ein und für allemal euere Partei los sein muß oder mindestens unschädlich machen. Ihr müßt ausgeschnitten werden auö dem Organismus der Gesellschaft als aa- gefaulte Glieder, vor allen Dingen aber, wenn ihr eâ wagt, um euch, zu fressen und mit eurem Elder den ganzen Körper zu beherrschen und zu erfüllen. Wir sind eure Chirurgen, eure Henker, wenn ihr wollt, - aber eure Feinde, wie ihr das versteht, Feinde, dir fich auf kur Straße anjpuckcu oder anrennen, oder sich hinterrücks die Ehre ab- schneiden, oder sich, wie die Fischweiber, die Haare zerzausen, wo sie aufeinandertreffen, oder die sich beim Kaffeeklatjch um Leben und Reputation bringen, — solche Feinde sind wir euch nicht. Wir betrachtet» euch einzeln als die geeigneten Cadaver, an denen wir unsere chirurgische Kunst üben; wir drehen euren Verkehrtheiten d-n Hals um, wir feyren eure Halluzinationen, wir nehmen euch das Herz auâ dem Leibe und zapfen ihm daS geronnene Blut ab, bringen dieses unter die Lupe und suchen nach den Teufelskügelchen, die euch so viel Br-