Dritter Jahrgang.
pedition (obere Entenqaffe Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
Greint täglich, Montags ausgenommen Vierteljährlicher Abonnememspreiè 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er-
o r N i s s e.
M- 9«
Kassel, Donnerstag den 25. April
1850
Die Offenbarung des Menschen
3.
DaS innerste Wesen der Wahrheit treibt sie rastlos, sich selbst zu enthüllen, ohne Scheu, ohne Rücksicht vor Anstoß und sogenanntem Aergerniß. Die Praxis der Wahrheit ist die Wahrhaftigkeit; sie versteht keine andere. DaS eben ist der Fluch, den die Jahrhunderte euren Seelen aufgewälzt, daß sie nicht wagen, ihrem innern Mahnex zu lauschen, daß sie ihn unterdrücken den Schrei der Verzweiflung, den Ruf nach Rettung, daß sie ihn ersticke» den glimmenden Funken der durchdringenden, scharfen Selbsterkenntniß. — Zudem wir diesen Alp von unserer Seele abschleudern, handeln wir nur im Dienst der Nothwendigkeit selbst. Eö gibt nichts Höheres als die Wahrheit. — ES gibt keine äußere Nothwendigkeit, welche ihr Bekenntniß verhindern oder unterdrücken könnte. Im Bewußtsein ihrer unbesiegbaren Gewalt stellt sie sich hin; cs gilt ihr gleich, ob sie angefeindet wird bis auf den Tod, oder angebctet als rettender Engel. Sie muß sich selbst genügen in ihrer äußern Offenbarung. — Freilich die Rücksichtslosigkeit dcS Bekenntnisses ist den Seelen, die in den ZwangSjeckcn deS alten PolizeistaatS stecken, — ein Gräuel, ein furchtbares Unheil, ein Entsetzen. Die Polizeidiener deS StaatS, die Po- lizcidicner der Kirche, die Pfaffen, erheben ihr Zetergeschrei, und die kleinmüthigen Herzen ihrer Sklaven verschließen sich auf ihren Poli- zcibefehl vor der erschütternden Wahrheit, — verschließen sich in kindischer Augst, um nicht auS dem thierischen, bewußtlosen Halbschlaf gestört zu werden, in welchen ihre politischen und religiösen Vormünder sic eingepfercht, — um nicht in ein Leben voll Unruhe, voll Energie, roll Selbstthätigkeit und gewaltiger Kraftentwickelung gestürzt zu werden, vor dem ihre faule Feigheit nur beim leisesten Anhauch zu- sammenschrickt und erzittert. — Und selbst die Männer, die gewohnt sind, ihren rebellischen Gedanken Audienz zu geben, und ihren eigenen souveränen Kopf zu haben, nach dem sie ihr Herz zu meistern pflegen, selbst solche Männer sind im Stande, uns mit einem ängstlichen Halt! anzurufku. ES sind die Männer der RücksichtSnahme, der Vermittelung, der langsamen Entwickelung, — die Männer der Praxis, wie sie sich selbst vorzugsweise so gern nennen. Diesen Männern gegenüber stellen wir die Behauptung auf, daß wir gerat»’ die Männer ber Praxis sind. — Wir sagen die Wahrheit, — die volle, ohne Rückhalt! — Wir haben niemals nöthig zu heucheln, zu deuteln, zu intcrpretiren, uns den Rücken zu decken, zu beschönigen, oder zu widerrufen. Man wird niemals erstaunen über unsere Handlungen, denn man kennt unser Ziel. Ist daS nicht eine höchst günstige, eine höchst praktische Stellung, nicht für unS alö einzelne Personen, sondern für unsere Sache selbst? — Man mag und im ersten Schrecken verläum- den, hassen und verstoßen, unser Bekenntniß bleibt dasselbe, — cö dringt mit unwiderstehlicher Gewalt in die bang widerstrebenden Herzen, — ed zehrt mit vernichtender Kraft an dem Vorurtheil, an dem Aberglauben, der sich dort eingenistet. Und jeder einzelne Schritt, um der alten Welt zu entrinnen, ist ein Schritt für die neue, — ein Schritt zur Befreiung, zur Offenbarung de6 Menschen. — Es gilt und gleich, wann wir zu dieser Offenbarung der Gesammt- Heit gelangen! — Wir predigen für jeden Einzelnen die Pflicht, in sich nach diesem Ziele zu streben. Wir verlangen von der Demokratie, d. h. von der Partei, welche sich die Erlösung deS Menschen auf Erden zum Ziel gesetzt, daß jeder Einzelne derselben sich löse von den Ueberlieferungen der Vergangenheit, daß er zur Erkenntniß gelange, wie diese Begriffe sämmtlich von Menschen selbst, unbewußt oder bewußt, gebildet sind, also von ihm jeden Augenblick vernichtet und neu konstruirt werden können und müssen. Dieser Prozeß, sich selbst wiederzusinden, — aud den tyrannischen Banden der alten Re.
ligion und deS alten Staats sein eignes Ich zu befreien, — ist be jeder einzelnen Frage des Lebens von Neuem durchzumacheu in Gedanken und in der That. Bei jeder neuen Gesetzgebung, bei jeder kirchlichen oder politischen Handlung hat der Demokrat den ganzen, den freien, fessellosen Menschen der einseitigen Dürre deS juristischen Verstandes, der versumpften Gefühls schwindelet der Pfaffen entgegen zu setzen. Nur aud der vollkommenen Verneinung deS Alten entsteht daS Neue! — Vor der Methode, die ihr jeden Augenblick bei jedem einzelnen GesetzeSakt übt, wollt ihr euch entsetzen, wenn es die Schöpfung deS Ganzen gilt? — Aber euer Entsetzen hilft zu Nichts, — er ist unvermeidlich, dieser Gang, denn er ist der einzige, den eS gibt. Also zuerst Anarchie, Atheismus und ApoliSmuS, d. h. die unbedingte permanente Verneinung der tyrannischen Herrschaft in Staat, Kirche und Gesellschaft, in welche drei Theile man die menschliche Existenz zerrissen hat. Nur aud dieser Verneinung wird der freie Mensch entstehen, wird die Fähigkeit und der Naum erwachsen für seine Offenbarung, für die Bildung der Gesellschaft, welche der harmonische Ausdruck deS ganzen Menschen sein soll.
Demokratie, Pantheismus und Sozialismus sind für das Wesen dieser Gesellschaft der Zukunft keine erschöpfenden Namen, sie sind Begriffe der Vergangenheit, sind die Versöhnungen deS Alte» mit der Verneinung, die daâ Alte richt aufhebt, sondern neben sich bestehen läßt. — Fürchtet ihr, daß unsere unbedingte Aufhebung deS Alten die Welt sofort in Trümmer zerbrechen werde? — Seht, sie besteht lustig weiter, obgleich wir ihre Aufhebung in uns vollzogen und dieß offen verkündet haben. Aber sobald ihr Alle dasselbe von euch verkünden werdet, wird sie verschwunden sein, spurlos, ihr werdet nicht wissen wie ! — Bedenkt euch das!
Deutschland.
** Kassel, 24. April. — (Die deutsche polizeiliche Reaktion en detail.) In Mainz wird, nach der Mainzer Zeitung, für jeden Abgehenden auS dem ArresthauS ein Ersatzmann wieder eingebracht. Man will nicht von der Art kommen. — Dem Redakteur der Ulmer Schnellpost (Abgeordneten Seeger) ist nach seiner Rückkunft vom Ho- hcnaöpcrg eine neue Klage wegen eines alten Artikels der Zeitung insinuirt. Man will nicht blos bei der Art, man will bei den einzelnen Individuen bleiben. — In der Pfalz hat man den Einge- kerkertcn verkündet, daß der Aufschub ihres Prozesses mit der Erwartung einer zweiten Amnestie zusammenhäugc. Man hält, wen man hat. — DaS ist die Klimax der Dcmokratcnhetze!
In Berlin soll für die Zukunft Niemand mehr ohne Legitimation zum Thore hcrcingclassen werden. Zum Thore hinaus gelangt man aber sehr schnell. Die Ausweisungen geschehen en bloc. Obergerichtâ- refcrendar Rasch ist ausgewiesen, obwohl er Berliner Bürger ist.
In Breslau sind die Christkatholiken unter polizeiliche Aufsicht gestellt.
O Berlin, 22. April. — Die Gothaer werden noch einige Tage leben können. Mit unglaublicher Offenherzigkeit verkündigt heute die „Deutsche Reform", daß man im gestrigen Ministerrath unter Beisein der Dioskuren Radowitz und Manteuffel beschlossen habe, eine Unterbrechung der Verhandlungen zu Erfurt jetzt noch nicht ein trete» zu lassen. DaS ist starker Pfeffer! Ein ministerielles Blatt erklärt den Gothaern, daß die Gnade der Regierung sie für'â Erste noch weitertagen lasse; daß sie sich, weil'S ihr so be» liebe, jetzt noch an ihre eigenen Gesetze kehre, daß sie aber, sobald es ihr gut dünke, den Erfurter Klatsch zum Teufel jagen werde! DaS ist offenherzig, aber doch noch nicht offenherzig genug. Die „Neue Preußische" kennt bereits den Tag, an dem die Vertagung, Schließung oder Auflösung — wie man'S nun nennen will! — des Kasekasino's