- 425 —
weit man in dieser Beziehung etwa gehen könne. Der Antrag der Ausschuss!S lautet nun dahin, auf eine solche Revision nicht einzu- gchen, weil die Erkundigungen, welche man angestellt, zu der Erkenntniß geführt hatten, daß die Grundlagen der von der konsti- tuirenden Versammlung beschlossenen Verfassung aufgehoben werden müßten, um eine Einführung Seitens der Behörden zu ermöglichen. Daß dieser Beschluß auch von der Versammlung einstimmig adoptirt werden wird, leidet keinen Zweifel (nach Austritt der Linken besteht ja aber keine beschlußfähige Constituante mehr), denn so sehr man auch des lieben Friedens willen und um wieder einen geregelten Zustand herzustellen, geneigt gewesen wäre, solche wichtige Punkte zum Opfer zu bringe» (daran erkenne ich meine Pappenheimer auS der freien Reichs- und Hansestadt), so wenig hat man je daran gedacht, daâ wesentliche demokratische Prinzip der Verfassung aufzugeben. Inzwischen arbeitet die alte Behörde an dem Embryo einer neuen Verfassung nach ihrem Sinn fort, und soll dieselbe nächstens ein Stadium weiter rücken. Diese Verfassung wird Census, aber ohne Klassenwahl einführen. Die alte Behörde wird Recht behalten. Sie befindet sich überhaupt ganz wohl, wenn sie nur die nachgerade unbequemen Preußen loö wäre. Aber die Preußen befinden sich ebenfalls ganz wohl und kümmern sich den Teufel darum, ob sie den ehrwürdigen Zöpfen unbequem fallen. Um dero Töchter bekümmern sie sich um so mehr und heirathen sie frischweg, im Interesse des pommrrschen KrarztsunkerthumS, dessen zerrütteten F nanzen die reichsbürgerlichen Gelder sehr erwünscht sind. —
Oesterreich.
** Wien, 19. April. — Was die über den StandrechtSdunst- kreis hinausliegenden praktischen Fragen anbetrifft, so entwickelt unsere Presse zuweilen eine Unbefangenheit und Klarheit der Auffassung, welche den verworrenen Gothaer Blättern, den Organen „deS großen liberalen Ke neS " zu wünschen wäre. In seiner heutigen JYs z. B. bedauert der „Lloyd" sein an Erfurt weggeworfenes Geld, indem er sagt: „Wir haben einen Korrespondenten dorthin entsendet, wir beziehen teleqr. Depeschen auö jener Stadt, aufrichtig gestanden, ohne die Ueberzeugung zu haben, daß die Ausbeuten, welche dieser „„Reichstag "" bieten wird, diesen Aufwand lohnen wird." DaS Geld ist weggeworfen; unbezweifelt; aber der „Lloyd" ist uneigennützig, er empfindet gleichwohl aufrichtiges Bedauern für daS Unionsparlament, und seine bemitleidenswerthe Stellung, denn „ eS Hal die schwierige, ja die unlösbare Aufgabe, in schwerer Dienstbarkeit mehreren Herren zu gehorchen." Kanu man die Lage des Feftuugsparlaments und die Erbärmlichkeit der gefeierten Block-Kourage wahrer und schonungSlo- fer bezeichnen? — Unsere Fiuanzwirthschast wild von Tag zu Tag hoffnungsloser, die Danaidenarbeit, ein zerfressenes und im Fun« damenle verfaultes Gebäude zu stützen und auüzubcffern erweist sich täglich erfolgloser und verzweistungsvoller, indem jede vorgeschlagene Reparatur nur dazu dient, einen größeren, unheilbareren Rip blos« zulegen. Zur Verbesserung der hoffnungslosen Lage, in welcher sich die Bank befindet, hatte der mit den Börsenwölfen und namentlich mit dem Minister Bruck innig liirte „Lloyd", auf den Verkauf der R serveaktien gedrungen. Er steht am Ziele seiner Wünsche, denn „die Bankaktionäre sind zur Einsicht gekommen, daß sich der Verkauf der Bankaktien nicht länger hintertreiben lasse. Aber kaum ist der Plan seiner Verwirklichung nahe, so zeigt sich auch schon, daß er nichts weniger alS eine Verbesserung der Bankfinanzen erzielen wird. „Die Bestrebungen der Aktionäre gehen nämlich dahin, die Aktien, und zwar zu dem möglichst niedrigen Preise an sich zu bringen. Es wäre keine üble Spekulation der alten Bankaktionäre, die Reserveaktien zu einem Preise von 600 oder 700 Gulden anzukaufen, und sie dann an das große Publikum für etwa 1000 Gulden wieder zu verkaufen. ES ließen sich bei dieser Operation von den verschiedenen Bank- Aktionären fünfzehn bis zwanzig Mill. Gulden als Verdienst einstrezchen und dieser Gewinn der Bankaktionäre wäre ein direkter V e r l u st d e r B a n k." — So geht eö mit allen Maßregeln.
Reben den Finanzen macht die Pazifikation Ungarns, alS zweite Danaidenarbeit, der Regierung viel Sorge. „Wäre daS Sündenregister eines Volkes —‘ ruft ein StanbrcchtSkorreipondent auS Pest verzweiflungsvoll aus — noch so groß, bedeckten auch Tausende seiner Muthigsten den Kampfplatz, der Sarg seiner Wünsche wird gleich, wohl zur Wiege neuer angestrengter Bestrebungen. Aus allem leuchtet unwiderlegbar hervor, daß der Magyar, gleichviel, ob Kossulhianer oder Allkonservativer sich du-chauS noch nicht für daS Schicksal Polen» reif hält, und von seiner politischen Sterbestunde nichts hören will." DaS ist schlimm für die Staatsanalomen, welche den lebendigen, zuckenden Leichnam unter dem Sezirmeffer haben, um ihn für das ff. Muieum zu präpariren. DaS bloße Dekretiren deö Todes hilft nichts, man muß wirklich todtschlagen, — eine Arbeit, die selbst dem guten Willen Hayna»» zu viel wirp. Run nimmt man freilich durch gütige
Vermittelung der katholischen Kirche die Hölle zu Hülfe, aber die Macht der Hölle dürfte in unserer Zeit auch nicht mehr auSreichen. Die Aufhebung des P lac et ist eine solche Leimruthe, mit der man den guten Willen der pfäffischen Höllenbeschwörer sangen will. Ferner ist den auS Italien im Jahre 1848 vertriebenen Liguorianern die Bewilligung ertheilt, ihre Häuser und Kollegien in Verona und Venedig wieder zu beziehen.
Von der bosnischen Grenze (12. April) wird geschrieben, daß, nach völligem Scheitern der Unterhandlungen, die Insurgenten die Initiation ergriffen und Rovi und Pridar besetzt haben. Mit den 40,000 Mann Türken scheint eâ demnach windig auszusehen.
Die Hinneigung der Welschtyroler zu ihren italienischen Brüdern, worüber unsere Professoren der Paulskirche und Hr. v. Radowitz ihrer Zeit so patriotisch entrüstet waren, wird immer entschiedener. Die österreichischen Blätter jammern über diese Undankbarkeit, die sogar so weit gehe, sich von abgesetzten Geistlichen revolutionäre Journale schreiben zu lassen. Was werden die Professoren, die sich jetzt ganz bescheiden und anspruchslos mit einem Erfurter Deutschland behelfen, dazu sagen? Oesterreich ist von Deutschland auSgerissen und reißt jetzt von sich selbst aus.
21. April. — Heute ist die kaiserl. Verordnung in Betreff des Verhältnisses der katholischen Kirche zum Staate erschienen. Sie enthält große Konzessionen, so die Aufhebung deS Placet, die Entlaß- barkeit der Geistlichen durch die Kirchengewalt, Sonntagsfeier, das Recht, Kircheystrafen zu verhängen u.s.w. Die Verordnung ist im Tone deâ größten Wohlwollens für die katholische Kirche gehalten. (Siehe oben.) (Tel. C. B.)
Die offiziöse „Oest. ReichSztg." schließt einen längeren Artikel über die preußische Union mit den unzweideutigen Worten: „So dürften dann schon in den ersten Tagen deS Mai die von Oesterreich berufenen Bevollmächtigten sich in Frankfurt zusammen finden, um an die Stelle der bis jetzt fungirenden Bundeskommission zu treten."
Frankreich.
* Paris, 21. April. — Das Glaubensbekenntniß des demokratischen Kandidaten, Eugen Sue, lautet: „Als Demokrat bekenne ich, daß die Republik und daS allgemeine Stimmrecht über der Laune der Majoritäten stehe. Die Majorität hat eben so wenig daS Recht, die Souveränelät des Volkes zu entäußern, als der Mensch daâ Recht hat, seine Freiheit zu entäußern. AlS Sozialist gehöre ich zu keiner besonderen Schule. Die Theoretiker behandeln die reinen Fragen der Lehre und formuliren auf ihre Weise die abstrakten Prinzipien der sozialen Wissenschaft, ich habe mich bestrebt, die allgemeinen Ideen des Sozialismus und das Praktische jeder Schule zu popu- larisiren. Ich bin Sozialist von Herzen, weil ich die grausamen Leiden und männlichen Tugenden deâ Volkeâ gesehen habe; weil ich den Handwerker und den Bauern in Folge der Arbeitslosigkeit des Brods mangeln, mit Kindern und Frauen von einem unzureichenden und ungewissen Lohn kaum leben gesehen habe; weil ich den Greis, erschöpft durch Arbeit und Alter ohne eine Zufluchtsstätte im schrecklichsten Elend sterben sah; weil ich den Ackerbauer, den Gewerbetreibenden und den Handeltreibenden in Folge der fehlerhaften Organisation deS Kredits ruinirt und ihre Familien in der Verzweiflung erblickte. Ich bin Sozialist durch Raisonnement, weil ich von der Ungenügen dheit der Mildthätigkeit, des Almosens und aller Palliativmittel überzeugt bin. Der PauperiSmuS muß mit dem Kern auâgerottet, das furchtbare Problem des öffentlichen Elends um jeden Preis gelöst werden."
Man sieht aus diesem Bekenntniß, daß die Kandidatur Sue's nicht allen demokratischen Fraktionen zusagen kann. Sie fügen sich aber. stebrigens ist der, jedenfalls sehr wahrscheinliche Sieg Sue'â auf der andern Seite von der wichtigsten Bedeutung. Durch Sue wird auf die eklatanste Weise gegen die Kirche und die herkömmliche Reli- gion protestirt. Die katholischeu Pfaffen werden gezwungen, der Kirche wegen in die Agitation zu treten; mit dem Siege Sue'ö sind sie ge- schlagen, ist ihre eingebildete Macht über das Pariser Volk für Blöd- sinn erklärt. Der historische Staat wird in allen seinen Fundamenten zu Boden geworfen!
LouiS Napoleon ist von AngerS zurückgekehrt. Der verrückte Abenteurer stellt sich noch verrückter über das Unglück „seiner Soldaten". Er trinkt im Stillen. Eine kleine Beruhigung wird ihm in seinem tollen Schmerze die Transportation Proudh^r'S aus der Con- ciergerie nach Doullens gewähren. Das Journal Proudhons soll mit Gewalt ruinirt werden. Da es den honetten Spitzbuben länger un- möglich war, die Artikel der vpi < du peuple zu lesen, so wurde gestern dem „unerschütterlichen Schreiber" Eröffnet, daß man ihn etwas weiter von seinem Journal entfernen müsse. DogllenS sei für die Folge sein Aufenthalt. Lischt doch den Monn Mich .todt, — das ist daS Kürzeste!