Dritter Jahrgang.
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Mr- OA. Kassel, Mittwoch den 2L April 1850.
Die Offenbarung des Menschen
2.
„WaS ist Wahrheit?" rief PilatuS voll Verachtung. „Waâ ist Wahrheit, waS Erkenntniß, waS Wissenschaft?" ruft höhnisch der Pietist dcâ neunzehnten Jahrhunderts. „DaS Nichts, das Jenseits, der Glaube an ein dunkles Unsichtbares und Unbegreifliches, das ist aller Weisheit Anfang und Ende, das ist die Wahrheit!" — Eine höchst klare Wahrheit! „WaS ist die Offenbarung deS Menschen?" — „ Gotteslästerung!" — Meine Herren, wer Gott als souveränes, selbständiges Wesen außer sich anerkennt, der kann Gott lästern, wer ihn in sich zurückgenommen als sein eigen Gefühl, seinen eigenen Gedanken, wer ihn aufhebt, um ihn jeden Augenblick neu zu erzeugen, der vernichtet ihn, aber er lästert ihn nicht. Lästern könnt ihr nur, ihr, die ihr euren jenseitigen Gott den allgerechten, den alllicbenden und allerbarmenden nennt, und die ihr ihm dient mit Haß, Fluch und Verdammung im Herzen, die ihr zum Gebet Hände erhebt, triefend von Blut und besudelt von Wucher, Raub und Missethaten. Aber freilich, daran tragt ihr ja keine Schuld, dazu verfuhrt euch euer Teufel und euere Erbsünde! — Ein höchst bequemer Glaube für die Verstocktheit eures versumpften Verstandes, für die faule Trägheit, die nicht einen Fingcr heben will, um aus den Vorurtheilen, auS den Irrthümern der Väter sich zur Selbständigkeit seines eigenen Wesens zu erheben. Fahre dahin, unseliges Häuflein der Verkehrten! Wir gönnen dir deinen wesenlosen Himmel, unS aber laß diese schöne wirkliche Erde, an welcher du keinen Theil haben sollst, da du ihre Freuden schmähst und ihre großartigen Kräfte verachtest. Das eben ist deine Heuchelei und deine Lüge, daß du gegen deine eigene Lehre sündigst, daß du dich wälzest in Sinnlichkeit, daß du die Herrschaft der Erde beanspruchst — und ihre Güter —, während tu Entsagung predigst auf die so sinnlich auSgemalten Freuden deines englischen Paradieses nach dem Tode. — Hand ab, sinnlicher Frömmler! Sei verrückt nach Belieben! — Aber die Welt gehört der lebendigen Harmonie der geistigen urd körperlichen Kraftfülle, sie gehört weder deinem Gott noch deinem Teufel; sie gehört sich selbst und ihrem Erkenner, dem Menschen. Du aber, Vilmarianer, bist entweder ein Sohn deines GotteS oder deines Teufels, wie du selbst predigst, aber kein Mensch. ' 1 r
Wie für den Mystiker, ist auch für den Rationalisten die Offe n - deâ Menschen Gotteslästerung. Der Rationalist steht in religiöser Beziehung ganz auf derselben Stufe, wie der Konstitutiv- nelle in politischer. Der Rationalist, d. h. derjenige, der Alles nach seinem hausbackenen Verstand untersucht, der nur im Stand ist, die nächsten Grunde und Ursachen der Dinge in'ö Auge zu fassen diese Eintagsfliege, ,st ,n stetem Streit zwischen seinem Gefühl und seinem Erkenntnißvermogen. DaS zagende Gefühl mahnt ihn an die alten Lehren seiner Väter, eS sucht nach dem alten Anhaltpunkt, der ihm auS seiner Bibel und anS seinem KonsirmationSunterricht geläufig ist, während der grübelnde Verstand eine Lehre nach der andern verwirft oder bezweifelt. So kommt er niemals mit sich selbst in'S Klare. Er vermittelt, um jeden Augenblick von einer Seite zur andern zu schwanken. Er läßt den souveränen Gott bestehen und lmanzipirt sich selbst neben ihm, um jeden Augenblick als Repräsentant der Vernunft, als sich selbst bestimmendes Wesen, mit den alten Sätzen seines höchsten Herrschers zu unterhandeln. Einmal empört er sich in einem star- ken Augenblick seiner Gedanken, einmal unterdrückt ihn wieder sein Gefühl, d. h. sein Gott. Welch' ein trostloses Dasein! Dasselbe Schauspiel, wie die Tantalusqualen der Konstitutionellen, der Halben und Falben in der politischen Welt. Lieber doch ein grotesker Mystiker mit seiner absoluten, ungebändigten, maßlosen GefühlSrascrei, alü ein selch' schwankendes, wankendes, halt-, kraft- und saftloses Jamivergeschöpsl
Weder der Mystiker noch der Rationalist, wtd.r der Frömmler, noch der Gleichgültige, werden zur Offenbarung deâ Menschen dringen. Sie hängen an einer anderen, an einer sirirten Offenbarung von Außen, an der göttlichen, oder an der Natur-Offenbarung. Nur der, welcher den Grund aller Gedanken, aller Gefühle, aller Lehren, alles Wissens und Glaubens im Menschen selbst sucht, wird der neuen Offenbarung, der neuen Lehre deâ Jahrhunderts huldigen können. — Und dahin muß nicht blos der Einzelne, dahin muß daâ ganze menschliche Geschlecht gelangen, wenn das Leben und seine Satzungen mit dem von der Sklaverei seiner eigenen Gesetze befreiten, seiner Selb- ständigkeit wiedergegebenen Wesen deS Menschen übereinstimmen soll. — ES ist daS innerste Wesen der sogenannten sozialen Demokratie, diesen Prozeß in seiner ganzen Schärfe, in seiner ganzen Konsequenz zu verlangen. Wir sagen, der sogenannten sozialen Demokratie, denn eigentlich bezeichnen diese Worte historisch abgeleitete Begriffe, die den Namen für die Thätigkeit der radikalen Vernichtung und Verneinung hergeben müssen, für den Neubau selbst aber wird mit dem neuen Begriff auch der neue Namen entstehen. ES ist nur konsequent, wenn die Berliner demokratische „Abendpost" schreibt: Die historische Demokratie selbst muß vernichtet werden. Denn wie wenig ist der Begriff, den wir jetzt mit dem Worte Demokratie verbinden, der ursprünglichen Bedeutung vergleichbar. Streben wir etwa nach jener griechischen und römischen Herren- und Sklavenrepublik, streben wir nach der kleinen Spießbürgerrepublik der Schweiz oder der Städte deS Mittelalters in Deutschland und in Italien, oder nach der des Puritaners Olivier Cromwell? Streben wir nach der aristokratischen Demokratie Englands, oder nach der republikanischen Nordamerika'S? Wir streben nach dem Staate deS befreiten MenschenthumS, daS alle diese historischen Staatöformen als wandelbare Erzeugnisse in seinen» Bewußtsein aufgelöst hat, um auS sich eine neue StaatSform, die harmonische Gesellschaft selbst zu entwickeln. — Ebensowenig verkünden wir im historischen Sinne deâ WortS eine neue Religion oder etwa den historischen Pantheismus; denn das Wort Religion bedeutet die Hingebung an ein äußeres Höchstes, unverantwortliches Wesen, — wir aber wollen die Hingabe deS Menschen an sich selbst durch die Erkenntniß seiner selbst und seines Zusammenhangs mit der Außen- wett. Wir brauchen die Namen soziale Demokratie und neue Religion nur, um annäherungsweise der Welt die Umrisse einer Schöpfung zu geben, die noch im menschlichen Geist selbst verpuppt liegt, und die erst dann an daS Licht deSTages treten kann, als O ffen ba ru n g deS ganze n M cn sch en , wenn dieser sich selbst gefunden. — Diese neue R e l i g i o n, das Menschenthum oder der Humanismus, die Harmonie von Wesen und Sein wird zur Befriedigung des ganzen Menschen, dessen stets neugeborene Offenbarung sie ist. Ihr Grundwesen bedingt vor Allem, daß daS einzelne Individuum sich im Zusammenhang mit und in Abhängigkeit weiß von dem ganzen menschlichen Geschlecht, wovon bei dem jetzigen Mord- und Raubsystem keine Rede ist. Weder ein König von Preußen noch ein Haynau, weder ein Hassenpflug nrch ein Vilmar hat von solch' einer Abhängigkeit einen Begriff, — mit oktroyirender, menschenverachtender Brutalität setzen sie sich über die menschliche Gesellschaft, um sie zu ihrem Dienst, zu ihrem Glauben zu zwingen. Die Männer von Gotha sind nicht besser. Aber der Humanismus garantirt zugleich die unbegrenzte Freiheit deS Einzelwesens. Dieser scheinbare Widerspruch wird dadurch gelöst, daß Jeder, welchem daS Bewußtsein der Gesamm Verbindlichkeit des menschlichen Geschlechts inwohnt, sich gar nicht in Widerspruch gegen dasselbe setzen kann, ohne gegen sich selbst zu handeln.
Begreift ihr nun, daß cd nur zwei Parteien geben kann, die deS absoluten Stillstands und die der unbedingten Bewegung? Alle vermittelnden Elemente müssen der Gewalt dieser beiden Pole dienstbar werden. Aber selbst der Pol deS Stillstandes, der Reaktion wird nur bedingt durch die Gewaltsamkeit und Schnelle seiüès Gegensatzes, tet