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Dritter Jahrgang.
Petition (obere Entengaffc Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alte Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
Dic .Hornisse.
M' O^. Kassel, Dienstag den 23. April 18SO.
Die Offenbarung des Menschen.
1.
Homo sum, human! nihil a nie alienum puto. Mensch bin ich, nichts Menschliches halt ich mir fremd.
Aber waS bleibt, wenn ihr uns die alte Welt in Scherben zerschlagt, Geister der Vernichtung? — Beantwortet euch selbst diese Verzweiflungöfrage, zagende Seelen! — WaS bleibt dem Entdecker, der kühn vom Strande stößt, auf dem wogenden Meere, wenn er nach dem fernen unbekannten Eilande seiner Wünsche sucht? Sein Muth, seine Kraft, seine Hoffnung! — Waö bleibt der Menschheit, wenn sie die Begriffe und die Zustande vergangener Zeiten dem Boden gleich gemacht hat? — Der ewige Boden selbst bleibt, auf dem ihre Vorfahren mehr wie einmal stolze Gebäude errichtet, die ihre Enkel niedcrgcrisscn, — d ie unsterbliche Kraft bleibt, diesen Boden von Neuem abermals und abermals zu bebauen. — Dünkt euch daS so furchtbar? und ihr seid doch Leute, die ihr Ge- schichtSpensum auf Schulen, ja selbst auf Universitäten wohl studirt haben wollen! — Wohlan, gebt Antwort! — WaS blieb von der alten Götterwelt der Hellenen und Römer? — Haben nicht unsere germanischen Vorfahren im Vollgefühl ihrer Kraft und Ursprünglichkeit all' diese schönen Götterbilder zertrümmert und auf dem geebneten Boden den gothischen Dombau eures geliebten LehnstaatS, euer christlich-germanisches Paradies aufgcrichtet, ihr Absolutisten? — Und ihr, meine konstitutionellen und rationellen Herren von Gotha und Erfurt, habt ihr nicht wieder diesen Dom unterwühlt, bis er zusammenbrach, und tragt ihr nicht Tag für Tag an seinen Mauerresten ab, um jede Spur davon zu vertilgen? — Und doch entsetzt ihr euch ob der neuen Schule, die nur konsequent darin fortfährt, womit euer Locke, der Heide, der die Seele für eine tabula rasa erklärte, womit euer Prophet Montesquieu den Anfang gemacht hat! — Mit dem lauten Jammergeschrei erfüllt ihr die Luft: waS bleibt, wenn wir bis zur Vernichtung der Religion, des StaatS und der jetzigen gesellschaftlichen Zustände ge- kommen sind? — Wir antworten euch ganz einfach: der Mensch! Ist daS nicht genug? — Ihr denkt, wir wollten euch verhöhnen; es geht euch wie dem Ungebildetsten der Ungebildeten, der sich beleidigt glaubt, wenn man ihn Mensch und nicht Herr anredet. Ihr seid AllcS, ihr seid fromme, gute oder gottlose, schlechte Christen, ihr seid Protestanten, Katholiken, Juden, Heiden, Herren oder Knechte, ihr seid Räthe, Wucherer, Kaufleute, Bauern, Rechtsverdreher und dergleichen, ihr seid nur nicht daö gcrad, waS ihr einzig und allein sein müßtet — Menschen!
©oer sollten solche Wesen diesen Namen verdienen, die wie unsere gläubigen, augenvcrdrehenden Mystiker und Mucker die schöne Erde gering mchten, welche sie geboren, und die im feigen, thatenlosen Plappern von nichtssagenden Phrasen, genannt Gebete, jede Kraft der Seele und deS Gedankens ersticken durch die krankhaften Visionen, mit denen sie ihre dunkeln Gefühle, die thierische Seite des Menschen, bis zur Verrücktheit großfüttern, — die ihre Pflicht versäumen, sich selbst genug zu thun, die ihr Erkenntuißvermögen, dem sie den Namen Teufel beigelegt haben, unterdrücken, um ungestört den vagen Traum- gebilden nachzuträumen, die ihnen von einer höheren Macht und von einem s. g. Jenseits geoffenbart sein sollen, — die die reiche, große Natur für ein Werk ihr-S Teufels auSgeben, die ihren Hochgenuß verfluchen, während sie in ihrer armseligen Schwäche jeden Augenblick ohne Maß in sich selbst biS zur untersten Stufe deS instinktmäßig genießenden Thicrâ herabsinken, — die Hab' und Gut opfern, um in China, jenseits der Meere, den Aberglauben an ihren Gott und an ihren Teufel zu Verbreiten, während ihre nächsten Landsleute und Nachbarn ohne Brod und ohne Arbeit verhungern? — Ju der That, wer diese kopflosen Wahnsinnigen für gesunde menschliche Menschen
hält, auf dessen Gesundheit ist selbst Nichts zu geben! — Sie stopfen ihr Herz so groß, daß es ihren Verstand verschlingt. — Ihnen den Kopf nehmen heißt ihnen Nichts nehmen! Oder verdienen jene Gesellen die Bezeichnung Mensch, die im Besitz zusammengewucherter und gestohlener Güter der Erde ihren kraftlosen Leib von Genuß zu Genuß aufstacheln, biâ sie ein elender Tod von ihrem langweiligen Tagewerk erlöst, — oder die, welche sich Götter zu sein dünken und geboren, um im trägen Nichtsthun als Prinzen oder regierende Häupter vom Schweiße deâ Volkes zu prassen und zu schlemmen, — die ihre Brüder als ihre Lastthiere geißeln und martern, — die sich Vä- ter der Menschheit tituliren, weil diese sie mit ihrem Blute nährt und tränkt, und die ihre vorgeblichen Kinder morden und verhungern lassen, damit der Herr Vater wohl auf sei? — Over haltet ihr jene herzlosen, lieblosen Männer für Menschen, die mit ihrem Reichthum die Armen kümmerlich kleiden und nähren, damit sie ihnen als willenlose Maschinen ungeheuere Kapitale erwerbe» und erschinden, um nach verkümmerter Jugend einem hülflosen, brodlosen Alter zu unterliegen, — oder die, welche für sich allein alle Rechte, alle Genüsse in Anspruch nehmen, weil ihnen der Zufall oder daS Glück einige Thaler Geld oder einen Acker zuzespielt, die eS feinem Nebenmenschen versagt Hal? — Nein und abermals nein! Es sind Fürsten, Kapitalisten, Barone, Rentiers, Höchstbesteuerte und dergleichen, — es sind Naubthiere, aber keine Menschen! —
Der Mensch ist nicht der absolute Denker, „daS Thier auf dürrer Haide", daS sich abstrakt aus seinem Wesen herauSsetzt, um dem wesenlosen Gedanken nachzu 'pekulircn und daS Leben, „die schöne, grüne Weide", ringS umher zu vergessen. Mensch ist nicht das bewußtlose Herz, daS den Wallungen seines Blutes Audienz gibt, um danach seinen taumelnden Wandel zu schulen. — Mensch ist nur der, welcher seinem universellen menschlichen Wesen gemäß lebt und sich entwickelt, der nicht im Kopfe denke und im Herzen fühlt, sondern dessen Gedanken, dessen Bewußtsein sich in sein Gefühl, sich in sein Herz, sein Blut und sein Leben verwandeln Feuerbach schrieb im Jahre 1847: „Der Mensch unterscheidet sich keineswegs nur durch das Denken vom Thier. Sein ganzes Wesen ist vielmehr sein U nt ersch ied vom Thiere". So lange nicht der wesentliche Gegenstand deS Gefühls auch Gegenstand deS Gedankens ist, kann von einer solchen Entwickelung deS ganzen Menschen keine Rede sein. Um aber den Menschen sich selbst zurückzugcbcn, muß Alles zertiümmert werden, was ihn sich selbst entrissen. — Die Religion hat ihm den Kopf geraubt, die Philosophie das Herz, der Staat den Leib. Er hatte sich selbst verloren, seine eigenen Offenbarungen waren seine absoluten Tyrannen geworden; der Urgrund aller Dinge, den er gedacht, um die Qualen, deS unenthüllten Räthsels der Natur und ihrer Schöpfung los zu werden was zu dem fremden außerweltlichen Gott geworden, der durch aberwitzige Priester seine furchtbaren Opfer verlangte. DaS vermißte Glück, das er in trostloser Entsagung träumte, war zu einem kalten, leeren Jenseits geworden, zu einem Himmel, der daS Unglück der Erde verlangte, wenn er sein Heil spenden sollte. Die Entwickelung deS historischen StaateS war zum starren Dogma geworden, daS alle freie Selbstbestimmung aufhob, um sich selbst zu erhalten, — die zufällige Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das bellum omnium contra omnes war zum gemeinsamen unwandelbaren Gesetz geworden, daS Unglück und Elend für ewig erklärt, um daS Glück und daâ Recht der Gewalt heilig zu sprechen. Was soll die Menschheit thun, um zu sich selbst zu kommen, un zur Wrhrheit ;i gelangen, zur Uebereinstim nung ihreS Wesens unv Lebens, zur Wirklichkeit aus ihren Träumen und Fiktionen, zum positioen Urgrun) ihres Daseins und ihrer Erfindungen, zu sich selbst? — Sie nimmt ihren Gott und ihren Scaat, ihre Wissenschaft und ihre Kunst als ihre eigenen Offenbarungen in sich selbst zurück, sie setzt sich selbst und ihr eigenes Wesen in Zusammenhang mit sich und mit der Natur als den ewig schöpferischeit