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Dritter Jahrgang.

Erich eint täglich, Montagè auLgenom- men Bierteljährlicher Xbonnementèpreii 24 Ggr. Einzelne Nummern in der 6p

peditisn (obere Entengaffè Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu bethen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.

M SL. Kassel, Freitag den 19. April 185Oe

In Sachen der Demokratie.

3.

Alle Obrigkeit ist von Gott!" Mit bessern Rechte kann man sagen:Alle Obrigkeit ist vom Teufel!"

Sollte man wirklich von dem historischen Begriff der Obrigkeit, der Herrschaft nicht loskommen können? Sollten wir wirklich ohne die Stiefeln eined Caligula oder die Reitpeitschen unserer moderne» Tyrannen nicht leben können? Ist dem Menschengeschlecht die Skla­verei zur andern Natur geworden? Oder ist vielleicht die Panarchie schon die Aufhebung der Herrschaft überhaupt? Genügt vielleicht die landesübliche Demokratie schon, um sich von der Obrigkeit überhaupt, d. h. von der Sklaverei zu befreien?

Gehen wir Schritt vor Schritt. Ob ich die Herrschaft einem Einzelnen, oder ob ich sie dem gestimmten Volke im Gegensatz zu dem einzelnen Menschen zuweise, die Herrschaft bleibt immer Herrschaft. Immer ist sie etwas AeußercS, Fremdes. Immer wird sie sich als majestas mit den Attributen deS Heiligen und Unverletzlichen beklei­den; sie wird uns in der Monarchie als persönlicher Gott, in der Panarchie als gekrönter und gesalbter Weltgeist entgegcntrctcn. Immer wird sie keinen Anstand nehmen, je nach Bedürfniß ein größeres oder kleineres Stück deö einzelnen Menschen zu absorbiren, zur größere» Ehre GotteS oder des Volkes zu verschlingen.

Gleichwie der Monotheismus und der Pantheismus von dem Wahn auSgehen, daß jedes Ding eine Ursache haben müsse, so gehen Monarchie und Panarchie von dem Wahn auS, daß jedes Ding einen Zweck haben müsse. WaS ist nun der Zweck, der Beruf, die Bestimmung des Men­schengeschlechts? DaS ist eine Frage, über die man sich zu Tode grübeln und die man doch nie beantworten kann, die aber eben des­wegen den Monotheisten sowohl als Pantheisten als RcchtfcrtigungS- grund ihrer weltlichen Herrschaft, ihrer Obrigkeit, die für jede Con« trerevolution, für jede Verwerfung des sogenannten Volkèwillenâ als Entschuldigung dient.

Wenn der angebliche Beruf des Menschengeschlechts keine Phrase, sondern ein bestimmter Inhalt sein soll, so stehen wir diesem Berufe geradeso gegenüber, wie im vorigen Kapitel der Gottesidee. Die Erkenntniß deS Berufes basirt sich entweder auf die Uroffenbarung mit ihren Töchtern und Enkeln, oder die Annahme deS Berufes selbst ist eine That deS MenschengeistcS. Soll sich nun der Menschengeist von dieser seiner Hypothese nicht loösagen können, will die Demokratie auch hier den Grundsatz deS eristirevden Berufes zugeben und sich nichts Vorbehalten, als daö Recht der bessern Erkenntniß desselben?

Daâ Menschengeschlecht hat keinen feststehenden , nur immer etwaS näher zu enthüllenden Beruf, und eben deswegen braucht seine hi­storische Obrigkeit, die historische Herrschaft nicht. Wenn der Mensch erst einmal weiß, daß jener Blitz nicht von Zeuâ geschleudert ist, daß jene Wolken nicht von Gott, oder den Göttern oder dem Weltgeist daher gejagt werden, so wird er auch den Wahn fahren lassen, als müsse sich daö Menschengeschlecht um seines Berufes willen dahin und dort­hin hetzen lassen, als müsse eS deö Gesetzes wegen sich sm th eilen lassen, wie eine Heerde zitternder Thiere. DaS Menschengeschlecht wird auch den zweiten Reif sprengen, der um eS gebunden war, cd wird von der traditionellen Galtung zu den Individuen und deren na­türlichen Beziehungen zurückkehren.

Erschreckt ihr wieder? Ist cd denn so entsetzlich, ein paar Glie­der weiter an die Kette zu reihen, die ihr begonnen, die ihr über die Hälfte fortgesetzt habt? Wer war eS denn, der zuerst die Phrase deS menschengeschlechtlichen Berufes in Mißkredit gebracht hat? Tragen die Demokraten die Schuld, daß ihr euch, zumal seit einem Jahrhun­dert, über den Inhalt dieses Berufes gestritten, daß ihr und klar

und deutlich bewiesen habt, daß dieser Beruf nicht der Menschenberuf, sondern derHerren eigener Geist" war? Welche immense Ketzerei liegt nicht in eurer Majoritätenherrschaft, neben der Forderung eines Rechtsstaates? Wenn ihr nur einmal ehrlich und muthig wäret! Oder sind die Produktionskosten eurer halben Wahrheit und eurer Millionen Widersprüche so hoch gewesen, daß ihr müde euer Haupt sinken laßt, daß ihr beim besten Willen nicht mehr denken könnt? Ihr seid früh gealtert, sehr früh!

Eure Majoritätenherrschaft ist ein ketzerisches Dogma und zugleich die Bekehrung deS Apostaten. Es ist die prinzipielle Ableugnung und die thatsächliche Bekennung deS menschengeschlechtlichen Berufes. Seht ihr nicht, daß solche Ungereimtheiten für die Dauer nicht bestehen können? Haben wir euch nicht tausendmal schon gesagt, daß die Natur der Dinge euch nothwendig von euren Lügen wieder zurück in die Tra­ditionen deS Dogma, oder weiter über alle Traditionen hinaus trei­ben muß? Ihr wollt die Herrschaft der Majorität, aber, indem ihr eben die Herrschaft wollt, wollt ihr die Majorität nur insofern, als sie euren Berusöansicheen nicht in den Weg tritt, ihr wollt sie alS die Herrschaft eurer Offenbarung. Hier ist aber mehr als Io­hannes, hier ist Christus!" rufen euch in demselben Moment die Ab­solutisten zu, und die Absolutisten haben Recht.

Ferner! Wie ihr die Lehre deS menschengeschlechtlichen Berufes und damit der Herrschaft zuerst vernichtet habt, so habt ihr auch zuerst die Anarchie, die freie Berechtigung der Individuen und ihrer natürlichen Beziehungen zu einander gepredigt. Oder predigen eure sogenannten Menschenrechte, eure Grundrechte etwaS anderes? WaS bedeutet denn ein unveräußerliches Menschenrecht? Sind derartige Rechte nicht eine theilweise Zurückweisung der Herrschaft überhaupt, gerade wie eure Verfassungen Beschränkungen der herrschenden Person sind? Und habt ihr nicht Sorge getragen, daß die Summe solcher Menschenrechte immer größer und der Umfang der Herrschaft also immer kleiner wurde? Ihr habt freilich gleich nach Dekretirung der Menschenrechte euer übliches pater peccavi gestammelt, habt die Men­schenrechte suöpendirt, der Univcrsalherrschast wieder das Wort gespro­chen, ihr habt der traditionellen Obrigkeit wieder Herz und Seele, Hirn und Gewissen der Menschen zum Fraß hingeworfen, daö Alles beweist aber nur für eure Feigheit und Inkonsequenz, für eure Halb-< heit und euren Verrath am eignen Geiste.

WaS aber die Hauptsache ist, so fragen wir euch, ob ihr eS nicht seid, die ihr alle Individuen von der Solidarität bed Menschen­geschlechts hinsichtlich seines Berufes losgesprochen habt? Reißteurer freien Konkurrenz die MaSke vom Gesicht und antwortet unS, ob dieses Verstoßen der Menschen, dieses AuSeinanderjagcn Aller, dieses Ver­weisen der Menschen auf ihre eigene Kraft nicht der traditionellen Herrschaft, der Lehre vom menschengeschlechtlichen Beruf den Todes­stoß geben, ob daS xicht die Lehre der Anarchie mit Gewalt herauf- beschwörcn mußte?WaS hilft mir euer Staat, eure Herrschaft?" schreit der hungernde Proletarier, eure Gesetze lassen mich Herben und verderben, eure Herrschaft besteht in den Ketten eurer Gefäng­nisse, euer mcnschengeschlcchtlicher Beruf ist der Todschlag der Armen zu Gunsten der Reichen!" Der Unglückliche hat Recht. Verlassen, verstoßen, der Verzweiflung überantwortet, nackt und krank in die Wüste gejagt mit den Worten:hilf dir selbst!"; wir möchten doch wissen, ob daS keine Sippe Hatton an daS souveräne Individuum wäre, keine Verwerfung der dogmatischen Herrschaft? DaS muß ein sonder­barer Beruf deö Menschengeschlechts sein, der auf Haufen von Leichen und Sterbenden gipredigt wird, der sich erfüllen soll, während die Gesellschaft sich von einander fremd macht, sich zu T^ger- und Hyäncn- banben organisirt?

Cs darf keine Herrschaft, keinen Menschenberufs keinen Staat mehr geben, alle Traditionen müssen fallen, wer will etwaS dagegem?