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Dritter Jahrgang.

pedition (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petikzeile 8 Hlr.

Mr NO. Kassel, Donnerstag den 18. April 1850e

In Sachen der Demokratie.

2.

Wir haben und sowohl in politischer als in religiöser und sozia­ler Hinsicht gegen den sogenannten historischen Fortschritt erklärt. Eine größere Lüge, einen erbärmlicheren Solfdbetrug kann es überhaupt nicht geben, als die Phrase deshistorischen Fortschrittes". Man wende unS nicht ein, daß die Menschen doch immerhin fortgeschrit­ten seien. DaS ist wahr, aber sie sind es nicht durch und wegen deâ historischen Fortschrittes, sondern trotz demselben. Die Lüge ist immer ohnmächtiger als der Instinkt des Volkes, als die eiserne Nothwen­digkeit des EristirenwollcnS.

Die Lehre vom historischen Fortschritt ist die Lehre der Pfaffen, der Despoten, der sozialen Wegelagerer. Alle diese Tyrannen deS Menschengeschlechts, welche in innerster Seele allen Fortschritt vcr- fluchen, dem absoluten Stillstand huldigen, verstehen sich in bedrängten Augenblicken zu gewissen Konzessionen, sie machen den Bestand ihres Besitz- thums den heißhungrigen Geistern mundgerecht, sie dehnen ihre Doktrin wie Gummi elasticum aus. Diese Thätigkeit preisen sie als den historischen Fortschritt.Nennt'S, wie ihr wollt!" rufen diese Volköbetrüger nennst Gott oder Teufel, Nationaleigenthum oder fürstlichen Besitz, alterirt nur den Bestand nicht, achtet nur den historischen Kern, gesteht der Sache nur die Existenz zu." Damit ist freilich AllcS zugestanden. In bessern Zeiten wird der Teufel schon wieder zu seinem Rechte kom- men, wird man die Ueberschrift alsNationaleigenthum" schon wieder fortzuschaffen wissen.

Man sollte denken, der historische Fortschritt des JahreS 1848 hätte alle Welt gründlich von dieser Phrase kuriren müssen. AlS ob nicht heute bereits der ganze alte Zustand wieder zu Kräften gekommen wär? AIS ob nicht die alten Götter und Teufel wieder auf Tischen und Bänken tanzten, als ob der Blocksberg nicht vollkommen restau- rirt wär? Daâ ist keine Zufälligkeit, daö ist die raison der That- sachen. Hatte man in Frankreich etwa die Monarchie geköpft, als man Seine Majestät über den Kanal jagte? War nicht die proviso- rische Regierung Seine Majestät LouiS Philipp II.? Ist nicht LouiS Napoleon Lomö Philipp I V.? War nicht die Göttin der Vernunft, die man in der ersten französischen Revolution der Absetzung Gottcö folgen ließ, derselbe Gott, nur auS einer Nebenlinie, war" nicht die Einsetzung deS legitimen Gottes durch NobeSpierre eine ganz natur- gemäße Contrerevolution? Ist Karl V. in Frankreich nicht berechtigter als die Herzogin von Orleans?

Man wird und mit der Unmöglichkeit antworten, sich ganz von den Cardrnalidccn deS menschlichen Geschlechts, von den 4000jährigen Traditionen loSzusagen. Diese Antwort bedeutet zunächst nichts als die friedliche Unterwerfung unter dieewige Krankheit", die sich nach Göthe auf die Enkel forterbt. Sie ist aber ferner auch die Verdammung alles und jeden Fortschrittes, die Heiligsprechung der Contrerevolution.

Man gewöhne sich an'S Denken! Wenn das Menschengeschlecht von einer Idee nicht loskommen kann, so muß diese Idee nicht seine Idee, sondern eine ihm aufgezwungene, gegebene sein, die Nothwen­digkeit ihrer Annahme liegt dann in der unleugbaren Thatsache, im Objekte. Ist Gott eine solche Thatsache? Thatsachen sind Donner und Blitz, Sturm und Regen, Wolken und Sonnenschein. Ohne die Uroffenbarung gibt es nur ein Gott als Fiktion, alâ menschliche Hy­pothese. Ist nun, weil die Griechen über den Blitz nicht anders als mit Hülfe Jupiters, weil die Christen über den Tod nicht anders wtgkommen konnten, als durch den tödtenden und wieder erweckenden Gott, ist dadurch nun Gott zu einer Realität, zu einer so unleugbaren ^hatsache geworden, daß ich ihn zwar der Art ncch, aber nicht in inner Existenz aufheben darf? Kann ich die Erbschaft der indischen Hypothese nicht ganz ausschlagen, darf ich sie höchstens cum 1 ene- ,u,o inventarii antreten?

Ihr wollt nicht denken! Die konstitutionelle Partei ruft:Laßt mich mit eurem Gott ungeschoren, suche ein Jeder damit fertig zu werden, so gut geht! Genug, wenn wir euch Glaubens- und Gewissensfreiheit, wenn wir euch also die Erlaubniß geben, eine ge- sinnungötüchtige Opposition gegen den Jehovah zu machen." Eine ge-- sinnnngâtüchtige Opposition! D. h. ihr dürft einerseits von Gott still­schweigen, andererseits müßt ihr aber beweisen, daß ihr im höchsten Fall einen konstitutionellen Monotheismus wollt, wo Gott nicht ge­rade zudringlich werden darf, wo ihr eurerseits ihn aber auch nicht aus dem Regiment treiben wollt. Sollen die Demokraten diese kon­stitutionelle Lüge fortsetzen, indem sie auS Schwäche den Vordersatz nachgeben, daß die GotteShypothese eine ewige, objektive sei, und sich nur für den Nachsatz die nöthige Modulation vorbehalten? Ist das demokratische Freiheit, dem Menschen die Souveränetät in­nerhalb der Tradition, innerhalb der absolutistischen Fundamental­sätze zu gestatten? In den GotteSkreiS gebannt, wollt ihr den Men­schen frei geben?Philosophirt über die Knute, so viel ihr wollt", sagt Nikolaus,erkennt nur ihre Nothwendigkeit an." Ist daö ein Fortschritt, wenn ihr den dreieinigen Gott auf den Scheiterhaufen werft, um mit seiner Asche die ganze Welt zu düngen?

Weder die konstitutionellen Monotheisten noch die Pantheisten sind trotz ihrer Behauptung über den trivialen Saß hinaus:Jedes Ding muß seine Ursache haben." Wäre noch eine Widerlegung nöthig, so würden wir antworten, daß jedes Ding sich selbst zur Ursache habe. Aber die Widerlegung ist unnölhig. Ihr habt das selbst bewiesen.

Entweder ist Gott der geoffenbarte Gott, oder der Mensch muß über die GotteShypothese hinwegkommen. Entweder ist Gott ein per­sönlicher Gott, oder cs gibt kein Gott. Gott alS Kraft, Weltgeist oder als sonstiger mundgerechter Gott ist nichts anderes als eine Phi­losophie aus Angewohnheiten, eine Metaphysik mit oktroyirten Grund­ideen. Das Volk begreift und will eine solche Philosophie nicht, der demokratische Pantheismus führt, wir wiederholen ed, nothwendig zu der Robeöpie,reschen Restauration des höchsten Wesens.

Gott ist Produkt deS MenschcngeisteS. Er ist eine von jene» Ideen, zu denen der Menschengeist durch die verschiedenen in ihm le­bendigen Kräfte getrieben wird. Aber diese Kräfte sind in ewiger Unruhe, in ewigem Wechsrl. Wenn ihr morgen wieder nach der Spitze des Schiffes sehet, so werdet ihr finden, daß seine Richtung eine an­dere geworden, daß es vom Kourse abgefallen ist. Warum duldet ihr dieses Abfallen nicht? Warum wendet ihr alle Kraft auf, daS Schiff im alten Kourse zu halten? Wißt ihr so gewiß, daß der alte Kours der richtige ist? Wißt ihr nicht, daß ihr Wasser in das Faß der Da» naidcn tragt, daß ihr bei Tage arbeiten sollt, um deS NachtS den Dingen ihren Lauf zu lassen? Ihr seid sonderbare Menschen! Weil jeder Charakter seinen eigenen KourS inneyält, so glaubt er an daS Ziel zu gelangen, daâ er im Auge hat, und ist empört, reaktionär, contrerevolutionär, wenn er plötzlich gewahr wird, daß daâ Land, daS er gefunden, nicht fein Amerika ist.

Wir werden vom Monotheismus und Pantheismus loskommen. Diese Tradition werden wir abwerfen. Und wenn daS möglich ist, sollen wir dann von der Monarchie nur bis zur Demokratie, vom Monopol nur bis zum PanpoliömuS befreit werden?

D e u t s ch l a n b.

! Eschwefts, 15. April. Auch hier muckl^S in Dank­adressen , mit Vilmar'scher Beweisführung vou kostspieliger Organisa­tion der Verwaltung und Justiz. Lieber leioe der Bürger Unrecht, als auf so kostspielige Weise Recht zu erhalten. Daß H. alâ Retter der Religion bis in den Himmel gehoben wird, können Sie denken. Verfasser Ehren-Lieberknecht, Adressensawwler der närrische Buchbinder und BezirkSwochenblattredakteur A und ein Expedient deS Hrn. Volmrr.