Erjcbeint täglich, Montags ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis 24 Sgr. Einzelne Nummern in der Er-
P rittet Jahrgang.
pedition (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 HW. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeite 8 Hlr.
H orNiss e.
IT 8S.
Kassel, Mittwoch den 17. April
185Oe
In Sachen der Demokratie.
1.
Die Freiheit ist einig und untheilbar. Eö ist in diesen Blättern bereits auf den nothwendigen Zusammenhang der Monarchie, deö Monopols und des Monotheismus, sowie der Demokratie, deö Pantheismus und deS Sozialismus aufmerksam gemacht. Im Namen der Freiheit und der Revolution müssen wir auf dieses Kapitel zurückkommen.
Es ist nicht ganz genau, die Demokratie, den Pantheismus und den Sozialismus nebeneinander zu stellen. Gewiß wäre es besser, zu sagen: Panarchie, Pantheismus und PanpoliSmuS. Jedenfalls ist aber die Verwirklichung dieser TriaS nicht das letzte Ziel unserer Entwickelung.
Ohne Zweifel ist die Pavarchie nichts Anderes, als die flüssig gemachte Monarchie, der Pantheismus nichts Anderes, als der aufgelöste Monotheismus , der PanpolismuS nur daS verallgemeinerte Monopol. Damit ist aber nichts gewonnen. Damit hätten wir die alte Tradition, nur in anderer Form, wir hätten die historische Herrschaft, den historischen Gott, daS historische Privileg, nur ein wenig mehr oder weniger verwässert. Wer bürgt uns dafür, daß sich nicht der neue Pantheismus über Nacht einmal wieder zum Monotheismus kon- densirt, die zur Panarchie zerstreuten Glieder der Monarchie sich nicht eines Morgens wieder zusammenraffen, daß nicht übermorgen der PanpolismuS sich wieder zum MonopvliSmuâ verdickt?
Es ist keine neue Lehre, wenn wir als letztes Ziel deö Fortschrittes die A n a r ch i e, den A t h e i s m u 6 und den A p v l i S m u S hinstelle», d. h. die totale Auflösung deS historischen StaateS. Erschreckt ihr? Was können wir dazu, daß eö soweit gekommen ist? Stemmt Euch mit Händen und Füßen dagegen, wälzt den Olymp auf die Entwickelung des Menschengeschlechts, massakrirt ganze Generationen; — wenn ihr daö Hirn nicht aus den Köpfen erstirpirt, so geht die Weltgeschichte doch ihren Gang, so langen wir schließlich doch bei der Anarchie, dem Atheismus und dem ApolismuS an.
Armselige Menschen! Ihr wollt keine Demokratie, keinen Pantheismus, keinen Kommunismus, und ihr werdet die politische, soziale und religiöse Anarchie haben.
Seid Ihr nicht Mitschuldige an diesem Resultate? Wir meinen Euch, die Konstitutionellen! Wer hat den Sturm loSgebunden, der so fest in den Bergen lag? Haben Euch die starren Herren der Symbole und der Traditionen, haben Euch die Gläubigen der Monarchie, des Monopols und des Monotheismus nicht vor Jahren zugerufen: „Ihr seid Anarchisten und Atheisten!"? Ihr waret'ö, es ist nicht anders! Ist die Beschränkung der absoluten Monarchie nicht schon die Panarchie, die Demokratie? Und ist die Demokratie nicht die Anarchie in den historischen Staat übersetzt? Waö ist eure Glaubenö- und Gewissensfreiheit, waS ist die Verwerfung der Nothwendigkeit einer Taufe anders als der Pantheismus? Und was ist Pantheismus anders als der Atheismus, vermittelt durch den historischen Staat?
Die konstitutionelle Monarchie ist eine Lüge, denn sie ist feige. Sie wagt es nicht, um Mitternacht, hinter verschlossenen Thüren, in den Spiegel zu sehen. Sie würde vor ihrer eigenen Gestalt erschrecken. Die konstitutionelle Monarchie zittert vor dem entsetzlichen Prozesse deâ einsamen Nachdenkens, wo die Gedanken sich selbst erwürgen, und Ankläger, Vertheidiger und Richter in einer Person vereinigt sind. DaS ist der wahrhastige Grund, warum die konstitutionelle Partei in den letzten Jahren wieder unterlegen ist. Am Staatsruder nutzt'ö nichts, sich vor seinem eigenen Geiste zu verstecken, da tritt dieser eigene Geist als lebendige Opposition auf, da wird der Selbstmord als Mord der Opposition vollzogen. Indem Ihr genöthigt wäret, ie Demokratie zu verfolgen, schicktet Ihr die Schergen gegen Euer
eigenes Hirn aus, da brandmarktet Ihr Euer eigenes Evangelium. DaS ist der furchtbare »Fluch, der auf Euch lastet, daâ ist die Missethat, die Ihr begangen habt. Ihr habt unS bluten heißen für Euch; rasend, verzweifelnd über Eure Doktrin habt Ihr die Kinder erwürgt, die Ihr in besseren Tagen gezeugt hattet. Begreift Ihr DaS? Begreift Ihr nun den Zorn, den Haß der noch übriggebliebenen, noch nicht erschlagenen Demokraten?
Aber beruhigt Euch. Im großen Drama der Weltgeschichte wird auch der Fluch vergessen, der an Euch haftet, verliert sich auch der Zorn, der Euch im Augenblick blutroth gegenübersteht. Innerhalb deö historischen StaateS habt Ihr gehandelt, wie Ihr handeln konntet. Innerhalb dieses StaateS wird jede sogenannte Fortschrittspartei ihre eigene Doktrin verleugnen, sie wird sich immer weiter vom Fortschrite zurückziehen, sie wird zuletzt bei der alten Tradition, bei der al- ten Gläubigkeit anlangen. Alle sogenannten Freiheiten, die eine solche Partei in ihrer ersten Ertase dekretirt, wird sie bei ruhigem Blute wieder vernichten. Eine Fortschrittspartei, als Herrschaft im Staate gedacht, ist nichts als die Contrerevolution auf dem Wege der Hinterlist, deS Jesuitismus, und schließlich, wenn sie aller Schaam baar, wenn sie verachtet und verflucht ist, der brutalen Gewalt. Im Namen der Ehrlichkeit und Offenheit, im Namen der Feindschaft gege» den JesuitiSmuS, die Hinterlist und Heuchelei, gegen die Konfusion der sittlichen Begriffe, protestiren wir gegen jeden Fortschritt innerhalb des historischen StaateS!
Deutschland.
△ Kassel, 16. April. — Preußen ist vergleichbar einem Esel zwischen zwei Bündeln Heu, — erlauben Sie mir diese alte, wenn auch nicht schmeichelhafte Vergleichung. Eine ästhetische Gothaer Seele würde freilich von einem „Herkules am Scheidewege" schreiben. — Die Scheidewege sind allerdings da, — aber vom Herkules ist Nichts zu sehen. — Eine tragikomische, eine erbärmliche Rolle spielt die Diplomatie dieser Hohenzollern, spielt dieser Bayard-Radowitz, — eine Politik, die sie weder vom großen Kurfürsten, noch von einem Friedrich dem Einzigen, noch von der „hochherzigen" Königin Mutter Louise geerbt haben können. Diese Hohenzollern könnten ganz gute Soldateu sein, wenn ihnen die Kourage in neuerer Zeit nur etwas früher käm^ bevor ihnen die steigende Fluth deS Unglücks an den Hals geht. Statt dessen wählen sie die Politik, die Diplomatie zu ihrer friedlichen Unterhaltung , und lassen die elenden, feigen Grundsätze eines Haugwitz und Luche si n i und nicht die des heldenkühnen Verfassers deö Antimachiavell sich zum Muster dienen. Und natürlich! Muster wie ein Friedrich II., wie ein Stein, ein Humbold sind für diese einfältige ukermärkische Kamarilla, für die Kinder der ReichSstreu- sandbüchse unbegreifliche, unnachahinbare Wesen. So etwaSJesuitiömuS, modern-protestantischer, und etwas Tölpelei ist ihre ganze Kunst. Eö ist gewiß, daß diese Kamarilla gern Preußen biö zur Mainlinie aus- gedehnt und dafür den Namen Deutschland usurpirt hätte, — aber die Kourage, die Kourage! Oesterreich droht auf die höflichste, Rußland auf die verwandtschaftlichste Weise ! Und ach! von der ander» Seite drängen sich die.unvermeidlichen, apetitlichen Mondkälber von Gotha förmlich zum Fraße herbei. Jammer und Elend! Man darf sie nicht verspeisen! Man muß die Opfer zurückscheuchen, da dir lüsternen Raben nicht niedersteigen dürfen. Wie muß man sich winden zwischen Furcht und Gelüsten, zwischen russisch-österreichischen Knuten- befehlen und Professoren-Zumuthungen gestützt auf voreilige Versprechungen, zwischen Hunger und Verschlingen. „Dieö Hangen und Bange» in schwebender Pein !" — Bei Gott, dieses HauS Hohenzollern ist ei» armer Schächer! Und waö ist daS Endziel? Zwei over drei Hälmchen Heu von der Volkâseite und Nichts von der ander».