Dritter Jahrgang.
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Up- 88. Kassel, Dienstag den 16. April 1830.
Noch eine Abrechnung.
Jetzt, nachdem die Contrerevolution gesiegt hat, die konstitutionelle Partei, mit Schmach und Schande beladen, zur Ruhe und Ord- nung verwiesen ist, wird auf einmal, gewissermaßen zur Beschönigung des konstitutionellen Verraths und Treubruchs, die Behauptung wieder laut, daß die Demokraten an dem ganzen Elend Schuld seien. Wir müssen auch dieser Behauptung einige Zeilen widmen.
Wäre die konstitutionelle Versicherung wahr, so brauchten sich die Demokraten deshalb keine grauen Haare wachsen zu lassen. Der Segen einer konstitutionellen Monarchie ist hinlänglich bekannt. ES ist so ziemlich gleichgültig, ob daS Volk von der Spießbürgerschaft oder von der Monarchie getreten wird. Ja, eS ist sogar räthlich, lieber die alte Knute, an deren Schläge man sich bereits gewöhnt hat, beizubehalten, als sich einer neuen zu unterwerfen, die sich obendrein nicht als Knute, sondern als den Stab Mosis introduzirt. Die Für» sten haben daS Prügeln deö Volkes nun schon so lange betrieben, daß eS fast den Reiz für sie verliert, daß sie zuweilen einmal eine Abwechselung verlangen, daß man sich zuweilen ganz leidlicher Stunden unter ihrem Regimcnte versehen kann. Die konstitutionelle Partei würde aber mit fitster Kraft an daS neue, so interessante Geschäft gehen und, bei der Unsicherheit der dermaligen Zustände, sich in aller Eile und mit aller Gier ihren Beutel zu füllen suchen.
Oder hat die Demokratie Verpflichtungen gegen die konstitutionelle Partei? Sind wir gehalten, die Plünderungen der Spießbürgerschaft zu protegiren? Sind wir verpflichtet, uns selbst als Beute für unsere Feinde hinzugeben? Wenn die Demokratie wirklich an dem Bankbruch der konstitutionellen Partei Schuld ist, so hat sie einen Theil ihrer Aufgabe erfüllt, so hat sie sich ihrer Haut gewehrt. Kann man ihr daraus einen Vorwurf machen? Ist es nun bereits ein Verbrechen geworden, sich nicht auf Kommando plündern, bestehlen, mas- sakriren zu lassen? Ist eS nicht sehr weise, sich so viel Mörder vom Leibe zu halten, als möglich?
Die Demokratie soll zu viel verlangt und dadurch alles verloren haben. Das ist nicht wahr. Mögen die konstitutionellen Rechte nach Pfunden oder Metzen berechnet werden, die Demokratie hat mit dieser politischen Arithmetik nichts zu schaffen. Die Demokratie hat nicht etwa ein paar Pfund politischer Rechte mehr gefordert, als die konstitutionelle Partei, sie hat auf daö gerade Gegentheil von dem Anspruch gemacht, was die Konstitutionellen verlangt haben. Die Prinzipien der konstitutionellen Partei lassen es freilich zu, für den Nothfall sich mit eiwaö weniger Freiheit zu behelfen, sich nach den Umständen einzurichten. Die Demokratie ist weniger gefügig und bescheiden, sie eristirt entweder ganz oder gar nicht. Will man eS nun der Demokratie verdenken, daß sie in dem Skandal, den die Konstitutionellen anno 1848 angerichtet, auch ihrerseits sich geltend zu machen suchte? Oder mußte die Demokratie zu Gunsten des konstitutionellen MäkelgeschäftS ihre Hände in den Schooß legen und auf ihre Zukunft Verzicht leisten? Mußte die Demokratie ruhig zusehen, wie ihr Gegner sich so viel Rechte in den Sack zu stecken suchte, als zu seiner Sicherheit und zur Plünderung deS Volkes nothwendig waren? DaS wär' eine sonderbare Zuinnthung.
Die Demokratie hat ihrerseits Eroberungsversuche gemacht, und tie konstitutionelle Partei ihrerseits. Waö gehen sich die Demokraten und die Konstitutionellen an? Die Eroberungsversuche sind mißlungen. Sie sind bei den Demokraten mißlungen, weil die Demokratie ihre Zukunft nicht auf einzelne Piratenzüge, sondern auf etwas ganz ande- res zu setzen hat, sie sind bei den Konstitutionellen mißlungen, weil
— — Aber greifen wir nicht vor.
Nicht die Demokraten sind an dem Unglück der konstitutionellen
Partei Schuld — leider nicht!!! — sondern die Logik, der gesunde Menschenverstand. Oder, wer in aller Welt hinderte denn die Herren Dynasten, mit ihren getreuen Konstitutionellen sich über eine konstitutionelle Verfassung zu vertrage»? Nachdem die Demokratie ge- standrechtet war, konnte man ja im schönsten Einverständniß leben. Hatten die Herren Dynasten nun die Lust verloren? Hatten sie vor den paar demokratischen „Schreiern" einen Schrecken bekommen? Wankelmüthige Fürsten, ängstliche Dynasten! Also, eure gepriesenen Tyrannen verstehen sich nur zum KonstitutionaliSmuS, wenn ihr hübsch artig seid, wenn alles ganz nach Wunsch geht? Sobald sich daö Volk ein wenig flegelt, wird die konstitutionelle Monarchie wieder über Bord geworfen und die Despotie hervorgeholt. Zuverlässige Dyna- sten, sehr konstitutionelle Fürsten, fürwahr!
Die Sache verhält sich so: Im Grunde ihres Herzens sind eure geliebten Landesväter sämmtlich die gründlichsten Feinde der konstitutionellen Monarchie. Und mit Recht. Eine starke Regierung muß in unsrer Zeit sein. Eine konstitutionelle Regierung ist aber keine starke Regierung, sondern eine sehr schwache. Sie ist obendrein eine revolutionäre, weil sich das Volk, wie gesagt, noch immer lieber von den gotteögnädigen Fürsten, als von der spießbürgerlichen „Canaille" schinden läßt. „Zum Adel kann man nicht zurück, bei der Bourgeoisie kann man nicht stehen bleiben, ohne das Proletariat aufzuwiegeln, daS Proletariat ist aber die Vernichtung deü Staates, man muß sich also den Adel, die Bourgeoisie und daS Proletariat in gleicher Weise vom Leibe halten, man muß despotisch regieren." — DaS ist die gesunde Logik eurer Fürsten.
Die Despotie ist heutzutage eine unumgängliche Nothwendigkeit. Ohne Despotie läßt sich gar nicht mehr regieren. Oder glaubt ihr, das Volk werde sich zufrieden geben, wenn es weiß, daß eö euch gut geht, daß ihr regiert, daß ihr satt zu essen und zu trinken habt? WaS geht ihr dem Volk an? Nur keine Illusionen! Wenn ihr an'S Ruder kommt, so müßt ihr dieselbe Logik predigen, wie der Oberste der Aristokratie, der Beelzebub-Monarch. Die Obersten der Bour- geoiâtcufel, die Beelzebubs der Banken, müssen sich vom Klcinbürger- thum scheiden und eben so gut die Knute schwingen, als die Beelzebubs der Throne.
Glaubt ihr, die Fürsten wüßten daS nicht? Meint ihr, eS hätte erst einiger demokratischer Putsche bedurft um euren Landesvätern die Nothwendigkeit der Despotie zu beweisen? Haltet doch eure gnädigen Herren nicht für dümmer, als ihr seid. Der Teufel ist einmal loö, der alte Staat ist aus den Fugen. Der Mangel an demokratischen Putschen würde nur andeuten, daß nächstens daö Donnerwetter in seinem ganzen Umfange loSbräche.
Wir wiederholen: Nicht die Demokraten sind an eurem Elend Schuld, sondern die Logik. Ihr müßt nicht die Demokraten anklagen, sondern die Demokratie. Freilich, wenn's gar keine Demokratie gäbe und geben könnte, wenn mit der konstitutionellen Monarchie die Weltgeschichte ein Ende hätte, dann allerdings würden sich die Fürsten vielleicht zu dieser gepriesenen StaatSform überreden lassen. WaS können aber die Demokraten für die Demokratie? Wenn auch die Demokraten nicht geputscht hätten, der Geist der Geschichte, die eiserne Konsequenz hätten geputscht. Verlangt ihr, daß die Demokraten der Demokratie den Hals hätten umdrcheu sollen? Köpft einmal die Logik, wenn ihr'S könnt.
Ihr seid gefallen, weil ihr fallen mußtet, weil ihr nicht einsehet, daß eine despotische Regierung die einzig haltbare StaatSform der Jetztzeit ist, over daß eine despotische Regierung keine getheilten Gewalten dulden darf. Wäret ihr gescheidt gewesen und hättet ihr wirklich so ein heißes Verlangen nach der Süßigkeit der Regierung gefühlt, so mußtet ihr die Fürsten zum Teufel jagen und eine Spießbürgerrepublik gründen. Nur keine konstitutionelle Monarchie, daö war ein Irrthum.