Erickeint täglich, Montags auSgenom: men. Vierteljährlicher AbonnementSpreiS ‘24 Sgr. Einzelne Nummern in der Ex-
Dritter Jahrgang.
pedition (obere Entengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch a»e Postämter zu beziehen. Instkate die dreispaltige Petitzeile 8 Htr.
Mr- 87. Kassel, Sonntag den 14. April 1830.
Die Lage Schleswig-Holsteins.
2.
Di- Statthalterschaft, wie die frühere provisorische Regierung, besteht auö den „besten" Männern deS Landes. Schleswig-Holstein hat das ganze Gewicht dieses Superlativs empfinden müssen. Die „besten Männer" konnten natürlich nie über den Gothaer Standpunkt hinauskommen; fie fügten sich in den Augenblick, ließen sich von den Ereignissen drängen und treiben, dachten nicht weiter, als das Ministerium Brandenburg-Manteuffel zu denken erlaubte, und übten sich in Treue und Glauben, im Vertrauen auf die preußische Ehre, auf die Deutschheit Seiner romantischen Majestät und dergleichen Phantome, wie sie nun einmal der rechtschaffene Gothaer zu seiner Selbsttäuschung und zur Verdeckung seiner Jdeenarmuth und Thatlosigkeit nicht entbehren kann. Wer will es ihnen verüble«? Was können die Herren Beselcr und Reventlow dazu, daß sie unglücklicher Weise gerade die besten Männer der schleswig-Holsteinischen Lande sind? Die Statthalterschaft war eine Kreatur Preußens, sie lauschte auf die Befehle Bonin's, der als unumschränkter Pascha in den Herzogthümern herrschte, mit echt preußischer Brutalität seinen Säbel in die Waag- schaale warf, sobald sich daâ Zünglein der statthalterschaftlichen Regierung ein klein wenig zu Gunsten der Vvlkâintereffen neigte, und für diese seine Gefälligkeit nichts verlangte, als schuldigen Gehorsam und lumpige 25,000 Mark jährlichen Gehalt nebst den nöthigen Diäten zur Bezahlung seiner hochadeligen Schulden in Berlin. Man sieht, die preußische Knute ist billig zu haben. Die Statthalterschaft erkannte dies an und ließ ihrer SeitS den Wünschen Sr. kriegerischen Excellenz gleich billige Berücksichtigung widerfahren. Zu diesen zu erfüllenden Wünschen gehörte nun vor allen, daß in Fragen der innern Landeöverwaltung reinweg gar nichts geschähe, damit nicht der Zwiespalt mit dem legitimen Landesherrn benutzt werde, um demokratische Gesetze und Institutionen in die getreuen Provinzen einzuschmug- gcln. Die LändeSversammlung, welche trotz ihrer Beamtenmajorität die Gefahr wohl einsah, hatte gut mahnen: Bergt wenigstens für daS eigene HauS so viel, als zu bergen ist, gebt Gesetze, welche die Adelsprivilegien abschaffen und die rechtölose Lage der Insten verbessern, macht eine Verfassung, so lange es noch Zeit ist. Schickt die Depu- tirten nach Hause, sobald die erforderlichen Steuern verwilligt sind, befahl Hr. v. Bonin; und kaum hatte die Landesversammlung allemal jene Fragen in Anregung gebracht, so wurde sie vertagt. Die LandeS- versammlung kostet zu viel, wir müssen sparen, wir haben daâ Geld sonst nöthig ! Zur Führung des Kriegs — sagte die Statthalterschaft; Zur Bezahlung meiner Schulden — dachte Hr. v. Bonin. So geschah denn für die Gesetzgebung reinweg nichts; daS einzige bischen Gesetz, daS man glücklich zu Stande gebracht hatte, nämlich ein auf mäßig demokratischen Grundlagen beruhendes Militärstrafgesetz, wurde, alâ eS bereits publicirt und mit Erccution begonnen worden war, von dem mittlerweile aus Berlin zurüffgekehrten Pascha Bonin sofort ft flirt und für ungültig erklärt.
DaS wurde doch endlich auch der geduldigen LändeSversammlung zu arg. Sie begann einzusehen, daß Bonin und seine preußischen Offiziere als Schergen und Henker der schleswig-Holsteinischen Sache aus Berlin hergeschickt waren, daß der Held von Gudsoe dieselbe Mission für den Frieden und den Fall einer selbstständigen Erhebung erhalten, welche Ehren-Wrangel und Prittwitz im Kriege so erfolgreich bethätigt hatten. Daher waren bereits seit Oktober v. I. alle ihre Anstrengungen darauf gerichtet, die Entfernung Bonin'S und der preußischen Offiziere von der Statthalterschaft zu erwirken. Hr. v. Bonin hatte aber seine Schulden noch nicht alle bezahlt, und die Statthalterschaft hoffte in Gothaer Manier noch immer und hatte sich der selbst
thätigen Handlung entwöhnt. Waâ die LändeSversammlung vergebens erstrebte, und die Statthalterschaft auâ eigenem Willen zu thun unfähig war, daS hat die Gewalt der Ereignisse zu Wege gebracht, daâ ist durch die entscheidende Wendung der diesmal unbesonnenen Diplomatie, welche wir in dem vorigen Artikel auSeinanderzusetzen gesucht haben, bewirkt worden. Bonin sammt seinen preußischen Offizie- ren ist entlassen, und der wegen seiner polnischenSym- pathien auS dem preußischen Militärdienste entlassene Willisen an seine Stelle getreten. Täuschen wir uns nicht über die Bedeutung dieses Ereignisses. Dieses Ereigniß bedeutet vollständigen Bruch mit Preußen, eS bedeutet Krieg! Wer noch darüber in Zweifel sein sollte, der wird auS seiner Ungewißheit durch folgende gouvernementale Zornesaufwallung, die sich im gestrigen amtlichen „StaatSanzeiger" findet, gerissen werden: „Es verlautet, daß der pensionirte preußische Generallieutenant von Willisen, welcher sich nach Kiel begeben hat, ohne eingeholte Zustimmung der preußischen Regierung daS Kommando über die schleâwig- holsteinischen Truppen übernommen habe. Insofern sich diese Nachricht bestätigen sollte, würde daâ Verhalten deâ genannten Generals zuverlässig die Anordnung einer gerichtlichen Untersuchung und eventuellen Ahndung von Seiten der preußischen Regierung zu Folge haben." — Willisen's Proklamation an daâ schleSwig-holsteinische Heer schließt mit den Worten: „Ganz Deutschland, Europa wird auf unS sehen, und alle edle Herzen und Waffenbrüder, welche die Politik im Augenblicke der Gefahr von uuâ zu trennen droht, werden mit uns sein, wenn wir Männer sind. Schwören wir, eS sein zu wollen, zu fallen, wenn eS sein muß, aber unbesiegt!" Amen! Die Demokratie aber möge sich in's Gedächtniß prägen, daß die schleSwig-holsteinische Frage nunmehr auS den Händen der Diplomatie gerettet und weit über den ursprünglichen spießbürgerlich nationalen Gesichtspunkt erhoben ist; der Kampf, welcher an der Eider entbrennen wird, ist ein Kampf deS Volkes gegen den diplomatischen Absolutismus, er ist ein Kampf der Republik gegen die Despotie. B.
Deutschland.
Marburg, 12. April. — Gestern stand hier der Töpfcrgescllè Krauâ von Neukirchen wegen Majestätsbeleidigung vor dem Schwurgericht. Er war beschuldigt, in einem Wirthshaus zu Neukirchen bei einem Streite mit Soldaten, welche auâ Baden zurückgekehrt waren, am 28. Oktober 1849 die Aeußerungen gethan zu haben: „Der Kurfürst ist ein H . . . . Brigadier, er hat feine Frau gekauft, unrecht Gut geerbt, kann keinen Kaufbrief Nachweisen." Einige Soldaten machten Anzeige hiervon, zwei von ihnen beschworen ihre Angaben, drei andere Zeugen sagten wenig auS. Der Staatsprokurator Scheffer (nicht dessen Substitut Lotz, welcher in dem Prozesse gegen Thielemann wegen Majestätsbeleidigung unterlag und in dem Falle einer Wiederholung dieses Prozesses wegen Nichtigkeit sicher wieder unterliegen wird) trat als Ankläger auf, Obergenchtâanwalt Sternberg als Vertheidiger. Die Geschrvorenen, deren Obmann Buchhändler El wert war, verneinten einstimmig sämmtliche Thatfragen, und der Angeklagte wurde daher freigesprochen. — ES wird nicht ohne Interesse sein, an diese Verhandlung einige nahe liegende Betrachtungen anzuknüpfen. — Wundern kann eS zunächst, daß die StaatSprokuratorcn solche MajestätSbeleidigungSprozeffe nicht von vorn herein über Bord werfen, da dieselben wahrhaftig nicht geeignet sind, daâ Gefühl und Bewußtsein deS gottbegnadeten Fürsten- thumö in dem Volke wieder zu beleben, und da daS Schicksal solcher Anklagen vor dem Schwurgerichte nach den in Kurhessen zu bereits einem halben Dutzend gemachten Erfahrungen ziemlich feststeht. Sodann konnte man an dem Verhalten des StaatâprokuratorS, eines