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|ü rillet Jahrgang.

pedition (obere Entengaffe Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu dejiehen. Inserate die dreispaltige Pelitjeile 8 Hlr.

Hs'- 8S. Kassel, Freitag den 12. April 1850.

Die Auflösung der konstitutionellen Partei in Deutschland.

Es ist doch etwas eigenthümlich Großes um die Geschichte! Das beginnt freilich trivial genug und könnte ebensowohl der Anfang einer KreuzzeitungSmonatSschau, als die gedankenlose Kraftphrase eines preu- ßisch - einigen Deklamators in Erfurt sein. Aber dennoch: eS ist etwaâ eigenthümlich Großes um die Geschichte, um daS Siuneu und Schaffe» ihres Geistes, «m die ewigen Gesetze, welche da wirken und sich er­füllen, alles zur Ehre Gottes, d. h. zur Erlösung und Befreiung der armen, geknechteten Menschheit. Und wir, die wir unâ als lebendige Glieder in der menschheitlichen Geschichtsentwicklung fühlen, die wir vom Zeitbewußtsein erfüllt sind und in diesem Bewußtsein ringen und kämpfen, die wir die Menschenmafestät wiederhergestellt und von den Banden der Auctorität, der von der Kirche aufgedrungeuen Sündhaf­tigkeit und Niederträchtigkeit befreit haben, die wir die freie Selbst­bestimmung als obersten politischen und sittlichen Grundsatz aufstellen, wir müssen dennoch wieder anerkennen: ES gibt eine Geschichte, in deren Hand wir alS Werkzeuge stehen und fallen, die unsere Kräfte und Neigungen als Opfer erheischt, und gleichwohl oft einen Weg einschlägt, der mit unserem Hoffen und Denken in scheinbarem Wider­spruch steht, aber doch zum Ziele führt, schneller und sicherer, als wir zu wähnen vermochten. Ist daâ nicht Fatalismus, ist daS nicht die Aufstellung eines neuen Cultus? Nennt es, wie ihr wollt, eS gibt eine Geschichte und die Demokratie ist daö religiöse Bewußtsein der­selben.

So erkennen wir auch der Reaktion eine geschichtliche Mission zu, und diese ist: die Vernichtung derkonstitutionellen" Partei, die Zerstörung der Lüge und Halbheit, welche ihre trügerischen Netze um die Volksbewegung geworfen und Revolution und Errungenschaften in gleicher Weise erstickt hat. WaS der Demokratie nicht gelingen konnte, weil ihr keine Auktorität und Regierungsgewalt, noch nicht einmal ein allseitig ausgebildetes Parteibewußtsein zur Seite stand, daS wird der absolutistischen Reaktion gelingen, ja sie steht bereits dem Ziele ihrer Aufgabe nicht mehr fern. Als die konstitutionellenGut- und Blut"-Menschen zuerst die Hand gegen ihr eigenes Werk erhoben, als sie mit der Reaktion gegen die Reichsverfassung und ihre demokratischen Consequenzen nach DreSdrn und Baden auszogen, um das Brandenburger dreifältige Niemals" von ihren Kanonen nach­brüllen zu lassen, da war ihr fetzt sich erfüllendes Schicksal eigentlich schon entschieden. Richelieu sagte: Gebt mir drei Worte Geschriebe­nes von einem Menschen und ich bringe ihn an den Galgen! Ihr reichtet der Reaktion den kleinen Finger und sie nahm die ganze Hand und den ganzen Menschen mit Leib und Seele. Ihr verschriebt euch dem Herrn v. Radowitz und seiner Königsverfassung, und er hat euch in der civitas pacis" an'S Kreuz geschlagen. Diese einfache und natürliche Consequenz hättet ihr schon vom Herrn v. Richelieu lernen können. Es liegt ein weiter Weg zwischen Frankfurt und Erfurt, ein Weg voller Demüthigung und Treulosigkeit, der Weg führt über Gotha. Und wenn ihr nun am Ende eurer Laufbahn zurückblickt; was ist euch geblieben?

Ihr hattet die Herrschaft und mußtet sie euren reaktionären Verbündeten überlassen; ihr besaßt das Vertrauen deS Volkes und beutetet dasselbe im Namen eurerFreiheit und Einheit" auS, und die Verwünschungen dieses Volkes folgen euch nach, denn ihr habt dasselbe um die vorgespiegelte Freiheit und Einheit" betrogen und euch selbst mit; ihr hattet ein schönes, privilegirtcs System, so ganz nach dem Herzen der Guizot'S, Gagern und Wippermann'S, ihr opfertet diesem Götzen Ehre und Freiheit, man hat euch ein kon­stitutionelles Privilegium nach dem andern von der Seele gerissen und

den Rest helft ihr nun noch selbst in Erfurt zu Grabe tragen; ihr hattet hohe und erlauchte Verbündete, mit denen ihr kokettirtet, die euch brauchten und verbrauchten, sie werfen euch weg, wie eine ausgepreßte Frucht und trete» euch mit Füßen, weil sie euch verachten; ihr habt alles verloren und nichts gewonnen. Und nach allem und allem diesen nicht einmal ein offener ehrenvoller Tod, der euerm Mär- tyrerthum der Gesinnungslosigkeit wenigstens eine tragische Weihe ge­ben könnte; nein, ihr sterbt an Lächerlichkeit. Denn glaubt ja nicht, daß ihr noch umkehren und brechen könntet, wie euch eure besten Männer" im Augenblicke unbewachter Courage zurufen, ihr müßt den Kelch bis zur Hefe leeren, ihr müßt immer weiter und wei­ter, und sollte anstatt deS Herrn v. Radowitz der ebenso geistreiche Herr v. Gerlach euer bewunderter Führer sein, ihr müßt immer weiter und weiter und ginge es nach Rußland. Dahin geht eS auch. Wohin wolltet ihr umkehren? Zum Volke, gegen daS ihr eure Kriegs- und Polizeihaufen gehetzt, das ihr geächtet, gemordet und eingekerkert habt? Ihr könnt vom Absolutismus nicht lassen und er läßt nicht von euch, bis er seine geschichtliche Mission erfüllt hat, und dieser Zeitpunkt ist ganz nahe. Herr Andree, einer von eurenAllerbesten", ver­langt noch eine Antwort auf seine in der ReichSzeitung gethane Frage: ,/Hat man etwa nach Erfurt ein Parlament berufen, um eS zu inful- tiren?" Wir wollen ihm diese Antwort nicht schuldig bleiben: Ja, um eS zu insultiren und zu blamiren, um derkonstitutionellen" Partei den Todesstoß zu geben. Schlaft wohl! ihr habt viel gelitten.

Auch die demokratische Partei hat gelitten, aber ihr Blut floß im offenen Kampfe und unter den Kuaeln der Erekution, sie hat ihre Ehre und ihre Idee, sie hat die Zukunft gerettet. Wir haben viel Gräber zu hüten, aber die Gräber werden ein ErinnerungS- und Er­kennungszeichen sein in der finstern Nacht, die auf de» kurzen, gewitter­schwülen Tag unserer Erhebung gefolgt ist. DaS Volk wird zu ihnen wallfahrten und seinen Muth beleben und Begeisterung zum neuen Kampfe von ihnen mit hinwegnehmen. Aber Niemand wird eine Wall­fahrt nach Erfurt unternehmen; Niemand wird die Augustinerkirche betrachten können, ohne über die dort abgespielte Tragikomödie eures Unterganges zu lachen. Und daS ist nicht die Stimmung, welche zu dem TodeSernste der Zeit paßt, die heraufsteigen wird, denn »ach euch geht eS an u n ö. Der letzte große Entscheidungskampf aber wird nur die Demokratie und den Absolutismus auf dem Kampfplatze finden.

Schlaft wohl! ihr habt viel gelitten. B.

Deutschland.

* Kassel, 11. April. Die schon gestern nach vsterr. Blättern mitgetheilte Nachricht von der bevorstehenden Verlängerung deS In­terims finden wir auch heute in derAllg. Ztg." bestätigt. Der­selben geht aus guter Quelle zu,daß die Unterhandlungen zwi­schen Wien und Berlin über eine Verlängerung deS Interims und überhaupt eine Verständigung auf dem besten Wege sei. Wie dabei die Selbstständigkeit der anderen Regierungen gewahrt werden wird, ist eine andere Frage, die übrigens nicht schwer zu beantworten." Die diplomatischen Quellen derAllg. Ztg." sind bekanntlich gut. Man kann hieraus sehen, waS mit der Drohung, daß Oesterreich das Interim unter keinen Umständen verlängern, sondern eventualiter mit den süddeutschen Staaten eine eigene Bundesregierung aufstellen werde, für eine Bewandtniß hatte, wie sehr man sich berechtigt glaubte, den verachteten Konstitutionellen Alles, auch daö Widersinnigste aufbindeir zu können, wie wenig Achtung man vor ihrem Verstände und Muthe hat. Daher ruft die Weserzeitung in einem ihrer wenigen lichten Au­genblicke aus:Jetzt ist selbst dre Lüge vernünftig und ehrlich!" und K. Andree, der Abgott der Gothaer, schreibt in der von ihm gegründeten ReichSzeitung " dem Erfurter Parlamente einen Absage-