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24 Sgr. (Sinjelne Nummern in ber Er»

Dritter Jahrgang

Petition (obere Entengaffe Nr. 132 > zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Pelilzcilr 8 Hlr.

ie Hornisse

Hf- S4L Kassel, Donnerstag den 11. April 1850,

Der Zank um deö Kaisers Bart.

Nachdem sich Hr. Vilmar zum Ministcrialreferentcn hat stempeln lassen, nimmt ihm der Bibelspruch:seid klug wie die Schlangen, aber ohne Falsch wie die Tauben", Tag und Nacht seine Ruh. Früher hatte er keine solche Visionen, sein Schlaf war ruhig. In fei' neu historischen Traumen sah er nur mit höchstem Wohlgefallen die blutigen Hinrichtungen der gottlosen Wiedertäufer, und bed Bösewichts Thomaâ Münzer, und den Mord der groben Bauern,vom armen Konrad" undvom Bundschuh", die schon damals die rothe Fahne geschwungen; abpr er selbst kam sich doch immer vor, wie die Friedenstaube, die in die Arche des absoluten StaatS daS Oelblätt- lein bringt, daß die große Sündfluth nächstens vorüber. Mord- gedanken hatte er, aber vom historischen Boden auS, ohne alle Hinterlist, prinzipiell, offen und ehrlich. Seitdem er jedoch täglich ein- und auâgeht in daö kurhessische StaatS»Ministerialgebäude, und zu jeder Minute dem hessischen Radowitz, unserm höchsten Civilchef, und seinem vielseitigen Witze zu Gebote stehen muß, bekümmert er sich sehr in seiner armen sündigen Seele; sein Schlaf ist unruhig und wird gestört von neckenden unheimlichen Traumgestalten. Bald sieht er die leere Staatskasse vor seinen Augen umherwanken; bald erscheint ihm als wildes Klageweib, als trauernde Wittwe daö Budget mit der verwaiste» Schaar von kleinen und großen Defizits; bald sieht er, wie sein armer Meister, HanS Hassenpflug, von einem furchtbaren Lindwurm, dem Staatsbankerott, verfolgt wird, während dieNeu- hessische" ihn mit Stecknadeln in die Waden prickelt. Dann erscheint ihm Machiavell, und winkt ihm mit schlauem Lächeln, einem Maune zu folgen, der an seiner Seite geht, und auS dessen Taschen Ströme von Gold und Assignaten fließen; es ist der pfiffige Law. So wälzt er sich unter dem Eindruck fieberhafter Träume schlaflos auf seinem Lager, bis endlich der ersehnte Morgen herandämmert. Dann sinkt er vor seinem Betpult auf seine frommen Knie und unter dem lauten Gesang eines alten FlagellantenliedeS geißelt er sich mit einem Strick, mit welchem einst sein Gevatter, der Ketzcrrichter Eonrad von Marburg, den schönen Leib der heiligen Elisabeth zerfleischt haben soll. Darauf betet er alâ Schlußgebet:Herr, verleihe Schlangenklug­heit meiner unschuldige Taubenseele", setzt sich hin und schreibt flugS für seinen Volköfreund einen neuen Vorschlag zur LandeSorganisalivn, womit er jährlich beinahe 40,000 Thlr., sage Vierzig Tausend Reichsthaler, ersparen will.

Ach, bei dem finstern Gotte, der da Heimsuchct der Väter Misse­thaten au den Kindern bis inü dritte und vierte Glied! eS ist eine furchtbare Lage, ein Land zu regieren, wenn man kein Geld hat; eS ist eine üble Erbschaft, wo alle Kisten und Kasten leer sind, und wo daö beneficium invenfarii hinwegfällt; eS ist haarsträubend, Minister und Ministerreferent sein zu müssen, blos zur Ehre Gottes im Himmel, während der Bankerott in der Welt umhergeht als brüt- lender Löwe, und suchet, die er verschlinget.

Wie muß man sich anstrengen, um zu zeigen, daß man ein prak­tischer Staatsmann ist, daß man nicht blvö mit Salbung predigen und mit Andacht schimpfen kann, sondern daß man derrechte Mann, die Sünden der Väter Eberhard und Scheffer gut zu machen, Bauer und Bürger von Steuern zu befreien, und dem rollenden Staatö- wagen, der dem Abgrund deS Vankcrottâ zustüizt, ein gebieterisches Halt zuzudonnern. O allerdings, wenn wir in der Zeit der Wun- der wären, würde ein solches Donnergeschrei, mit obligaten Bibel­sprüchen vermischt, nicht ohne Wirkung fein, vielleicht fiele Gold statt Manna vom Himmel, oder Rothschild verstand sich ohne Zinsen zu einer neuen Anleihe. Nur ein Wunder kann unS retten", hat Na-

dowitz schon im Jahr 1846 geschrieben. Hier ist ein Wunder", schreit der große geistliche Staatsmann,glaubet nur!" Und damit vferirt er unS eine neue Landeöverwaltung mit 40,000 Thlr. Erspar- niß. Aber ach, leider fehlt der Glauben und man lacht ihn auS! Ja, so verworfen ist die sündige Welt deS 19. Jahrhun­derts , daß man nicht einmal einem Pastor noch Glauben schenkt, den der Herr selbst inspirirt, wie er unS jeden Augenblick versichert, und daß man, wenn er anfängt, guten Rath auf Befehl GotteS zu er­theilen in Diesem und Jenem, man mit ihm wirklich in tiefe Besorg­niß und Trauer geräth, daß Eberhard so gewissenlos war, die Be­gründung einer Jrrenheilanstalt für Kurhessen zu verzögern. Eberhard hat leider in seiner gutmüthigen Schwäche nicht geglaubt, daß die Muckerei sobald wieder Modekrankheit werden würde, obgleich die De­mokraten ihm oftmals prophezeit und deßhalb auf schleunige Be- gründung einer solchen Anstalt gedrungen haben.

Nun haben wirS! Und Eberhards Apostel und Jünger müsse» in ihrer Bibel, in der Neuhessischen Zeitung, anstatt die unfehlbare» Lehren von der konstitutionellen Praxis predigen zu können, gegen die Hellseherei deâ Pietismus zu Felde ziehen. Und wie ernsthaft und wie grimmig fechten dir lieben Don Quirote gegen die Windmühlen, welche der Mucker in seinem Volksfreund gegen sie aufrichtet, damit sie sich voll Wuth einbeißen und daran die Zähne auâbrechen sollen. Auch die Demokratie ist stets der Ansicht gewesen, daß die neun Be­zirke, in welche Kurhessen durch Eberhard getheilt wurde, für ein so kleines Land eine Bielregicrung genannt werden muß, daß man et sehr wohl bei der ehemaligen Provinzeintheilung lassen konnte und nur Rinteln und Schmalkalden für sich zu stellen brauchte, allein sie hält eine Vereinfachung der Verwaltung nur möglich durch eine grö­ßere Befreiung der Gemeinden und durch eine selbständigere Verwal­tung der Bezirke durch sich selbst, alâ dieö in dem halb reaktionären BczirkSrathSgesetz beliebt wurde. Auf eine kleine Ersparniß hierbei kommt eS ihr weniger an, als auf eine große durch den Wechsel deS ganzen Systems. Auch wir sind der Ansicht, daß Staatâquackfal- berei ist, die Menge für seine Person und Ansicht dadurch zu ködern, daß man ihrem Geldbeutel eine kleine Erleichterung verspricht. Wir haben deshalb stets mißbilligt, wenn die Landstände selbst, um sich populär zu machen, ihre Diäten herabsetzte», oder über die Koste» einer langen Berathung klagten. Nicht dadurch begründet sich daS Wohl des Staates, daß dann und wann hier und da einige Heller an den Ausgaben abgezwackt werden, um auf anderer Seite ungenirt nicht blos 666 Thlr., sondern doppelte Ministergehalte und Pensionen und dergleichen Lumpereien auSgeben zu können, sondern dadurch, daß ein System im Staate herrscht, wonach kein Staatsbeamter öffentlich oder heimlich StaatSgelder und StaatSvermögen in seinen Nutzen oder zu nicht vom Volk verwilligten Zwecken verwenden darf, ohne daß ihm der Prozeß gemacht wird als Dieb, Betrüger und Un- terschläger. Exempla sunt odiosa, aber daâ darf und muß gesagt werden, daß dazu niemals in einem konstitutionellen Staat eine Aussicht ist. Man denke an Ludwig. Philipps Spitzbubenstreiche. Je monarchischer ein Staat, desto größer der Betrug und die Verschwen­dung. Man sehe ans Rußland, wo jeder Staatsbeamte stiehlt, was er kann. Nur in einem republikanischen Staat, wo keine Krone über dem Gesetz und dem öffentlichen Urtheil steht, wo kein Thron als Schutz und Schirm der Uebelthäter und Betrüger benutzt werden kann, nur da ist eine wohlfeile, d. h. keine spitzbübische Verwaltung möglich. Darum ist unS der ganze Vilmarisch- Reuhessische VerwaltungSzank ein Windmühlengefecht, ein Streit um des Kaisers Bart. Sie habe» sich Nichts vorzuwerfen!