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W rilter Jahrgang.
Petition (obere Entenaasse Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
M^ 82.
Kassel, Dienstag den 9. April
1S5O.
Der Versucher.
„Herr, führe uns nicht in Versuchung, denn mit Speck fängt man Mäuse, und Dein ist die Macht und die Kraft und die Herrlichkeit", — so höre ich voll Verzweiflung die konstitutionellen Mäuse pfeifen, die an der pol'rten Mäusefalle geschnüffelt haben, welche der Rattenfänger von Marburg ihnen in seinem „kurh. Volksfreund" Nr. 28 stellt unter dem Titel: „die konstitutionelle Opposition". — „Herr, führe uns nicht in Versuchung, denn waS ist eine konstitutionelle Staatsforni?" Es ist eine faule Monarchie, in deren Speck sich „rasche" Ratten und Mciuse Löcher bohren und darin wohnen, und der Speck sind die MinisterpvrtefeuilleS, Bezirködirektorensitze und Referentenstellen. Und wenn die Monarchie wild wird, so streift sie unter furchtbarem Grunzen an einem beliebigen Thürpfosten diese Blutegel hinweg. Daß sie dadurch nicht gerettet ist, sieht sie freilich nicht ein, denn die Monarchie ist dumm und freut sich ihreS Lebens, bis sie unter der Hand des Schlächters verblutet. DaS ist ihr unabänderliches Geschick, — nachdem die undankbaren, hurtigen konstitutionellen Mäuse und Ratten mit ihren dicken Bäuchen längst rasch und entschlossen davon gerannt sind, um ihren Nahrungsspender und ihren Speck im Stich zu lassen.
Die gute Monarchie ist einer furchtbaren Täuschung begriffen, wenn sie glaubt, mit diesen schnellfüßigen Thieren einen Bund auf Leben und Tod schließen zu können gegen ihren Richter, gegen die Demokratie. Diesen Mäusen ist nichts heiliger als ihr Leben und ihre Familie und "'ihr Eigenthum in ihren Löchern, ihnen steht nichts höher als eine schnelle Nctirade, und sie opfern dem Heros Achilles nicht wegen der Unnahbarkeit seiner Fäuste, sondern wegen der seiner Füße. — Es scheint mir also der kluge Hr. Vilmar sich einen Spaß machen zu wollen mit diesen lieben kleinen Nagethieren, wenn er ihnen daö Schicksal der Monarchie vorstellt, und ihnen insinuirt, daß bei einem Sieg der Demokraten sie vor allen Dingen verloren seien. Er ladet sie deshalb ein, einmal ruhig und ohne Jnvectiven und Verdächtigungen mit ihm zu unterhandeln — mit wohlerwogenen Gründen, und er hofft, die speckfressenden Insassen und Spießbürger seines geliebten Opferthiers dahin zu bringen, daß sie sich selbst aufgebcn und damit den Speck, oder sich mit ihm in Vertheidigung der absoluten Monarchie vereinigen. DaS erste ist ihm jedoch die Hauptsache; denn er gibt nicht Viel auf solche „rasche" Bundesgenossen. Um das aber zu erreichen, jagt er ihnen Furcht und Schrecken ein vor dem gemeinsamen Gegner, vor der Demokratie; er bezwingt sich selbst, seine Wuth und seine Verachtung der Massen und ihrer Führer, und stellt sich überzeugt von ihrer Gewalt, Tapferkeit, Gewandtheit, Einsicht und von ihrem baldigen Siege. Der Inhalt seiner Deduktionen ist: „als ganz Kurheffen gegen die Demokratie erbittert war wegen ihrer Putsche in Baden, — (waS übrigens, nebenbei gesagt, durchaus nicht der Fall war) —, wurden 18 Demokraten in die Ständekammcr gewählt; wie wird es werden, wenn ihr unS zu einer Auflösung der Kammer und zu einer neuen Wahl drängt? Dann wird die Demokratie zur Majorität kommen und ihr seid verloren! Ihr seid schon besiegt in der Sache, förmlich überflügelt von eurem Todfeind, der, wenn er einmal zur Herrschaft gekommen, ganz anders zu herrschen weiß, als ein Eberhard und — ein Hassenpflug." — Mau bemerke: anders als selbst ein Hassenpflug. Denn milder kann kein Lamm regieren, als dieser Haffenpflug! „Aber die Demokratie hat eine kräftige Menge hinter sich, und Gesetzgebung und Verwaltung werden in ihrer Gewalt sein nach dem Siege." Also für immer wäre Dir alödann der Speck der Macht und der Herrschaft entrissen, arme konstitutionelle Ratte. Darum höre auf Vilmarö Warnungen, gib nach, wenn in aller Kürze Hassenpflug den Landtag zusammenkommen läßt, um Geld auS dem Lande zu
zapfen, — bewillige die Steuern, die er verlangt, — oder die Demokratie siegt, und dein Speck ist auf ewig verloren. Siehe, Hassenpflug läßt Dir durch seinen Helfershelfer Vilmar die Hand zur Versöhnung bieten gegen den übergewaltigen Feind; Hassenpflug, der konstitutionelle , sanftregierende Minister, der Feind aller Gewaltstreiche sendet zu Dir ab seinen Boten und Getreuen, den redlichen, den biedern , den aufrichtigen Ueberzeugungsmenschen und Mucker Vilmar! — Furchtsame! Was soll Dein Zögern? Hälft du diesen Pakt etwa für eine societas leonina und Dich selbst für den Hasen? Dann hast Du einen trefflichen Gedanken gehabt, zu dem wir Dir aufrichtig gratuliren. Du weißt, die demokratische Presse meint'ü aufrichtig!
Ja, die demokratische Presse ist aufrichtig, sie ist aufrichtiger als die des Herrn Vilmar, der in seiner neuèn Atmosphäre der Residenz, deS Hofs und deS Hrn. Hassenpflug'ö bereits anfängt, mit zwei Zungen zu spreche«, und Studien zu machen in der Kunst, die Gedanken zu verbergen. Er tritt als Versucher heran zu den Konstitutionellen, die von aller Welt verlassen auf einsamer Höhe stehen, von Abgründen umgeben; er tritt zu ihnen in schmeichlerischer Hülle und spricht: „fliegt hinab", und er sagt zu ihnen, Steine in der Hand tragend: „ verwandelt diese Steine in Brod". — Wir rathen den Konstitutionellen, zu bedenken, daß selbst Christus eine solche Aufforderung sehr bedenklich fand, obgleich er nicht ungeschickt in der natürlichen Magie war; — daß sie aber weder fliegen können ohne Flügel, noch Brod machen, wo kein Mehl ist, und daß eS ihr Versucher ebensowenig versteht. — Seht die Schwäche deS Absolutismus, der um eure Gunst, um eure Hülfe zu buhlen beginnt; seht die Verachtung, mit welcher er euch zu seinen Zwecken benutzt, indem er durch Furcht vor einem andern Feinde eure Gemüther unter seine Knute treiben will, mit welcher er euch zum Mindesten auS der Position dcâ Widerstandes, die ihr eingenommen, zu verjagen gedenkt. So verfahren eure perfiden Feinde mit euch!
Hört nun auf den einzigen aufrichtigen, den ihr habt, die Demokratie! Wir geben euch keinen Rath, denn Männern, die sich selbst keinen gegeben bis jetzt, wird man nicht zumuthen, fremden zu folgen. Wir stellen Euch nur das Horoskop. Ihr werdet vergebens versuchen, eine geschlossene Partei zu bleiben, ihr werdet daâ Bedürfniß fühlen, entweder an dem Absolutismus oder an der Demokratie einen Halt zu suchen. Laßt euch immerhin von dem ersteren vorlügen, daß er euch liebevoll aufnehmen und schützen werde! — wir stoßen euch zurück, bis ihr euch zur Demokratie selbst bekehrt habt. Wi r kennen und lügen keine Versöhnung mit der Lüge, wir kennen keine Verbindung mit der Halbheit und mit der Schwäche, — also entweder Diener deS Absolutismus geworden oder Demokraten. Denn daß ihr noch an eure konstitutionelle Monarchie muthig und aufrichtig glaubtet, macht ihr eher dem ungläubigen Thomas vor, als uns. — Obgleich wir euch herzlich gern viel Schwarzenbörnerei zutrauen, so nehmen wir doch zur Ehre der Menschheit an, daß nur falsche Schaam, Eigensinn und Angst auS Euch spricht, wenn ihr der Republik den Stab brecht und vor den Fürsten im Staube winselt. Aufrichtig gesprochen: — seid endlich aufrichtig, oder versteckt Euch in Eure Spinnstuben!
Deutschland.
ff Kassel, 7. April. — Jordan richtet sich hier häuslich ein. Er gedenkt auf seinen legationSräthlichen Lorbeeren auSzuruhen, also seinen Abschied zu nehmen. Welker ist ihm in diesem achtbaren Gedanken vorangegangen und hoffentlich werden ihnen noch andere unserer „besten Männer" nachfolgen. Die „Eigentlichen" haben ihre Schuldigkeit gethan, die restaurirten Fürsten werden ihnen gern eine anständige Pension Nachweisen. Oder waren sie deren nicht würdig? Sind