Erscheint täglich, Montags ausgenommen Vierteljährlicher Abonnementspreis
24 Sgr. Einzelne Nummern in der Ex-
Dritter Jahrgang.
pedition (obere Entengasse Nr. 132) zu 6 Hlr. Durch alle Postämter zu beziehen. Inserate die dreispaltige Petitzeile 8 Hlr.
o r N i
e.
JSr' 81« Kassel, Sonntag den 7. April 1830.
Die Bekenntnisse
Der hessische Volksfreund legt in seiner 27 flen Nummer Zeugniß ab für sich und seinen Minister. Der unermüdliche Defensor Seiner greifswalder Excellenz faßt diesmal alle Anklagepunkte gegen unsern Premier zusammen und widerlegt sie Punkt für Punkt.
Angeklagt ist Hr. Hassenpflug:
1) der Muckerei,
2) der Beamtenschinderei, und
3) der FreiheitSmörderei.
Folgt die Vertheidigung:
Ad 1) Was heißt „mucken" ? Mucken heißt an AlleS glauben, was im Katechismus und in der Bibel steht. Wollt ihr keine Bibel und keinen Katechismus? So seid ihr Scheusale.
Ad 2) Was heißt das: „die Beamten schinden" ? DaS bedeutet nichts Anderes, als die Forderung an die Beamten, in einem christlichen Staate am christlichen Bekenntniß zu halten und den Dienst nicht zu vernachlässigen. Wollt ihr das nicht? So seid ihr Heuchler und Faullenzer.
Ad 3) Was heißt das: „die Freiheit morden"? DaS heißt: „dem Herrn aller Herren dienen und in seinem Namen daS Schwert, das Gott der Obrigkeit gibt, zum Schutze der Guten, aber freilich auch zur Bestrafung der Bösen führen", das heißt: „die Regierung von Gottes Gnaden nicht in eine Regierung nach menschlicher Willkür umwandeln". Wollt ihr das nicht? So seid ihr Räuber und Mörder.
Punctum! Hr. Vilmar weiß, daß wir seiner Konsequenz alle Ehre angedeihen lassen, im Interesse der Jurisprudenz müssen wir aber doch obige Vertheidigung für etwas verfehlt erklären. Wenn ich beweisen soll, daß einer schwarze Haare hat, so ist offenbar der Beweis nicht geliefert, wenn ich darthue, daß schwarze Haare eine ganz passable Körpcrtracht sind. Bibel und Katechismus können namentlich dem phlegmatischen Nationalismus unserer Liberalen gegenüber sehr viel innere Berechtigung haben, die Frage ist aber die, ob sie in unserem positiven Staate die äußere Berechtigung haben, die ihnen Hr. Haffen- Pflug vindicirt hat? Eö fragt sich aber, ob unsere Verfassung verlangt, daß ein Justizbeamter in den üblichen Terminen zum Abendmahl geht? Wir müssen das leider bestreiten. Allerdings geben wir damit zu, daß unser ganzer Rechtszustand voller Widersprüche ist und daß eigentlich kein Mensch wissen kann, ob er glauben muß oder nicht. Darauf kommt eö aber auch gar nicht an. Den konstitutionellen Staat verdaut überhaupt Niemand, als gewisse Leute, die auch Kieselsteine vertragen würden. Wer heißt dem Hrn. Hassenpflug, Minister eines solchen StaateS werden? Ueberlasse er daS den Eberhards und Wippermanns. Als Minister muß Hr. Hassenpflug die Verfassung halten.
Hr. Hassenpflug nehme sich ein Exempel an den Demokraten. Auch den Demokraten ist der konstitutionelle Staat ein Gräuel, ein System voller Lügen und Heuchelei, voller Widersprüche und Absurditäten. Bon! Suchen wir ihn also zu beseitigen. Suchen wir ihn aber nicht zu beseitigen, indem wir unö in seine Armeen cinreihen und Meuderei machen. DaS nennt man im gemeinen Leben „Persidie". Schlagen wir den konstitutionellen Staat vor den Kopf, — dazu haben wir daö Recht; thun wir eö aber alö offene Feinde.
Wie's um die Religion steht, so sieht's um die bürgerliche Freiheit. Wie in einem Gvtteö-Gnadcn-Staate mit weltlichen unverantwortlichen Monarchen die Religionsfreiheit reiner Blödsinn ist, so sind alle konstitutionellen Freiheiten in einem solchen Staate Blödsinn. Preßfreiheit, Gcschwvrnengerichte, Vereinsrecht sind nichts als versteckter Hochverrath, wenigstens Vorbereitungen dazu. Ein „ewiger" Monarch kann solche Institute der sich fortentwickelnden „menschlichen
Willkür" nicht dulden. Aber Hr. Hassenpflug ist als Minister kein Messias, sondern Minister. Ekeln ihn solche Inkonsequenzen, so trete er, wie gesagt, ab. Hr. Eberhard ekelt sich nicht.
Hr. Hassenpflug und Hr. Vilmar sind gar keine üble Menschen, sie sind nur in eine üble Stellung gerathen. Hr. Vilmar und Konsorten können mucken, so viel sie wollen, für unsern LandeSvater und seine ungeschwächte Kraft schwärmen, so viel sie Lust haben, sie können auch Zeitungen schreiben, Treubünde stiften, kurzum: jeder hat feine besondere Inklination und Marotte, Hr. Hassenpflug mag die seinige haben. Aber konstitutionellen Minister darf er nicht spielen. Alö Hr. Professor Thiersch seinem irvingianischen Geschäft eine größere Ausdehnung geben wollte, dankte er als Professor ab und reiste im Lande umher und lehrte seine Völker. Hr. Haffenpflug thue desgleichen.
Hr. Hassenpflug hatte bei seinem Antritt nur einen Weg: er mußte sofort die Verfassung aufheben und eine andere oktroyiren, eine Verfassung, in welcher die Muckerei, Beamtenschinderei und FreiheitSmörderei alS gesetzliche Norm aufgeführt wurde. DaS wäre ein Staatsstreich gewesen, freilich, aber doch ehrlich. Ein paar Staatsstreiche mehr oder weniger, — das macht nichts aus. Gegen „rettende Thaten" hätten selbst die „Liberalen" nichts einwenden können. Aber so? Freilich ist Hr. Vilmar eben so viel im Recht, als die Konstitutionellen, wenn er unsere Verfassung nach dem einen Satz: „Wir, von Gottes Gnaden" interpretirt, sintemalen die Konstitutionellen die ganze Verfassung und als» auch die Gottcüguadcuschaft nach dem Satze: „Wir, die Vertreter deS Volkâ" auölegen,--— allein Hr. Vilmar wird hoffentlich mehr Ehrlichkeit und Kourage besitzen, als unsere Liberalen. Wenn Hr. Vilmar und Genossen konstitutionelle Minister spielen wollen, so müssen sie zu gleicher Zeit Reaktionäre und Revolutionäre, Mucker und Lichlfreunde sein. Machen sie uns daS einmal vor!
Hr. Hassenpflug war ein Heuchler, als er mit seiner Ernennung nicht den Staatsstreich verband. Indessen kann Hr. Hassenpflug daS Versäumte noch nachholen. Er hat sich eigentlich biö jetzt noch passiv verhalten, sich also noch nichts vergeben. Trete er nun aktiv auf. SuSpendire er die Verfassung, die Märzerrungenschaften, die---, suüpendl're er alles (nur den Kurfürsten nicht). Daö ist eine bessere Vertheidigung seiner Person, alö die Vertheidigung Seitens deS Herrn Vilmar.
Geduld! Hr. Hassenpflug wird die Vertheidigung nicht schuldig bleiben. Jedenfalls steht nach dem Volköfreund fest, daß sich unser Premier zur Muckerei, Beamtenschinderei und FreiheitSmörderei, wie er sie versteht und wir sie kennen gelernt haben, fortwährend für berechtigt hält.
Deutschland.
O Berlin, 4. April. — Ich habe Ihnen heute nichts zrr melden, alö die grenzenlose Verzweiflung der Konstitutionellen. Schlag auf Schlag stürmt auf sie ein. Den Vorschlag deö Hrn. v. Rado- witz kennen Sie. Karlowitz hat im Ausschüsse des StaatenbauseS dasselbe erklärt, und hat zu gleicher Zeit seine Befürchtung ausgesprochen, daß daS Gewitter, das sich über Erfurt zusammenziehe, mit der gänzlichen Auflösung deS Sonderbunds enden werde. Ferner ist Bodel- schwingh von den Blokisten abgefallen; er will vermitteln. Damit ist jede Hoffnung auf die ew- bloc - Annahme gefallen. Endlich aber hat die österreichische Regierung erklärt: daß sie, sobald in Erfurt eine Exekutivbehörde eingesetzt sei, auch ihrer Seitö eine ReichSregierung ei»berufen werde. Dann möge zwischen Beiden daS Schwert entscheiden. Wüßten die Eigentlichen, daß eS dahin käme: sie würden jubeln. So aber begreifen sie, daß man ihretwillen keinen Krieg beginnen, daß also die