Erscheint täglich", Mvntagè au^gerwm^ men Vierteljährlicher Xbonnementopreto 24 Sgr. Einzelne Nummern in -bet Ex-
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Petition (obere Entengasse Nr. 132) jü 6 Hlr. Durch alle Postämter zu dezichert. Inserate die dreispaltige Petüzelle 8 Hlre
Xr- 7». Kassel, N-itag den 5. April 1850.
Preußen und iNesterreirh
Die konstitutionelle Partei wird nicht müde, daS Gügerwsche Programm. (Union Deutschlands mit Oesterreich) zu- preisen und die demokratischem Gegner desselben mit den Namen: Phantasten, Philo-i sophcn, Idealisten,. oder auch Flachköpfe« zu beehren Was-die Prädikate anlangt, so sind- d-.S-' so ziemlich.diesclben^ welche vor dem März 1848 der konstitutionellen Partei Seitens der Absolut sten beigelegt wurden. Die- D.mokraten können sich um so mehr darüber trösten, als Hr. v. Gage.n, der dem P ogramm den Numen gab, doch sicher nicht zu den „gescheidten Leuten" gerechnet-werden kann. Hr. v: Ga- gern mag ein" ganz. passabler Mann seinh — auf staatsmännische Kenntnisse wird er sich nichts zu Gute thun. All' seine kühnen Griffe sind ancrkannterweise nichts« gewesen und> geblieben , alö unschuldige Aufwallungen eines unklaren Gefühls. In der- ordinären Politik, wie sie von Seiten der Konstitutionellen - betrieben wird, entscheidet aber doch wohl der Erfolg. Das Gagcrn'schc Programm hat also die Vermuthung gegen sich. Indessen wollen wir noch ein paar Worte darüb.r ».liieren.
Sfr haben in einem früheren Artikel über die Stellung der beiden Großmächte zu Rußland gesprochen. In den Augen Rußlands ist weder die preußische noch die österreichische Politik eine berechtigte, sondern eine- total heidnische, revolutionäre, zerfahrene. Trotz seiner materiellen Schwäche hat daS Czaarcvreich in seiner Politik ein treibendes, unmittelbares, inst-inktähnliches Prinzip liegen. Der Beweis dafür ist die immer von Neuem fi^ kundgebende Liebe zur Propaganda.^ Mag der Gegenstand dieser Propaganda sein« welcher er wolle, cö er (flirt aber« ein solcher. Mag der Kaiser das Evangelium der Knute, der brutalen Unterwerfung predigen, er predigt ein CD a n g e» lium. Die Knute ist ihm GlaubenSsache geworden. Diese einzige Thatsache ist der Rechtsgrund deS Kaisers gegen das westliche Europa. Wer seine Ideen nicht verbreiten will, hat — als Politiker genommen — keine Ideen. Hr. Lamartine hat diese Wahrheit zu einer so. traurigen Gewißheit gebracht,, daß jedes Wort darüber überflüssig iflv
Jede Propaganda hat zwei Wege, den geistigen und den gewaltsamen. In letzter Beziehung ist sie entweder erobernd oder befreiend. Die Propaganda der Knute ist- immer eine eigennützige,- erobernde. Die russischen Czaaren haben seit langen Jahren ihre politischen Glaubenssätze durch Geist und Eroberung zu verbleiten- gesucht. Sie haben darin eine Gewandtheit, eine Klugheit und Umsicht bewiesen, die- zu bewundern wäre, wenn man sie ihres Zweckes wegen nicht verabscheuen- wüßte. Die propagandistischen. Bemühungen- Rußlands im ©üben sind bekannt. Dle geistige, vorbereitende Periode dcrselbcn- ist zum -t-Heil schon seit längerer Zeit vorüber, theils geht sie in aller Kürze vorüber. — Nach. dem Westen hin hat die russische Propaganda - begreiflicher Weise mehr Schwierigkeiten, alâ dort. Nichts- desto weniger,ist der friedliche Weg, dessen wichtigster Kanal der alte Bundestag war, nahezu erschöpft. Sobald die Eroberungen im Süden vollendet sind, werden die Czaaren von einer innern Nothwendigkeit, vom Instinkt- der. Selbste, Haltung getrieben, offen gegen den-Westen- vorschreiten müssen. Der erste Angriff ist-Oesterreich.
Ohne eine gcpauc Erwägung dieser Umstände ist eine richtige putsche Politik unmöglich Natürlich genügt, eS in der Politik nicht, für den Augenblick zu sorgen, die Verhältnisse so-gut oder so schlecht ^ ö^P zurechtznlegen', und das Weitere dem Zufall zu überlasscn.- ES genügt nicht, gleich Hrn. v. Gagern auf daS Programm von K«cm- sier mit der Ausschließung Oesterreichs zu antworten, —--alles -
^ kine Politik ü la Dr; @ift-n hartes Als daS- römisch» Volk- aus den hakigen Berg, gezogen war und sich hier konstiluirt hatte,^ -r..waic der Mann gesteinigt worden, der eine Gagern'sche Politik an-
gerathen hätte. Die Patrizier antworteten dieser Lossagung mit einerl Kriegserklärung, Menenius Agrippa mit dem Beweise, daß eine solche" Trennung der Tod Aller sei. Die Politik deS Möglichen, wie siè" Herr v. Gagern versteht, ist keine Politik" mehr, sondern die Cession^ der Politik. Sie enthält einen Lattdesverrath, die jedem Mann von"' Ehre und Charakter das Blut in's Gesicht jagen müßte. Das Ga- gernsche Programm ist nichts mehr und nichtS' weniger als der unbewußte Verrath Deutschlands an die russischen Pläne.
Gegenüber den propagandistischen Plänen Rußlands gibt eS nämlich' für-Deutsch land nur eine Politik: die Entgegenstellung eines propagan- direnden Prinz'ps, dr h- nötigenfalls der Krieg auf Leben und Tod-- Wir wissen, daß die konstitutionelle Partei kein Prinzip hat, am we»" nigsten ein treibendes, begeisterndes. Aber wir wollen einmal anneh. men, daß sie ein solches hätte, — so wird" Jeder zugeben, daß eS nur in der Forderung- der freien; unabhängigen Nationalität beruhen' kann. Nun wohl! Ist die Ausstoßung eines Drittels unserer Brüder, ihr Verweisen auf ein völker.echilicheS Verhältniß eine wirksame Pro-- Wnba für die „ deutsche Nation ? " Ist das eure nationale Begeisterung, eure Hingebung an das Prinzip? Ist die Verweisung von 40- Millionen Menschen auf russische Hülfe die Art und Weise, wie ' ihr der russischen Propaganda den Weg verlegt?" Wahrlich, durch die Annahme des Gageru'schen Programms wird nicht allein'keine deutsche Nati-on geschaffen, sondern der verstümmelte Leib'Deutschlands wird' hinter den-abgehauenem Gliedern her vor'die Füße des Czaaren geworfen: Wer die Politik nicht so oberflächlich treibt j wie ihr, der muß sich lieber die Brüderschaft der Kroaten und Slavonier gefallen lassen, als Millionen von Deutschen mit denKroaten und Slavoniern in die Arme Rußlands zu treiben. '
Die Ausstoßung Oesterreichs ist'der Verzicht auf "ein propagandistisches Prinzip, baß Eingestäudniß der begeisterungslosen Feigheit. Ihr sagt freilich, daß ihr Oesterreich nicht ausgestoßen, daß eS sich vielmehr aus-geschlossen hätte. Wohlan! So war eö an euch, Oesterreich wieder- zu erobern, so' mußtet ihr Oesterreich zu eurem Bundesstaate zwingen. Ueberstieg baß die Grenzen dt'S Möglichen?' Nun gut, so übersteigt auch der ganze- Bundesstaat die Grenzen des Möglichen, so seid ihr selbst unmöglich. Ohne baß wtedercroberte, mit eisernen Ketten - an euch gebundene Oesterreich gibt eS weder ein Klein- noch ein Großdeutschland, sondern nur noch ein Rußland.
Wäret ihr nicht so kurzsichtig, als ihr seid, ginge die Tragweite " der Gagernftchen Gedanken weiter, als bis zum nächsten Augenblick," so müßte Hr. von Gagern offen bekennen: „daS einzig Mögliche ist" setzt nicht der engere Bundesstaat, sondern eine feste Verbindung mit von Czechen und Serben", so müßte Hb. v. ©tigern sagen: „Lieber die Nationalität opfern, als der russischen Propaganda Thür und Thor öffnen." DaS wär' eine MöglichkeitS oder Nützlichkeitöpol'it'ik,' die " ein besseres Motiv hätte, als die pure Feigheit, den simplen Verzicht.
Zum guten Glück wird baß Gagern'sche Programm in der Kürze eine lächerliche Antiquität sein,- ein Monument' der konstitutionellen Kopflosigkeit. Oesterreich kennt die russische Politik besser, als Herr v. Gage.n sie kennt. Aber in seiner Todesangst- weiß eS nicht, wo hin und wo hinaus. DaS ist ihm aber klar, daß eS ohne Deutschland nicht existiren kann, und daß selbst ein europäischer Krieg kein - zu großes Opfer wäre, falls- Preußen diese Existenz gefährden wollte. Wenn Hr. V. Gagern baß begriffe, so würde er- schon aus Angsi vor dem Bürgklkriege die Grenzsteine des Möglichen 'etwas weiter b uäusseren.
Antwortet nicht, daß baß ein Widerspruch sei, in der Verweisung Oesterreichs auf ein völkerrechtliches Verhältniß mit Deutschland eine Begünstigung der russischen-Propaganda- zu finden- und RußlUtid doch:- für ein in Gegner des preußischen Sonderbunds' zü erklären. Wir hüben gesagt, daß Oesterreich die Pläne Rußlands söhr wohl" durchschaut hat. Eino russische Befürwortuu-g deS Sonderbunds wäre alfduich^r