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Dritter Jahrgang.

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78. Kassel, Donnerstag den 4. April 1830.

Keine Einheit und keine Freiheit!

Daâ ist das ganze Resultat der unermeßlichen Anstrengungen, der unsäglichen Aufopferungen Seitens der konstitutionellen Partei. Die Lage des Komischen sind vorüber, diebesten Männer", dieer­probten Charaktere" stehen jetzt im Zeichen des Burlesken. Die Erfurter Komödie nimmt denselben Verlauf, wie die Berliner. Die Wescrzeitung" erklärt, die Freiheit müsse sich bequemen, eben so klein anzufangen, als die Einheit.

Der Eröffnung des Hrn. v. Radowitz vom 26. März ist eine andere gefolgt, die von zwei Tagen später datirt. Kaum sind die trefflichen Staatsmänner" in die Ferien gereist, als Hr. v. Rado- witz von der Rednertribüne, auf der er Bravo auf Bravo geerntet, vor der dieMänner der patriotischen Aufopferung" Thränen des Dankcö und des belohnten Vertrauens geweint hatten, herab in die Ausschüsse steigt und denselben eröffnet, daß er einige Bedingungen zu stellen habe, einige sehr wichtige Bedingungen, deren Ablehnung leider zu den traurigsten Folgen führen könne. Wie? waS? Rado- witz? Allerdings. Mit derselben Glätte, mit der er am 26. seine Ehre verpfändete für Preußens ehrliche Politik, verkündet er am 28-, daß der VerwaltungSrath die Bloc-Annahme der Verfassung nur daun genehmigen werde, wenn 1) die Grundrechte bei Seite gesetzt würden und 2) die spätere Revision der Verfassung durch einfache Majorität vor sich gehen solle.

Die konstitutionellen Zeitungen berichten, die Ausschüsse seien über diese Eröffnung des Hrn. v. Radowitz und Hrn. v. Carlowitz von gerechtem Unmuth ersaßt worden. Wir glauben das- Auch in Berlin schäumten die Patrioten wild auf und dräueten mit Krieg und HungerSnoth, als der christliche König ihnen sagen ließ, daß er noch einige kleine Wünsche hege, die er schnell und ungeschmälert zu er­füllen bitte. Auch in Berlin stürzten die SimsonS von ihren Bänken und repräsentirten den grollenden Achilles, dessen Freund erschlagen war, als ihnen zugemuthet wurde, ihres Geistes Kind abermals zu verstümmeln, aber nach 3 Tagen saßen die schäumenden Patrioten mit gewohnter Gemüthsruhe und Selbstbeschauung in den Kammern und verstümmelten das Kind und erfüllten die Wünsche ihres Königs. Wenn die Schmach und Verspottung verwunden sind, ist die Stirn der Patrioten wieder glatt wie zuvor, sie ist bereit, neue Schmach, neue Verspottung entgegenzunehmen.

Die konstitutionelle Partei bekommt allmählich eine gewisse Ue­bung, einen gewissen Anstand in der Entgegennahme von Fußtritten. Die Sache scheint bereits Lebenöbcdürfniß geworden zu sein, dessen sich Kultur und Kunst bemächtigen. Die Tage der Entrüstung werden immer kürzer. Auf den einzigen Seufzer und Schmerzenölaut der Er­furter Ausschüsse folgte bereits andern Tags die konstitutionelle Er- mannung.Waö ist'S denn weiter?" ruft heute die ganze Partei.Waö liegt an den Grundrechten?" Lappalien! Noch einen Seufzer, einen Seufzer der Erleichterung, und die Partei erklärt mit aller Nonchalance, deren sie fähig ist:Die ganze Sache hat nur eine formelle Bedeutung. Man kann ohne ein Weiteres auf die Wünsche des Herrn v. Radowitz eingehen." Abgemacht!

Die ganze Affaire hat nur formelle Bedeutung." Wir unsrer­seits wissen, daß die ganze Erfurter Komödie nur eine Formalie ist, daß Herr v. Radowitz dort nicht als Staatsmann, sondern als der andere Hofmarschall von Malortie, komischen Andenkens, fungirt, als Hofmarschall der Contrerevolution, der der Revolution ein anständiges Leichenbegängniß arrangircn soll. Wenn aber die konstitutionelle Par­tei sich mit der formellen Bedeutung der Radowitz'schen Bedingungen tröstet, so können wir darin nichts anderes als eine abermalige Ehr- und Gesinnungslosigkeit finden. Nichts ist leichter und seiger, alâ

eine offenbare Sottise wegzudiSputiren, um den Forderungen deS Ehr­gefühls auâ dem Wege zu gehen. Aber den klaren Augen, den klu­gen Ohren des Volkes gegenüber hilft keine Dialektik und Spitzfin­digkeit. Die Buchführung deö Volkes läßt sich nicht irre machen. Die Eröffnung des Herrn v. Radowitz, feine Bemerkung, daß sein Begehren eine conditio sine qua non fei, sein Drohen mit den unglückseligen Folgen einer Ablehnung ist ein- sür allemal nichts ande­res als eine Bresche in die offerirte Verfassung, eine Freigebung der angeschlossenen Regierungen, eine starke Betonung des Absolutismus. Wenn der erste Ukas geneigte, gefügige Seelen trifft, wird der zweite ihm nachfolgen. Die geforderte Revision wird dann die ganze Ver­fassung wegrevidiren, die Einsetzung der Unionsregicrung wird keine Union mehr finden.

Der König von Preußen beruft sich auf den 7. Januar, auf seine preußische Verfassung. Hr. v. Radowitz hat offen erklärt, daß Preu­ßen zu seinen dermaligen Bedingungen nicht gedrängt worden sei, es seien die eigenen Forderungen des Königreichs. Der König von Preu­ßen, der am 7. Januar seiner Inspiration Worte gab, will durch Erfurt diese Worte nicht brechen, seine gottbegnadete Offenbarung nicht vernichten lassen. Wir haben das zum Voraus gesagt. AlS vor Monaten die konstitutionelle Partei den Berliner Kammern zurief, nur alles anzunehmcn, was von ihnen gefordert werde, damit der König von seiner deutschen Politik nicht abfalle, damit er beideut­scher" Laune erhalten werde, als diese Partei versicherte, daß in Er­furt alles wieder eingebracht werden sollte, da erklärten wir, daß das eine eitle Thorheit, eine arge Verblendung, daß die Botschaft vom 7. Januar nicht gegeben sei, sich von der deutschen oktroyirten Ver­fassung korrigiren zu lassen, sondern daß ihr Zweck sei, diese Ver­fassung zu korrigiren. Wir sagten damals:Wenn dem so ist, so sind alle kleinen Staaten mediatisirt, so haben wir kein deutsches, sondern ein Berliner Parlament, so haben wir kein Berliner Parla­ment, sondern preußische Ukase." Hr. v. Radowitz sagt offen und unumwunden:Dem ist so!" Nach dieser Erklärung sind alle ver­bündeten Staaten berechtigt, vom Bündnisse abzufallen. Wenn der König von Preußen seine Offenbarungen, seine Verfassung als Norm der Erfurter aufstellt, so kann jeder der Staaten fordern, daß die deutsche Verfassung nach seiner Offenbarung, nach seiner Ver­fassung revidirt werde. Ooer stehen hier nicht Gleiche neben Gleichen? Gilt unter den verbündeten Regierungen nicht die Gegenseitigkeit? Welchen Vorzug hat hier der König von Preußen vor dem Kurfür­sten von Hessen? Hr. Hassenpflug wird antworten:Keinen!" Und Hr. Hassen,flug hat Recht.

Diebesten Männer" werden auf die Radowitz'schen Bedingun­gen eingehen. Wenn aber dann dieRevision der Verfassung" kommt, werden sie sehen, daß von allen Enden Bedingungen gestellt werden, ohne welche die Union nicht cristiren könne, Bedingungen, die von Oesterreich und Rußland diktirt, von den kleinen Fürsten kolportirt werden. Daö ehrliche Preußen hat den Anfang gemacht, den Weg gebahnt, seinen Verbündeten die Thüre geöffnet. So ist die Eröff­nung dcö Hrn. V. Radowitz zu verstehen. Nennt ihr daö eine for­melle Bedeutung? Heißt daö eine pure Lappalie?

fällt uns nicht ein, den Aberwitz gewisser Konstitutionellen zu widerlegen, die keinen Werth auf die Entfernung der Grundrechte legen, weil dieselben ja in den Einzelverfassungen garantirt seien. Solche Thorheiten widerlegen sich selbst. Die Forderung ihrer Entfernung genügt uns, um dem Volke zum tausendsten Mal die Augen zu öffnen über die preußische Perfidie, den preußischen Verrath, den Radowitz'schen JcsuitiömuS.

Die Union ist gelöst. Von Einheit ist keine Rede, von Freiheit auch nicht mehr. Die konstitutionelle Partei hat um der Einheit willen alle Freiheit verlottert, die Freiheit ist hin, die Einheit ist nirgends