P ritter Jahrgang.
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Kassel, Mittwoch den 3. April
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Pantheismus, Demokratie und Sozialismus.
Wie der Monotheismus (Gott als einzelne Persönlichkeit), die Monarchie (die Herrschaft des Einzelnen) und das Monopol (das gesellschaftliche Vorrecht Einzelner) ein untrennbares Ganzes des Mittelalters und se ner Umbildungen bis zu der neuesten Zeit bilden, ebenso untrennbar gehören der Pantheismus (Gott als der Geist in allen Einzelnen und die Einheit Aller), die Demokratie (die Herrschaft Aller) und der Sozialismus (die gesellschaftliche Harmonie oder Ausgleichung Aller) in der Gegenwart zusammen. Dessen ist sich auch der durchgebildete Theil , sowohl der Absolutisten, als der Demokraten wohl bewußt. Nicht minder wird jener Zusammenhang bestätigt durch die Thatsachen. Man vergleiche z. B. bei uns in Kurhessen die Verbindung von Hrn. Hassenpflug, Vilmar und dem Adel, man vergleiche das Verhältniß der freien Gemeinden zu der Demokratie und dem Sozialismus. Und so wie die Partei der konstitutionellen Monarchie überall als ein Halbes und Widerspruchsvolles sich darstellt, so auch in dieser Hinsicht. Die Konstitutionellen sind im Allgemeinen ein Zwitterwesen von Monotheismus und Pantheismus, von Monarchie und Demokratie, von Monopol und sozialer Ausgleichung. Wir wollen jetzt die Begriffe und den Zusammenhang von Pantheismus, Demokratie und Sozialismus näher entwickeln.
Die Religion überhaupt ist nichts Anderes, als die Zusammenfassung der Zustande des menschlichen Daseins, also namentlich auch der politischen und sozialen in dem inneren Grunde alles Seins, und die Anschauung dieses Grundcö in der idealen Phantasie. In Indien z. B. bestanden vier Kasten von Menschen, die Priester, die Krieger, die Gewerbtreibenden und die Sklaven. Die Phantasie faßte den Gl und alles Seins in Gott Brahma zusammen, und schaute nun jene 4 Klassen als herausgeboren aus seinem Haupte, seiner Brust, seinem Leibe und seinen Füßen an. Bei den Juden wurde die ganze weltliche Einrichtung als der Wille Jehova's dargestellt. Und so überall.
Ist das Gesagte richtig, so ergibt sich von selbst, daß die Religion der Demokratie, des Sozialismus, nichts Anderes sein kann, als der, und zwar geistige Pantheismus, welcher nur gegenüber bestimmten beschränkteren Vorstelllnigen als Atheismus erscheinen kann. Denn Pantheismus ist die Aufnahme alles Seins in Gott, so daß in ihm Alles lebt, webt und ist, er ist die Gleichheit und Ausgleichung alles Einzelnen im Ganzen. Gott ist nicht der Einzelne, ist nicht Person für sich, welcher eine gottverlassene Welt oder irgend ein gottverlassenes Wesen gegenüberstände, sondern er ist das Sein, die Kraft, die Tiefe, die Einheit, der Geist und die Liebe in Allem. Es ist nicht zu leugnen, daß in der Entwickelung und Vereinzelung des Daseins diese Kraft der Einheit gebrochen und in Entzweiung übergegangen erscheint, daß daher ein Grund der Verneinung (Teufel) angenommen werden muß. Allein dieser Grund ist nicht abgesondert von Golt zu nehmen, er ist die Möglichkeit und das treibende Prinzip der Jndividualisirung, des sich sondernden Lebens, wodurch unendliches Einzeldasein hervorgeht. In diesem Prozesse des Lebens überwiegt nun momentan die Entgegensetzung, aber sie führt sich durch den Prozeß selbst in die Einheit und Harmonie zurück. Auf der Stufe der Menschheit, wo das Erstere der Fall ist, herrscht dann religiöser Einzelglaube, Despotie, Kastengeist, Aristokratie u. s. w. Aber sie lösen sich allmählich auf, und es tritt der Glaube an den allgemeinen Geist, die Demokratie, die gleiche Berechtigung, die Freiheit und die Brüderschaft aller Menschen hervor. Von diesem Skandpunkte aus erscheint dann gerade der Glaube an den einzelnen Gott als das Gott l o se, der G l a u b e an den selbständigen Teufel urw die Hölle als das Teuflische und Höllische selbst. Denn auf diesem Standpunkte weiß der Mensch, daß das Individuelle jowohl berechtigt ist, als andererseits sich mit dem Andern
versöhnen kann und muß, dadurch daß alle Einzelnen sich durch alle vermitteln, dadurch daß der Teufel in dem Ideal der Menschheit selbst versöhnt wird und immer wieder verschwindet. Das ist der Standpunkt des geistigen Pantheismus.
Das Christenthum ist in der That dieser Standpunkt, welcher jedoch selbst eine Entwickelung in sich hat, und zunächst in dem Mittelalter die Form des Heidenthums und der Romantik annimmt, von Luther in die Innerlichkeit zurückgeführt wird und jetzt als der wirkliche Geist des Lebens auftritt. Diejenigen, welche noch in der Innerlichkeit und Romantik der Phantasie ein jenseitiges Leben führen (z. B. Vilmars „Volksfreund") erklären diese gegenwärlig eingetretene Umsetzung der Religion kn Pantheismus für ein Werk des Teufels; indem sie das diesseitige Leben als Verneinung der ewigen Idee erfassen, so müssen sie die Anschauung Gottes in der lebendigen diesseitigen Wirklichkeit für die Verneinung (ihres) Gottes, also für ein Produkt des Teufels erklären. Für ein Produkt des Teufels gilt demgemäß auch die dem Pantheismus in politischer und .sozialer Hinsicht entsprechende Entwickelung: die Demokratie, der Sozialismus. Denn die Demokratie ist selbst nichts Anderes als der Pantheismus des Staats, die Auflösung des Fürsten, des herrschenden Einzelnen und der Einzelnen in die Herrschaft älter. Ich hoffe nicht, erwarte aber, daß die Gegner diesem Ge- dankeu den Vorwurf machen werden, er sei etwas gänzlich Unorga- nisches, etwas Abstraktes. Ich erwidere dagegen, daß die Herrschaft Aller nur die Grundlage enthält, aus welcher das neue Gebäude des Volksstaats auferbaut werden muß. Freilich verlangt auch die Demokratie eine Gliederung, eine Gestaltung, freilich enthält sie auch die Elemente der Aristokratie und Monarchie in sich; aber in ihr sind tiefe Elemente stets vermittelt, stets aus dem demokratischen Boden ausgeboren und in ihm festgehalten, und deshalb eigentlich nicht mehr als aristokratische und monarchische zu bezeichnen, während sie in der Aristokratie ft el bststän d ig und als Volks beherrschend auftreten. Weiter ist der Sozialismus nichts Anderes als der Pantheismus der Gesellschaft, die Auflösung der Privilegien des Bodens und des Kapitals in die Arbeitskraft des thätigen Menschen, die Auflösung dec materiellen Ausbeutung der Einen durch die Andern in die Gesammt - Garantie, in das Leben der Brüderlichkeit. Freilich wird der Gegner auch hier einwenden, das fei ja K o m m u n i s m u s, eine Vernichtung der Individualität, der Familie, des Eigenthums. Allein der Kommunismus, als Idee, nicht als die rohe, brutale Vorstellung einer äußerlichen Gleichlheilung gefaßt, ist nur der Boden, die Grundlage, auf welcher sich die soziale Organisation gestalten muß; er ist nur der Gedanke einer solchen Einrichtung der menschlichen Gesellschaft, daß sich das Produkt der Individualität, das abgesonderte Gut und sein Genuß möglichst, mit allen andern Individuen in's Gleichgewicht setzt. Darin soll der Unterschied der Individuen a u ch zu seinem Rechte kommen. Es soll nur verhindert werden, daß ein Einzelner die Andern absorbiren und zu seinen Sclaven machen kann. Während die mittelalterliche und moderne Grullschaft eie Herrschaft des Einzelnen über das Leben Anderer zu ihrem Fu n da me n t e hat, so soll der Sozialismus die gesellschaft- liche Herrschaft Aller zur Grundlage haben, rind aus dieser Grundlage organisiern und das Individuum sich entwickeln lassen. Wer dieses für unmöglich erklärt, der behauptet nichts Anderes als: Der Wucher, die Ausbeutung, die Herrschaft des Kapitals und Zufalls über die Arbeit sei nothwendig, es fei nicht möglich, eine gesetzliche Grundlage der Gesellschaft zu entwickeln, innerhalb deren die Individuen ihre Arbeitskraft in redlichem Erwerb darstellen können und müssen. Man darf sich unter dem Sozialismus nur kein Ideal in abstrakter Weise verstellen, sondern eine bestimmte Grundlage des menschlichen Zusammenlebens, durch welche die möglichst große Harmonie